Es lebe der Tonträger!

Musikstreaming und Online-Musikbibliotheken (deren Bezeichnung als "Bibliotheken" für sich genommen schon ein Verbrechen darstellt) mögen für viele einen Riesenvorteil bieten: Schier unbegrenzt, überall und allzeit verfügbare Werke, und obendrein unkaputtbar. Der Ärger über zerkratzte CDs oder von Kassettenradios verschluckte Kassettenbänder ist Geschichte. Die Folge? Ohne Angst haben zu müssen, dass es womöglich das letzte Mal war, ein Album (störungsfrei) genossen zu haben, sinkt auch die Wertschätzung dafür. So ärgerlich es sein mag, die Kratzer auf der Scheibe zu betrachten, die dem akustischen Kunstwerk den endgültigen Garaus gemacht haben (oder, für ältere Semester, der Ärger über die Bandeln, die man aus dem Autoradio ziehen muss): die Vergänglichkeit des Tonträgers macht den Ton erst richtig erlebenswert; so wie auch Erlebnisse des täglichen Lebens gerade dadurch mehr Wert bekommen, dass das Leben ein Ablaufdatum hat. Die Unsterblichkeit der Musik in der Spotify-Kultur führt dazu, dass Lieder "im Vorbeigehen" gehört werden. Materielle Tonträger dagegen sind nicht nur vergänglich, sondern es ist auch mühsamer, sie zum Laufen zu bringen: Es genügt nicht, maximal ein paar unbeschwerliche Klicks durchzuführen, sondern man begibt sich zum Regal, öffnet eine Hülle, dann ein Einlegefach. Auch die Klicks auf die Tasten eines Abspielgerätes (oder der Fernbedienung) sind kraftvoller im Vergleich zu einem Touch-Screen. Hat man sich solchen Strapazen erst mal ausgesetzt, so wird klar, dass es einem oder einer auch wirklich wert war, das Werk von Kunstschaffenden zu genießen. Ganz zu schweigen davon, dass es einen Verlust darstellt, wenn man sich nicht das zugehörige Booklet mit zum Fauteuil-Sessel nehmen kann, um es während der Beschallung eingängig zu betrachten. Auch (oder gerade deshalb), weil es in meinem Beweggrund für diese Zeilen um einen Begleittext am Booklet geht, der folgende (von Pessoa zitierte) Aussage beinhaltet: „Es sind meine Bekenntnisse, und wenn ich in ihnen nichts aussage, so weil ich nichts zu sagen habe“. Oh ja, und wie viel das zu sagen hat. Und wie viel mehr man dann hört!

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