Ein schwarzes Schaf für Santa Claus

Schwarzes Schaf
Asymmetrie und wie sie uns überlistet.

Können Sie in Spiegelschrift schreiben, wie Leonardo da Vinci? – Doch. Nehmen Sie einen Stift in Ihre bevorzugte Schreibhand, und halten Sie sich mit der anderen einen Notizblock vor die Stirn. Jetzt führen Sie den Stift zum Block und schreiben groß (von mir aus in Blockschrift) Ihren Vornamen drauf. Nehmen Sie den Block herunter, und lesen Sie nach. Wenn Sie so sind wie die meisten Menschen, haben Sie gerade Ihren Namen in Spiegelschrift geschrieben, ohne es zu merken. Sollten Sie geschummelt und dabei in den Spiegel geschaut haben, haben Sie die Schrift im Spiegel richtig herum gesehen. Leonardo schrieb natürlich nicht vor der Stirn, sondern ganz normal auf einem Pult – spiegelverkehrt, damit niemand seine Aufzeichnungen lesen konnte. Heute trifft man manchmal Volksschüler, die zum Spaß dasselbe machen – vor etlichen hundert Jahren, als die wenigsten Leute lesen konnten, war der Geheimhaltungseffekt größer.

Andersrum

Oder kennen Sie die Overheadfolie, die niemand richtig herum auf den Projektor legen kann? Sie ist mit normalen Buchstaben beschriftet, aber in umgekehrter Schreibrichtung. Wie man sie auch dreht, sie wirkt immer, als läge die falsche Seite oben – ein Folterwerkzeug, um Schüler, Studenten und sonstige Underdogs zur Verzweiflung zu treiben. Probieren Sie’s aus.
Scherze dieser Art funktionieren deshalb so gut, weil alle menschlichen Schriften heute eine deutliche „Händigkeit“ besitzen – ihre Buchstaben „zeigen“ gewissermaßen in die bevorzugte Schreib­richtung und wirken automatisch falsch, wenn man sie umkehrt. Das war nicht immer so: Frühe griechische Inschriften, mindestens eine lateinische auf dem römischen Forum und die unentzifferte Osterinselschrift wechseln die Richtung bei jeder neuen Zeile, wie ein Ochse beim Pflügen (Boustrophedon-Schrift). Ägyptische Hieroglyphen schrieb man sowieso rechts, links, auf- und abwärts, wie es der Platz gerade zuließ. Steininschriften, wenn sie überhaupt für menschliche Leser gedacht sind und nicht nur für Götter und Geister, muß man eben auch nicht so schnell und inhaltsorientiert lesen können – man hat Zeit zum Nachdenken und den Blick frei für die Ästhetik.

Rechtsdrall

Nicht alle denkbaren Schreibrichtungen kommen auf der Welt vor. Keine bekannte Schrift läuft diagonal, keine beginnt am unteren Rand des Schreibmaterials und setzt die Zeilen übereinander. Waagrechte nach rechts laufende Zeilen sind bei weitem am häufigsten – es mag an der Überzahl der Rechtshänder liegen. Im Umkreis linksläufiger Schriften (v. a. Arabisch) stellt man angeblich gezielt Linkshänder als Kalligraphen an. Senkrechte Zeilen, die von links nach rechts angeordnet sind, findet man nur beim Mongolischen. Wenn man mit dem ersten Zeichen der ersten Spalte rechts oben anfängt, outet man sich in Japan und China als konservativ, unter Chinesen außerdem als Taiwanese (die Volksrepublik schreibt alles, auch Klassiker, nach westlicher Manier waagrecht rechtsläufig); jedes chinesische Zeichen für sich genommen schreibt man aber dennoch von links oben nach rechts unten – ein seltsamer Fall widersprüchlich kombinierter Händigkeiten. Schrift, die schneckenartig im Kreis läuft, findet man in arabischen Kalligrammen und Briefen verspielter Biedermeierdamen – sie schrieben von Eck zu Eck. Die Drehrichtung entspricht jeweils der etablierten Händigkeit der benutzten Schrift; man hat keine Wahl mehr.

Beware the Jabberwock

Seit Schrift immer nach derselben Richtung laufen muß, ist „verkehrte“ Schrift zum hervorstechenden Merkmal des gespenstischen Bereichs hinter dem Spiegel geworden – Schlagwort „Anderswelt“. Das erste, was Alice nach ihrem Schritt durch den Spiegel tut: ein Buch aufschlagen und sich über die verdrehten Zeichen wundern. Sinnigerweise ist der Text das Gedicht „Jabberwocky“, das richtig herum genauso wenig Sinn gibt – vermutlich ist das leiser Hohn, denn zu Lewis Carrolls Zeiten produzierten spiritistische Medien mit Vorliebe Geisterbotschaften in Spiegelschrift, deren Inhalt praktisch immer unverständlich oder töricht war. Man dachte im 19. Jahrhundert, die Verstorbenen würden in der „vierten Dimension“ hausen – sie könnten nicht nur dieselbe Schrift jederzeit so oder so betrachten, sondern auch asymmetrische feste Gegenstände wie Schneckenhäuser spiegelbildlich umkehren (Experimente mißlangen) und Knoten in geschlossene Seilschlingen knüpfen (das ging – mit Hilfe von Zaubertricks). In H. G. Wells „The Plattner Story“ (1896) wurde ein ganzer Mensch durch die vierte Dimension gedreht, hatte nachher das Herz rechts, den rechten Leberlappen links (so etwas gibt es wirklich – bei jeweils einem von eineiigen Zwillingen) und konnte nur noch in Spiegelschrift schreiben. Er fuhr auch – in England – auf der rechten Straßenseite Rad. Wie absurd!

Senkrecht

Allerdings läßt sich auch heute noch Schrift produzieren, die eine Spiegelung unbeschadet übersteht. Wörter wie AUTOMAT oder TAXI kann man senkrecht auf ein Schild schreiben, und jedermann liest sie auch im Rückspiegel richtig. Wer gegen einen inzwischen pensionierten Bischof von Augsburg demonstrieren will, schreibt sich ein senkrechtes Transparent: HAUT MIXA! Dann kann die Presse das Foto nach Belieben auch gespiegelt abdrucken (und die Polizei leichter wegen Gewaltandrohung ermitteln). Das geht, weil die Buchstaben A H I M O T U V W X Y senkrechte Symmetrieachsen haben; ebenso die Kleinbuchstaben i l m n o u v w x. Man schreibt uns ein senkrechtes, spiegelneutrales Mail: „uno voll.“ Wir fragen ebenso vertikal zurück: „uno voll wovon?“ Das Senkrechtschreiben erspart man sich, wenn man die Buchstaben zu Palindromen gruppiert; dann kann man das Palindrom an seinem mittleren Buchstaben spiegeln (bei gerader Anzahl zwischen den beiden mittleren). Was für Bonbons lutschte wohl Vorsitzender MAO AM Platz des Himmlischen Friedens? Wenn Monika ein Maultier hat, das sich in der altitalischen Ortschaft Omnovilum aufhält, dann ist der „muli von moni in omnovilum“ (Spiegel zwischen die beiden i). Wir können auch Buchstaben nutzen, die beim Spiegeln zu anderen werden. d/b, p/q. Und wenn wir einen Dummkopf davon abhalten wollen, im provisorischen Namen des chemischen Elements 111 die Silbe „mu“ zu sprechen, beschwören wir ihn: „do, o, no mu in unununium, o noob!“ (Spiegel auf das zweite u in „unununium“).

Waagrecht

Man kann Spiegel auch waagrecht halten, und es gibt andere optische Behelfe, die Schrift an einer horizontalen Achse „umklappen“; einer der elegantesten ist ein zylindrischer Plexiglasstab, in passendem Abstand über die Zeile gehalten. Auch dagegen sind manche Buchstaben immun: B C D E H I K O X c o. HEIKE HOB BEIDE DIEBE HOCH. ICH KOCHE DIE KODEXE; BEDECKE DOCH DIE DEICHIDEE, O HEXODE! Palindrome aus diesen Buchstaben sind möglich, wenn auch noch nicht erforscht ist, wozu sie gut sind, außer um sich über eine Dame zu ereifern, die früher einmal Ehezauber durchgeführt hat: EI, DIE EX-EHEHEXE! EI, DIE! Sinnändernd wirkt der Glasstab, wenn man M und W hinzunimmt: WEIDE DIE HEXE, O HEIDE! Durchs Glas betrachtet heißt es MEIDE; viel vernünftiger, da Hexen doch bedenkliche Personen sind. Dumme Fehler können passieren: Ein amerikanisches Kochbuch mit dem originellen Titel COOKBOOK mußte einmal vom Markt genommen werden, weil der Titel im Vergleich zum übrigen Buch kopfstand. „Aeneas, did Dido love you? What if she asked you now: do you?“ – „O, DIDO DID. I DO, DIDO.”
Nur ganz wenige Buchstaben haben zwei Symmetrieachsen: H, I, O und X. Viel mehr als OHIO wird daraus nicht. OI! HOT! OHIO! Altmeister des unverdrehbaren Superpalindroms, das sogar gleich bleibt, wenn man das Papier auf den Kopf stellt, ist übrigens Santa Claus. Er ruft es alljährlich ungezählte Male aus: HOH HOH HOH!

Der Wald und die Bäume

Wenn uns jemand kyrillische oder griechische Beispiele schicken will, nur zu. Ein paar georgische und armenische Buchstaben könnten sich auch eignen. Hebräische und arabische ziemlich sicher nicht, indische auch nicht; japanische Kana-Schriften schon gar nicht. Unter den ca. 60000 chinesischen Zeichen gibt es schätzungsweise ein paar Dutzend, die eine senkrechte Spiegelung überstehen, wenn man sie eckig genug schreibt; aus ihnen lassen sich sogar sinnvolle Sätze bilden, wie das uralte taoistische Verspaar, das die beigegebene Tuschezeichnung illustriert: „Der Dummkopf Shen sprach: / Ein schwarzes Schaf kehrt ins Waldesinnere zurück / wegen der süßbitteren Tage auf dem Land dreier Könige.“ Man halte das Blatt gegen’s Licht und lese es von hinten, oder man stelle es hinter ein zylindrisches Glas voll Wasser: Der Spruch bleibt unbeschadet, nur die Spalten laufen plötzlich von links nach rechts.
In diesem Sinne. Wir sehen uns dann im Wald.

Empfehlung:
Martin Gardner, The New Ambidextrous Universe. Dover Publications 2005.

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