Essen über den Wolken

In Zeiten wie diesen … nein … nichts über die Wirtschaftkrise, nein … in Zeiten wie diesen, wo die Flugtickets günstig sind, zwar nicht so günstig wie in der Werbung versprochen … aber dennoch erschwinglich sind, reisen wir also recht oft mit dem Flugzeug …

Es heißt wir würden „fliegen“, dabei sitzen wir nur in einer komischen Maschine, die wie ein hässlicher erlahmter Vogel aussieht, der zwischen den Wolken nichts verloren hat. Und während wir „in der Maschine“ sitzen, gibt es da zwei bis drei Menschen, die ich schon immer sehr merkwürdig fand. Nein, nicht der Pilot, Gott sei Dank sieht man den ja nicht, er soll in Ruhe seine Arbeit machen, ja nicht abstürzen.

Aber die Stewardessen oder Stewards, die sind gemeint. Was mich seit jeher beschäftigt, ist die Frage: Warum sprechen diese Menschen an Bord so merkwürdig? Warum betonen sie alles so komisch und warum werde ich halbtaub sobald sie anfangen zu sprechen? Ich höre den Klang ihrer Stimme und wie sie was betonen, aber ich verstehe kein Wort. Sobald sie die blöde Lautsprecheranlage zur Hand nehmen und anfangen mit „Ladies and Gentlemen … we welcome you blablablablablablabla, we wish you blablablabla … Sehr geehrte Damen und Herren, Sie befinden sich blablablablablabla … wir wünschen im Namen blablabla.“ Ich verstehe kein Wort. Ich höre nur, dass alles komisch ausgesprochen wird, wie eine deplatzierte Frage. Ich wünsche mir, dass Stewardessen so deutlich sprechen wie die charmanten U-Bahnfahrer in Wien. „Zuuug fäääääääährt aaaaaaaab!“ mit einem latent aggressiven Ton, aber klar und verständlich. Aber diese Stewardessen und Stewards mit dieser nervigen Freundlichkeit, dieses Lächeln, diese Heuchelei, und das eingesperrt in einer Maschine über den Wolken. Und dann das Essen.
Ja, das Essen ist schon eine Sache für sich. Wenn man es nicht mit Humor nimmt … hat man dann ein Problem. Auf Kurzstreckenflügen geht die Stewardess oder der Steward durch die Reihen mit der gleich debil klingenden Frage „Käse oder Pute? Käse oder Pute? Käse oder Pute?“ und das hört man dann die ganze Zeit, bis sie endlich mit allen Reihen durch ist. Auf Langstreckenflügen wird es luxuriöser. Man darf zwischen Fisch oder Fleisch oder Geflügel entscheiden. Man fragt besser nicht, ob denn Geflügel nicht auch Fleisch ist. Dann, wenn man also völlig ausgetrocknet und beinahe verhungert die Stewardess oder den Steward bei sich stehen hat, möchte man gleich auch sagen: „Bitte auch einen Orangensaft oder ein Cola“. Und die Antwort lautet „Meine Kollegin kommt dann mit dem anderen Wagen, ja?“ und sie grinst. Warum grinst sie jetzt? Wir grinsen zurück und möchten fragen: „WANN?“ und sind kurz davor, sie am Ärmel zu ziehen, aber keine Rauferei an Bord provozieren.
Wir essen also unseren Fisch, der nach Papier schmeckt, unser Geflügel, das nach Stoff schmeckt, wir sind schon beim Dessert, ein entrückter Pudding, die Kehle ist zugeschnürt, wegen Terrorgefahr durfte man seine eigene Wasserflasche nicht mitnehmen, denn man könnte ja mit der Plastikflasche dem Piloten eins über die Rübe ziehen und sein zarter Kopf würde die Attacke meiner Evian-Wasserflasche (nagut, Römerquellewasserflasche) nicht überleben.
Also sind wir dazu verdammt, eine äußerst trockene Zunge zu haben und werden zunehmend aggressiv. Wir sehen uns um, die Kollegin mit den Flüssigkeiten ist schon zu hören: „Cola? Mineralwasser? Tomatensaft?“ Aber sie bewegt sich in Millimeterschritten zu mir. Das muss eine Halluzination sein, aber nein, sie bewegt sich wirklich sehr langsam. Spätestens jetzt kommt mir der Gedanke, dass ich eigentlich in einem schlechten Restaurant bin, das sich in der Luft befindet, und ich möchte aussteigen, und zwar jetzt. Jetzt wird klar, dass wir alle eingesperrt sind in dem miesesten Restaurant mit dem miesesten WC, das es geben kann. Und wir bereuen aus tiefstem Herzen, keine Wasserflasche nach der Passkontrolle um 2 Euro 60 gekauft zu haben, denn nach der Passkontrolle darf man wieder eine Wasserflasche kaufen, nachdem man die eigene um 45 Cents entsorgen musste. Über all das denke ich nach, bis die Stewardess endlich bei mir ist, aber sie bewegt sich nicht vom Fleck. Sie grinst. Irgendein unzurechnungsfähiger Passagier hat zurückgegrinst und sie aufgehalten mit dem Getränkewagen.
Ich werde das nicht überleben. Wenn wir abstürzen, werde ich keine Kraft haben zu überleben weil ich ausgetrocknet bin. Als ob man nicht schon genug am Hals hätte mit dem trockenen Essen, das die servieren in ihren Liliputportionen, meldet sich der nervige Pilot andauernd: „Das Wetter ist gut, bei klarem Sonnenschein blablablablablabla, die Außentemperatur blablablabla“, irgendwer muß ihm das Mikrofon aus der Hand nehmen. Und weil wir nichts Besseres zu tun haben, starren wir auf die vor uns liegenden Reste dessen, was wir da gegessen haben. Die Musik ist ebenso scheiße wie das Essen. Welcher Wachkomapatient hat sich diese Musik ausgesucht?
Ich möchte an Bord Freddy Mercury hören. Volle Lautstärke. Und zwar sollen es alle hören, durch denselben Lautsprecher, den der blöde Pilot nutzt. Und zwar entweder Freddy Mercury „Who Wants to Live Forever“ als dezenten Wink an die Stewardess oder aber „Another One Bites the Dust“, je nachdem. Oh ja, das wünsche ich mir von Herzen. Und dann soll es in der Maschine eine Menükarte geben: Pizza Cardinale, Margarita, Spinatpizza, eine Portion Tiramisu, scharfe Chips und Soft Eis, Sodazitrone zum Trinken und für die, die sich übergeben müssen, Kamillentee zur Beruhigung. Und alle, die gut funktionierende Deodorants haben und wohlriechend eingestiegen sind, bekommen einen Preis, einen Muffin als Draufgabe. Jawohl!
Aber nein, die Stewardess mit den uns erlösenden Getränken ist noch ganz weit weg und unterhält sich mit einem Vollidioten, der sich eine Uhr kaufen möchte und sich nicht entscheiden kann, welches Modell er wählen soll. Und dieses komische Essen, das nach nichts schmeckte, aber angeblich von hoher Qualität ist, steckt uns im Hals. Ob die in der ersten Klasse was anderes essen? Egal, wenn die Stewardess und der Steward mit dem Psycholächeln es ihnen bringen … kann nicht viel anders sein.
Dann reimen wir uns zusammen, ganz clichéhaft, welcher der Anwesenden mit wem eine Affäre hat und warten immer noch auf unser Getränk. Mittlerweile ist der Plastikbecher von unseren Fingern so gut wie zerstört, wir blättern entweder in großformatigen Zeitungen, um so zu tun, als ob wir gebildet wären und dieses unhandliche Format gut fänden, oder in bunten Magazinen, wo wir uns fragen, warum Camilla und Charles so (un)glücklich sind.
Und dann nach einer Weile des Zweifelns, der existentiellen Not bzw. der mittlerweile sicher dicken Zunge, steht sie da, engelsgleich neben einem mit demselben unschuldigem Psycholächeln: „Was möchten Sie trinken – Cola … Mineralwasser? …“
ACHTUNG!! Jetzt nicht einfach irgendwas sagen. Schön schauen, was sie überhaupt hat. Manchmal fragen sie, ob man Cola trinken will, haben aber keins mehr und sagen dann sie sind „gleich“ wieder da und dieses „gleich“ ist kein Wort, das wir hören wollen. Nicht jetzt. Tomatensaft gibt es immer zur Genüge. Gute Wahl. Wenn man das Zeug getrunken hat, bereut man, dass man überhaupt Durst hatte, und macht dann resigniert und gestresst ein Nickerchen.
Was anderes bleibt einem ja auch nicht übrig, so eingesperrt über den Wolken.

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