Ein kleiner Streifzug durch die Psychotherapie

Wer in unseren Tagen für seine Psyche Hilfe sucht, kann auf ein großes Angebot zählen – braucht aber auch Orientierung, um nicht an falschen Türen anzuklopfen …

Wir leben in einer unruhigen Zeit mit mannigfaltigen Anforderungen, die an uns gestellt werden. Viele Menschen nehmen den Kampf im (und hoffentlich nicht gegen das) Leben als gegeben hin. Manche mögen sich aber nicht mit dem eingehandelten „status quo“ arrangieren oder fühlen sich inzwischen schlichtweg unfähig, in irgendeiner Form weiterzumachen.

Falls es in dieser Situation des gestörten Empfindens, Denkens und Handelns nicht ein stabiles Netz (er)tragen (können)der Freunde oder Verwandter gibt, der kirchliche Seelsorger als Ratgeber ausscheidet, so empfiehlt sich die Konsultation eines Psychotherapeuten.
Doch welcher Therapeut ist nun der beste für mich? Meistens ist der Leidensdruck der Betroffenen groß genug, um hinsichtlich der Wahl anspruchslos zu werden – Hauptsache bald ein freier Termin, ggf. räumliche Nähe und leistbare Tarife, ferner soll die Chemie stimmen. Das ist zweifellos ein wichtiger Punkt – allein die Wesensart des Therapeuten hängt auch maßgeblich von seiner Schulrichtung ab und insofern lohnt es sich, sich mit den verschiedenen Methoden einmal auseinander zu setzen. Eine gute Einstiegshilfe bietet hier der im österreichischen Raum schon zum Klassiker gewordene Band von Stumm/Wirth: „Psychotherapie. Schule und Methoden. Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis“.

Lohnende Fragen an Psychotherapie

Dem Leser des übersichtlich gegliederten Buches wird schnell klar, dass Psychotherapie nicht gleich Psychotherapie ist. Da gibt es Verfahren, die eher analytisch Vergangenes fokussieren – andere wiederum stellen das Jetzt ins Zentrum und entwerfen eintrainierbare Szenarien für eine pragmatische Zukunftsgestaltung. Es macht daher Sinn, die Schulmethoden zu befragen: wie gedenkt ihr meine (überhaupt als krankheitswertig eingestufte?) Störung zu therapieren, bevor man den meist lange dauernden Versuch einer (Selbst-)Begegnung wagt. Weitere gute Fragen sind: welches sind philosophische Grundlagen, wie sieht das zugrunde gelegte Persönlichkeitsmodell aus, was definiert diese Richtung als summum bonum – also als gesund? Wie gelangt man im therapeutischen Prozess in diese Richtung, welche Rollen spielen hierbei Therapeut und Klient, respektive: welche Aufgaben haben sie zu erfüllen?
Mit diesen Fragen gerüstet, kann man sich nun an die diversen Schulen wagen – über ein Dutzend sind in Österreich kassenfähig, sprich, der Klient erhält einen (relativ kleinen) Teil der Behandlungskosten refundiert. Andere Richtungen wären zur Gänze privat zu tragen. Im Folgenden sind exemplarisch zwei Ansätze herausgegriffen, diese werden verglichen und auf ihre Eigentümlichkeiten hin kommentiert.
Die Wahl fiel auf zwei wohl recht bekannte Methoden: den personenzentrierten Ansatz und den der existentiellen Psychotherapie. Letztere ist eng mit dem Namen Irving D. Yalom verbunden – zumindest den lesefreudigen Wienern durch sein Buch „Und Nietzsche weinte“ bekannt, war es doch vergangenes Jahr das kostenfreie Wienbuch. Yalom schrieb weitere lesenswerte Romane (so auch „Die Schopenhauer-Kur“), in denen er seine theoretischen Ansätze leicht nachvollziehbar anhand eines spannenden Plots illustriert. Dem wissenschaftlicher ausgerichteten Publikum sei sein Klassiker „Existentielle Psychotherapie“ oder der Neuling „In die Sonne schauen“(2008) anempfohlen. Doch worum geht es nun Yalom, den man als Vertreter der dritten Wiener (und dadurch selbstverständlich: Psychoanalytischen) Schule bezeichnen kann?

Die existentielle Psychotherapie

Er vertritt die Meinung, dass der Mensch verschiedensten Existentialen (man verzeihe das schwere heideggersche Wort – gemeint sind dem Leben zugehörende elementare Erfahrungen) ausgesetzt ist. Dadurch, dass er sich aber diesen Bedingungen der condition humaine nicht rückhaltlos stellen will (und auch nicht immer kann), züchtet er sich seine (verdrängungsbedingten) psychischen Probleme. Beginnt sich der Klient jedoch diesen Grundtatsachen des Menschseins wie Endlichkeit, Phasen der Vereinzelung, Anfälligkeit von externen Systemen zu stellen und seine diesbezüglichen Gefühle zu klären, so lösen sich die Gewitterwolken bzw. es entsteht die Sicht: der Regen im Leben ist Bedingung für künftigen Sonnenschein. Gesund ist der Mensch, wenn er sich den Wogen des Lebens aussetzen kann und sich nicht verbirgt, in der Hoffnung, so Schaden abzuwenden – in Wahrheit kann er nämlich nicht sein richtiges Leben im Falschen (Rahmen) erfahren.
Eine Orientierung an den großen Individualisten der Philosophiegeschichte Epikur und Nietzsche („Was mich nicht umbringt macht mich nur härter“) ist Yalom anzumerken. Diese philosophischen Inhalte bringt er auch immer wieder ins therapeutische Setting ein. Hier führen zwei gleichberechtigte Partner ein ernsthaftes Gespräch über wesentliche Lebensfragen und der Therapeut deckt offensiv die hinderlichen Arrangements des Klienten auf – er mischt sich analytisch und durchaus stark interpretierend ein.
Yaloms Besonderheit ist die Aufgabe der Abstinenzregel – war es unter Freuds Schülern lange Konsens, nichts Eigenes in die Therapie einzubringen, so vertritt Yalom die Auffassung, dass die Selbstoffenbarung des Therapeuten (mein Umgang mit diesem Problem …) dem Klienten oftmals dienlich ist. Der Klient verpflichtet sich im mindestens wöchentlichen Setting zum rückhaltlosen Offensein, die Befragung und Argumentation mit dem Therapeuten kann durchaus sehr konfrontativ sein.

Der personzentrierte Ansatz

Ganz anders das Konzept eines Carl Rogers, der der große Vater der humanistischen Psychologie ist und dem wir die personzentrierten Verfahren verdanken. Er formulierte drei entscheidende Bedingungen therapeutischen Verhaltens, die sich nun über die Schulgrenzen hinweg als bedeutsam erweisen. Empathie (im Sinne von nicht-wertendem einfühlendem Verstehenwollen der Weltsicht des Klienten) – bedingungslose Wertschätzung (des Klienten, keine Kritik und Verbesserungsvorschläge) sowie Echtheit des Therapeuten (im Prozess).
Diese Trias zeigt schon auf, wie die personenzentrierten Therapeuten an Fortschritte beim Klienten glauben: nämlich nur durch den Klienten selbst. Die anthropologische Grundlage ist also diese: der Mensch ist in steter Veränderung hin zu immer größerer Reife und (vollerer) psychischer Funktionsfähigkeit. Selbstaktualisierung und Selbstregulierung sind große Kompetenzen, die ein Klient im therapeutischen Prozess erwirbt. Am Ende soll eine „fully functioning person“ stehen, die offener für eigene Erfahrungen wird, sich selbst mehr zutraut und daher auch die Umwelt nicht mehr als Gefahr erlebt. Denn bislang waren die (Außenwelt-)Erfahrungen Bedrohungen für das Selbstkonzept des Klienten – entweder machten die Interaktionen das vorherrschende Konzept zunichte oder häufiger galt umgekehrt, dass die zu bewahrenden (negativen) Selbstannahmen das Erproben neuer Verhaltensweisen verunmöglichten.
Ziel einer personenzentrierten Therapie ist also die Bereitschaft zu mehr Veränderung, Flexibilität und Aktivität im Lebensprozess des Klienten. Erreicht wird das durch ein Setting pro Woche, in dem der Klient seine Themen mitbringt und der Therapeut überwiegend re-formulierend konkretisierend agiert und positive Tendenzen unterstützt.

Ein Fazit

Was ist nun besser? Pauschal kann diese Frage sicher nicht beantwortet werden – es zeichnet sich aber ab, dass Personen, die ein paternalistisches Arzt-Patient-Verhältnis gewohnt sind, mit dem Freiraum, den die personenzentrierten Verfahren bieten ihre (Anfangs-)Probleme haben werden. „Mein Therapeut sagt mir ja gar nichts (Neues)“ ist ein oft gehörter Klageruf, der durchaus seine theoretische Legitimität hat.
Im Wohle der Klienten wäre daher über die Arbeitsform anfangs also unbedingt zu informieren – auch über die Intention derselben. Die philosophischen Grundlagen verdienen auch immense Aufmerksamkeit, was hält meine Methode eigentlich für ein gutes Leben? Und nehme ich ihr das zugrunde gelegte Menschenbild ab? Hier gilt es ein Maximum an Übereinstimmungen zu finden und ggf. wäre ein objektiver „Therapy Coach“ eine gute Sache, der anhand der sichtbaren Persönlichkeit eine geeignete Therapieform für den unerfahrenen Klienten vorschlägt und so die Abbruchfrustrationen (inkl. der damit verbundenen Kosten) reduzieren hilft.

Kommentare

also, pffft… ich komme

also, pffft...
ich komme ganz schön ins schnaufen: lesen, lesen, denken, entscheiden, wissen, richtig, falsch. die im artikel empfohlene vorbereitung auf eine psychotherapie klingt nach einem langfristigen projekt, das ständig zu scheitern droht, obwohl es doch gerade davor bewahren will.

und ich denke, es droht nicht nur, zu scheitern, es muss. es muss die erwartung, in den büchern fände sich, was man in den praxen sucht, enttäuschen. die theorien, die anwendung finden, sind ja keine starren gebäude, die über jahrzehnte hinweg bestehen bleiben. da kann es schon vorkommen, dass man von dingen liest, von dem der/die therapeutIn noch nichts gehört hat. die auseinandersetzung mit vielgestaltigen, oft widersprüchlichen ansätzen sind genauso teil der ausbildung, wie die intensive auseinandersetzung mit sich selbst und die sensibilisierung für die vielfältigkeit dessen, was spürbar ist. theorien sind unabschließbar und im wandel. und natürlich auch immer neu lesbar. erkläre ein und dieselbe psychotherapeutische schule verschiedenen menschen: kommen nicht immer andere facetten zum vorschein? tauchen nicht immer andere fragen auf? die frage nach dem menschenbild lässt sich auch für eine/n therapeutIn nicht durch das studium theoretischer texte abschließend und klar beantworten. es wandelt sich mit den eigenen lebenserfahrungen, interessen und eigenheiten. ob sich ein/e therapeutIn noch mit physik, medizin, theaterspiel, genderstudies oder weiß der kuckuck auseinandersetzt, es wird sich auf ihr/sein menschenbild auswirken. also auch das bei der vorbereitung mitbedenken?

ja. warum nicht. allerdings plädiere ich für ein bisschen weniger (leistungs)anspruch und mehr gelassenheit. ich halte es für gar nicht "anspruchslos", wenn man beim erstgespräch darauf achtet, ob man sich halbwegs wohl fühlt. und ich bin geneigt, zu ergänzen: im vergleich dazu, wie man sich sonst unter menschen fühlt. kennt man sich als skeptikerIn fremden gegenüber, wird man dieses gefühl womöglich auch dem/der therapeutIn entgegenbringen. vielleicht gibt es im umfeld geschätzte leute, die jemanden weiterempfehlen können. vielleicht versucht man es an verschiedenen adressen, bevor man sich entscheidet. scheitern lässt es sich immer wieder. belesen oder unbeleckt.

angela

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