Eine Palatschinke für Billy Corgan

Frontmänner einer Rockgruppe können ganz schön heikel sein, zumindest was das Essen meiner Mama betrifft…

Das hab ich vor Jahren herausgefunden, ich glaub es war 1996 im Wiener Messepalast, auf einem Konzert der Smashing Pumpkins.
Ein saugeiler Gig, trotz der vielen strengen Securities, die einen weder stagediven noch auf der Bühne tanzen ließen.
Nur ein einziges Mal an diesem Abend waren sie unaufmerksam.

Mein Lieblingslied „Geek U.S.A“ hatte gerade begonnen, als drei oder vier von ihnen eine kollabierende Konzertbesucherin über das Absperrungsgitter hieven mussten. Das war meine Chance. Dem mitgekommenen und ebenso nicht mehr ganz nüchternen Freund hinterließ ich meinen Rucksack, dann hechtete ich auf die Bühne.
Es war wie in einem Musikvideo in Zeitlupe. Ich hatte gar nicht gewusst, dass Gitarrist James Iha so schreckhaft ist, als ich ihn von hinten mit beiden Händen an den Schultern packte – „Buh!“.
Ich ließ ihn gleich wieder los und scharwenzelte zum glatzköpfigen Frontman Billy Corgan, dem Sänger und Gitarrist der Gruppe. Der starrte mich an wie einen Außerirdischen, als ich mich so nah vor ihn stellte, dass ich ihm ein Zwickerbussi hätte geben können. Oder er mir.
„Schrumm, schrumm“, schratteten meine Finger über seine Gitarrensaiten – wenn Herr Corgan nicht gerade am Singen gewesen wäre, hätte ich ihm wahrscheinlich die runterfallende Kinnlade auffangen müssen.
Dann tänzelte ich zur Bühnenhinterseite, wo auf einer Verstärkerbox das Bandmaskottchen des Abends – ein langhaariger Latex-Totenkopf – thronte.
In einem Akt der Blasphemie riss ich den Plastikschädel von seinem Platz und hielt ihn, selbstvergessen hüpfend, den grölenden Zuschauern wie einen Siegerpokal entgegen.
Das war dann doch zu viel.
Von allen Seiten stürzten sie auf mich. Der erste Security drückte mir seinen Daumen in den Adamsapfel, der zweite nahm mich in den Schwitzkasten, ein dritter verbog mir den Arm hinter dem Rücken, und der vierte half mich abzuführen.
Mein traumartiger Schwebezustand war dahin. Brutale Männer mit brutalen Gebärden.
Des Konzerts verwiesen, wurde ich am Ausgang von einem zum Glück weniger brutalen Security bewacht.
Der ließ mich dann netterweise bei der Zugabe wieder rein, meinen Rucksack holen. Wir beide konnten ja nicht wissen, dass der Gig noch fast eine Stunde dauern würde. Genug Zeit, um jemandem etwas an den Kopf zu werfen.
Meine Mama ist keine Köchin aus Leidenschaft. Aber Palatschinken machen, das kann sie; als Wegzehrung und Unterlage für die vielen Bier hatte ich mir eine davon, zusammengefaltet und ungefüllt mitgenommen.
Warum ich meine Palatschinke Herrn Corgan, als ich mich endlich wieder zu Freund und Rucksack nach vorn gekämpft hatte, zukommen lassen und nicht selbst essen wollte? Vielleicht, weil seine Glatze so einladend glänzte.
Die Flugbahn – von der vordersten Reihe bis auf die Bühne – hätte perfekter nicht sein können. Wie ein Frisbee flappte die Palatschinke Billy Corgan flächig auf den nackten Eierschädel – Palatschinke und Glatze, wie für einander gemacht – prallte davon ab und fiel, einem nassen Fetzen gleich, zu Boden. Billy – ich darf doch Billy sagen – hielt einen Moment lang inne, bückte sich und schnitt seine Außerirdischen-Grimasse (wir kennen sie von vorhin), als er das wabernde Etwas aufhob und begutachtete. „Is that a fuckin’ pancake?“, muss er sich gefragt haben, kurz bevor er die Palatschinke meiner Mama auf den Boden schmiss und sich mit der palatschinkigen Hand den Schweiss von der Glatze strich.
Den Fuß gegen eine Monitor-Box gestemmt, würgte Billy die Gitarre, so wie er den nicht ausfindig zu machenden Palatschinkenwerfer, also mich, gern gewürgt hätte.

Lange Zeit sind die Pumpkins nicht mehr nach Wien gekommen, nie wieder habe ich sie live gesehen. Und wenn ich sie jemals wieder besuchen sollte, so hab ich mir fest vorgenommen, dann darf Billy Mamas Pausenbrote kennen lernen. Vor denen haben sich meine Mitschüler damals schon gefürchtet. Vielleicht auch gleich einen Bagger hinterher, zum Abwischen der Fettflecken.

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