Ein weder link- noch rechtes Un-Eck

Eigentlich ist das linke (oder rechte) Eck eine ganz normale Kolumne mit einseitiger Meinung. Aufgrund der Strittigkeit des Themas aber haben wir es diesmal um die darauf bezogene, redaktionsinterne Auseinandersetzung zwischen Autor va und Kritikerin as erweitert. (Erste Einrückung: Einwände von as; zweite Einrückung: Antworten von va.)

Wohl wenige Themen werden so polarisiert diskutiert wie die Tibetfrage. Da gibt es einerseits die China-EuphorikerInnen, die, begeistert von der aufsteigenden Weltmacht, die Befreiung der Bevölkerung Tibets von ihren blutrünstigen Herrschern, Leibeigenschaft religiöser Versklavung preisen und auf die Modernisierung, die sonst nie möglich gewesen wäre, hinweisen. Auf der anderen Seite stehen die Tibet-Romantiker­Innen, die nie müde werden ihr großes Idol Tenzin Gyatso, den 14. Dalai Lama, zu unterstützen und aufzuzeigen, welche Verbrechen die chinesischen Unterdrücker am tibetischen Volk und seiner Kultur begehen. In Wirklichkeit stimmt beides und beide Gruppen haben Unrecht.

    as: _Das ist nicht richtig: während die China-Euphoristen zwar tatsächlich Recht und Unrecht haben, haben die tibet-Romantiker nur Recht. Es gibt Beweise für die „Verbrechen, die die chinesischen Unterdrücker am tibetischen Volk und seiner Kultur begehen“. Sie sind damit einfach nicht im Unrecht._

      va: Meiner Einschätzung nach sind meine obigen Aussagen über beide Gruppen belegbar. Unrecht haben sie beide, weil sie die jeweils andere Seite nicht akzeptieren, nicht zuhören können.
      _Das Problem ist, dass wir uns in den letzten Jahrhunderten hier in Europa sogenannte Werte erarbeitet haben, mit denen genaugenommen weder die frühere feudalistische Herrschaft in Tibet noch der KommuKapitalismus des heutigen Chinas vereinbar ist. (Dass eine eigenständige Regierung unter dem jetzigen Dalai Lama eine andere Politik machen würde als es damals geschah, ist eine andere Geschichte, aber irrelevant, weil China Tibet aus strategischen Gründen niemals aufgeben wird und der Dalai Lama ohne seine Vertreibung vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen wäre bzw. nicht die Chance gehabt hätte, die Herschaftsstrukturen in Tibet maßgeblich zu verändern.)_

Was also tun?
Wir im Westen: Erst einmal ein bisschen nachdenken und versuchen, uns in die Situation einzufühlen, bevor wir lauthals und dümmlich Partei ergreifen.
Die im Osten: Einerseits weiter aufzeigen, dass die Situation derzeit nicht erträglich ist, aber mit friedlichen Mitteln, anstatt es mit rassistischen Übergriffen zu versuchen, und akzeptieren, dass China Tibet niemals hergeben wird.

    as: Warum? Warum sollte man das akzeptieren? Woher weißt du das (das mein ich nicht rhetorisch)?

      va: _Aus verschiedensten Gründen: geopolitisch, Tradition, ökonomisch, innerer Zusammenhalt, usw. China müsste sehr am Boden sein, um Tibet aufzugeben. Zumindest mittelfristig schaden sich Tibeter mit Aggressionen nur selbst, schade, aber das ist so. Abgesehen davon tritt auch der Dalei Lama vehement dagegen ein. Und die Sympathien im Westen werden bei aggressivem Vorgehen nicht größer, aber das ist ohnehin irrelevant, weil der wirtschaftliche Wert Chinas viel mehr zählt._

Andererseits einsehen, dass mehr Autonomie – zumindest im kulturellen Bereich – nicht schaden würde, Frieden nur sicher ist, wenn er nicht der ständigen Bespitzelung der eigenen Bevölkerung bedarf und dass Gespräche mit dem Dalai Lama vielleicht gar nicht so schädlich wären.

    as: Eine klare Position zu beziehen wird von so manchem ausdifferenzierten Denker schnell als „lauthals“ oder „dümmlich“ bezeichnet. „Du machst es dir leicht, das musst du alles viel differenzierter sehen, es gibt immer zwei Seiten und vielleicht etlichmal soviele Wahrheiten!“ So verbringt man seine liebe Zeit damit, Probleme so lange hin- und herzuschupfen, bis sie wegdifferenziert sind. Danke, Problem gelöst. Beide haben Recht und Unrecht gleichzeitig. Tatsächlich?! Und ich dachte, einer ist klar im Recht und der andere klar im Unrecht und deswegen kommt man seit 50 Jahren auf keinen grünen Zweig.
      va: _Man kommt zu keiner Lösung, weil sich beide im Recht und ungerecht behandelt fühlen. Ich sag ja nicht, dass man nichts tun soll. Aber man soll friedlich sein, dem anderen zuhören und miteinander reden können. Draufhaun machts nur schlimmer._
    as: Wie sehr trägt so eine Herangehensweise eigentlich zu einer Lösung des Problems bei? Oder will uns der ausdifferenzierte Denker damit sagen, dass es keine Lösung gibt? Hoffentlich nicht, denn richtig: Jedes Problem hat zwei Seiten, natürlich, sonst wäre es ja kein Problem. Aber wäre es nicht fruchtbarer, eine Position zu finden, die weder unbedingt die eine noch die andere Seite ist, sondern sich quasi über einen Punkt C dem Problem A und B zu nähern?
    Ich entscheide mich für eine relativ banale Position und schließe mich dem Kreise der – hoffentlich – Vielen an und sage: Menschenrechte. Es stimmt, das ist nicht sehr originell und schon gar nicht handelt es sich hier um eine ganze neue, ausdifferenzierte Sichtweise. Nein, sie ist Gottseidank mittlerweile relativ alt (darüber können wir differenzieren wenn wir wollen :) ). Die Menschrechte sind eine Errungenschaft, die nicht wegdifferenziert werden darf.
      va: Ich sag nicht, dass die Menschenrechte schlecht sind, sondern dass wir uns darüber Gedanken machen sollten, dass es uns gut geht, weil sie woanders nicht gelten. D.h. überhaupt nicht, dass sie schlecht sind, sondern nur, dass wir eigentlich nach unserer Ethik wohlstandsmäßig zurückstecken müssten, um sie anderen Menschen zu ermöglichen. Allerdings kann man sich auch darüber Gedanken machen, ob sie auf alle Ewigkeiten das A und O der Ethik sein werden.
    as: Und nebenbei: China nicht zu verurteilen, nur weil die Zustände in Tibet heute vielleicht nicht besser wären, wenn dieser Wechsel nicht stattgefunden hätte, ist nicht schlüssig.
    Wenn man heute nach China schaut, so darf man den Fakt einfach nicht wegdifferenzieren, dass Minderheiten, wie Tibeter, unterdrückt werden, diskriminiert, gefoltert, kein Recht auf freie Meinungsäußerung haben, usw.
    _Unter jenem Gesichtspunkt C, muss ich der chinesischen Führung eine klare Absage erteilen._
      va: Ich sag ja, dass man die untragbare Situation aufzeigen soll, nur halt nicht mit Gewalt. Da halt ichs mit Gandhi und dem Dalai Lama.
      _Ich hab nicht das Gefühl, dass wir sehr unterschiedliche Standpunkte haben. Eher Missverständnisse durch die Kürze des Textes. Vielleicht probier ich das nochmal zu klären._
        as (aus einem E-Mail): Hab gerade deine Anmerkungen gelesen und verstehe jetzt besser, woher du kommst. Bleib bei meinem Standpunkt, aber vielleicht bist du eh auch nicht soweit entfernt.
        _Naja, da könnten wir eine laaaaange Diskussion haben._

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