Entkettenhundisierung

Armes Europa. Da hat es jahrzehntelang an seiner Festung gebaut und plötzlich zerbröseln mir nichts dir nichts die gut durchdachten Wehranlagen jenseits des Burggrabens.
Es tritt sich ja bekanntlich immer leichter nach unten als nach oben. Also hat sich der Norden Europas am Süden abgeputzt und ihm per Erstlandregelung in der Migrationsfrage den schwarzen Peter zugeschoben: Asylanträge müssen immer in dem Land gestellt werden, in dem zuerst EU-Boden betreten wurde. Für Staaten wie Griechenland – und mehr noch für die dortigen Ankömmlinge – eine Katastrophe.

Schlaue Füchse wie Berlusconi finden für so was aber natürlich patente Lösungen und reichen des Problem einfach nach Süden weiter: Abkommen und Millionenhilfen an Gaddafi und Ben Ali sorgten dafür, dass die Flüchtlingsströme bereits im nordafrikanischen Sand versickerten, diskret und unauffällig – ebenso wie die finanzielle Unterstützung aus EU-Geldern. Noch vor einem halben Jahr versuchte Gaddafi von der EU 5 Mrd. Euro zu erpressen, mit dem Hinweis, er könne sonst die Millionen verzweifelter Menschen nicht zurückhalten und Europa würde unweigerlich zu einem zweiten Afrika.

Nun aber steht Europa vor dem Scherbenhaufen seiner kurzsichtigen und – weil mit den eigenen Werten in keiner Weise vereinbar – unmoralischen Afrikapolitik. Hätte mau sich der Problematik früher gestellt, Importzölle zum Schutz der eigenen Landwirtschaft aufgegeben, durchdachte Entwicklungszusammenarbeit statt Diktatorensubvention forciert und vor allem eine generell mehr auf Ausgleich und Solidarität statt auf den eigenen Vorteil bedachte Politik geführt, so hätte mau die Migrationsströme zwar auch nicht aufhalten, aber doch verringern können.
So aber kommt der Aufprall zwar später, dafür aber umso härter. Die nordafrikanischen Diktatoren waren nur das Vorspiel zum Hauptstück, das auf der Bühne Europa gespielt werden wird. Mubarak, Ben Ali und Gaddafi sind nur die ersten Dominosteine. Aber das ist schon in Ordnung so. Wir können sogar stolz sein: Immerhin geht es um Demokratisierung, soziale Gerechtigkeit und Freiheit – alles „europäische Werte“. Nur halt ungünstigerweise auf Europas Kosten.

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