Für immer ich

gui gui cover

Mit seinem Debütroman „Gui Gui oder Die Machbarkeit der Welt“ hat Hubert Weinheimer bewiesen, dass er auch lange Formate durchgehend überzeugend gestalten kann.

Der Titel, mit dem eine vorläufige Begegnung mit diesem kompakten Text anfängt, nimmt das Motiv vorweg, das in der Kunst des zugereisten Oberösterreichers vorherrschend ist; die Zweischneidigkeit, eine Polarität von Aussagen, ein Kontrast, der an den Pranger gestellt und auf die Spitze getrieben wird. „Chanson-Punk“ verschränkt als angeführte Genrebezeichnung Weinheimers Band „Das Trojanische Pferd“ zwei disparate Attribute. „Gui Gui“ wirkt wie ein Nonsense-Wort und erinnert an den Dadaismus, während „Die Machbarkeit der Welt“ streng philosophisch anmutet und von Schopenhauer stammen könnte. Scharfdumm nennt man solche Verschränkungen, oder, um die Referenzen weiterzutreiben, bittersüß, wie ein Songtitel des letzten Albums lautet. 


Und so geht es eben formal und auch inhaltlich um die bipolaren Kräfte. Eine einzige, grenzgeniale Ausgangssituation breitet sich über acht Kapitel zu einem Roman aus, der kämpferisch und dynamisch eine Haltung zur Welt auf dem Papier festsetzt. Das Große wird im Kleinen sichtbar gemacht, die Welt im Brennglas des eigenen Bewusstseins erfahren. Ein Schauspieler sitzt auf einem isolierten Strand und verarbeitet ein kürzlich erlebtes Trauma. Er wurde von seinem Bruder dazu gezwungen, diesen umzubringen. So einfach könnte eine Inhaltsangabe sein. Wechselt man aber die Blickrichtung oder denkt spiralförmig weiter, wird man verrückt vor Optionen. Die Vielzahl der Lesarten und Konsequenzen, die sich ergeben, wenn man die simple Grundkonstellation weiterdenkt, ist wohl der größte Reiz dieses Buches.

Man könnte es eine Novelle nennen, findet man doch die für diese Gattung charakteristische „unerhörte Begebenheit“ in Reinform vor. Allerdings wird die Singularität einer Novelle nicht eingehalten, sondern abwechselnd retrospektiv in Gedanken und Reflexionen des Protagonisten gestochert und den Dialogen während der lebensentscheidenden Situation gelauscht, wobei diese Ebenen sich zusehends rückkoppeln. Das einschneidende Ereignis liegt zurück und die von ihm heimgesuchte Gegenwart dominiert. Die Erinnerungen sind nie deckungsgleich mit der Wirklichkeit, man kennt das, und folgerichtig verliert die Hauptfigur mit Voranschreiten der Erzählung immer mehr den Realitätssinn. Von der Flexibilität der Erinnerung zeugen die vielen Relativierungspartikel und rhetorischen Fragen, wie „ja?“, nicht wahr?“, „habe ich nicht recht?“ am Ende der Satztiraden. Hier vergewissert sich einer seiner eigenen Welt, indem er sich von anderen entfernt: „Vielleicht suche ich bloß einen Gegner, jemanden, an dem ich mich abarbeiten kann, jemanden, von dem ich mich klar distanzieren kann, um durch diese Abgrenzung wieder etwas an Kontur zu gewinnen. Wer, ich?“

Die Aufspaltung des Selbst in Gegenpole und die literarische Darstellung dessen als zwei Figuren wirkt ein wenig obsessiv. Gibt es nicht, ist man versucht einzuwerfen, wenn man voraussetzt, dass es so etwas wie eine plurale Identität gibt, gleich die Option auf mehr als zwei, auf fünf, einundzwanzig oder fünftausend Identitäten? Eine moderne Vorstellung, die Weinheimer seinem Figurenspiel nicht gönnt. Er setzt stattdessen als erschreckend existenzielle Grundkonstellation des traditionell anmutenden Romans auf die kreisende Bewegung des Zweiergesprächs, auf die Dialektik von Protagonist und Antagonist, die immer auch ein wenig aussichtslos, weil alternativlos erscheint. Kunst ist in diesem Fall Reduktion, Konflikt und Seelenbeschau. Will man dem Gegenüber antworten, ist man auf sich selbst zurückgeworfen. Und verarbeitet man das Geschehene retrospektiv, ist man erst recht allein und hat überhaupt nur mehr sich selbst. Zwei, die sich dissoziativ streiten, müssen einander abstoßen, bis die Diskrepanz tödlich wird. Brüderpaare sind schon seit Kain und Abel ziemlich beste Feinde und der Bruderzwist ist eine passende Parabel für die Ambivalenz des Selbst. Wenn man – wie Weinheimer – keinen Bruder hat, so nimmt man schlicht die krassesten Widersprüche im eigenen Leben und lässt sie auf der Bühne der Selbstreflexion aufeinander losgehen, samt großen Geschützen, Pauken und Froschchören. Eine Literatur, die radikal ist und mutig, die wehtut und glüht und stichelt wie Disteln am trockenen Sandboden.

Die Distanz zu den alltäglichen Dingen wird durch den fernen Strand symbolisiert, auf dem der sündige Schauspieler versucht, zu vergessen, dass er seinen Bruder per Kopfschuss ins Koma befördert hat (oder ist er gar schon tot?). Eigentlich eine abscheuliche Tat, sich so an seinem engst Verwandten zu vergehen, wäre da nicht die mildernde Unfreiwilligkeit, mit der der Protagonist in das Pistolenduell geraten ist. Sein jüngerer Bruder hat ihn dazu gezwungen, er hat ein einziges Mal im Leben Haltung bewiesen, einen eigenen selbstgerechten, perfiden und vernichtenden Plan geschmiedet und seinen Abgang inszeniert. Und damit in Nachahmung der Persönlichkeit seines Bruders eine ausweglose Situation geschaffen, deren Ausgang wiederum nur die Konstellation bestätigt, die erst zu ihrem Entstehen geführt hat und so zugleich inkonsistent und konsistent ist. Die titelgebende Machbarkeit der Welt wird paradoxerweise zugleich bestätigt und widerlegt. Das „Jein“ auf Seite 2 kann als zeichenhaft gelten. Es ist dieser schizophrene Fatalismus, der als Grundschwingung des Buches gesehen werden muss: „Das Ende steht von Anfang an fest. Es ist ein Spiel, bei dem es darum geht, zu verlieren.“ Falls das zu verwirrend ist, hat man sich schon zum Kern jener Fragen begeben, die einen noch lange nach der Lektüre beschäftigen.

Beide Brüder tragen am Ende dieses Gedankenexperiments Schuld. Juristisch könnte man auf Notwehr, ethisch auf störrischen Solipsismus plädieren. Eine Rolle wird einem aufgezwungen, durch Geburt, Leben oder Umfeld. Kann man von Schuld reden, wenn man etwas nicht aus eigenem Willen tut? Welche Kategorie von Mensch ist moralisch überlegen?  

Sorgfältig und prozessual werden die Charaktere mit gegensätzlichen Eigenschaften angefüttert. Kunst gegen Sport, Eigenbestimmung gegen Religion, Alter gegen Unwissen, Anführer gegen Nachzügler. Die Hierarchien im Denken der Hauptfiguren scheinen unüberwindbar deterministisch, das Urteil oft in Stein gemeißelt und doch aus der Metaperspektive fraglich. Hass und Identifikation gehen zusammen und ein gewisses Naturrecht, bei dem der Stärkere gewinnt, scheint bestimmend zu sein.

Hubert Weinheimer in den Wiener WeinbergenWie in Weinheimers Songtexten wird man bei der Lektüre nur ein wenig einbalsamiert, vor allem aber in seinen eigenen Widersprüchen herausgefordert, gekitzelt, besser eher gekratzt. Es sind die magnetischen Gegenbewegungen zweier gegeneinander ankämpfender Mächte, in deren Mitte die Anziehungskraft dieses Buches entsteht. Abstürzen und Emporsteigen zugleich, wie es ein Youtube-User kommentiert. Irgendwie so Punk mit Rosen, oder besser, um ein weiteres Symbol des Buches zu erwähnen, mit Feigen. Sehr viele, teils poetische Wortspiele werden verwandt, genial einfache Analogien aus Physik, Natur und Mechanik zur Illustration herangezogen (Anziehung und Abstoßung, Widerstand, Druck, Belastung). Weinheimers Hang zur Phrase mag seinem musikalischen Denken entspringen, im Roman sorgt er dafür, dass jeder Gedanke auch auf mehreren bildlichen Ebenen nachvollzogen werden kann. Die wortgewandte Bissigkeit ermüdet beizeiten, nämlich dann, wenn die metaphorischen Aussagen ausufern und den referenziellen Boden unter den Füßen verlieren. Andererseits zeigt diese mäandernde Sprache auch die Wirrnisse im Kopf des Protagonisten. An vielen brillanten Formulierungen kann man sich jedenfalls erfreuen. Und an der Handlung, die neben dem Urkonflikt doch auch einige andere Figuren anführt, welche als Nebendarsteller dafür sorgen, dass die erzählte Gegenwart gegenüber der traumatischen Vergangenheit an Bedeutung gewinnt. Da gibt es einen Plantagenbesitzer, der im Wahnsinn auch als König gesehen wird. Da gibt es den magischen Ort Medialuna, der vielleicht nur eine verfallene Wasserstelle ist. Da gibt es einen Italiener, der wirklich am selben Strand zu sein scheint, der aber auch die nervige Beiläufigkeit der Gesellschaft und die Unentrinnbarkeit vor dem System verkörpern könnte. Wirkliche Ruhe findet der Protagonist während seiner anstrengenden Erfahrungen auf der Insel nur „bei den Fröschen“, in einem Tümpel. Die Charaktere und Orte bilden eine Topographie, die gleichzeitig real und symbolisch gelesen werden muss. Das romantische Motiv des Doppelgängers fügt sich gegen Ende fast zwangsläufig logisch ein.  

„Mein Gott, was hab ich mich geliebt!“, das singt Weinheimer in „Hartes Brot“. „Den Selbstgerechten gehört die Welt, denn sie sind nicht verlogen.“, das steht auf der Rückseite. Ein Motto, das einem nur gefallen kann, wenn man selbst ebenso selbstgerecht ist, oder sich zumindest selbst darstellen kann, das aber sicher für viele eine unbequeme Weisheit in sich trägt. Der, der mit Nachdruck spricht, hat die Wahrheit gepachtet, „wie auch immer diese aussehen mag“. Unentschiedenheit ist Sünde. Lieber Sterben als Mittelmaß. Am liebsten das unbedingte, totale Leben. Beliebigkeit des Sinns, aber Überzeugung im Handeln. Sich die Welt Untertan machen, indem man im Taumel ihre Funktionsweise ausnützt. So tönen die Lehren dieses Buchs. Die subtil eingewebte Ironie bewahrt den Leser jedoch vor allzu enger Identifikation. Gerade die dichtesten Passagen suggerieren einen Ausweg aus dem Psychodrama ins heilsame Gelächter.

Trotzdem ist „Gui Gui“ kein erhebendes Buch, es erinnert in seiner pragmatischen Radikalität eher an Bernhards „Untergeher“ (der Protagonist heißt Wertheimer) oder an Kleists Schicksalserzählungen. Psychologischer Realismus und poetische Surrealität geben einander die Hand. Weinheimer ist ein raffinierter Denker und Sprachkünstler und versteht es, aus dem diffusen Material der Sprache Sätze zu filtrieren, die augenscheinlich die erlebte Wirklichkeit auf einfache Formeln zu reduzieren imstande sind. Sätze, in die man sich verlieben kann und die man zitieren können will. Dass diese fast aphoristische Syntax nicht im Kalenderspruch verebbt, sondern geradezu eine abartig schöne und doppelbödige Welt erschafft, die in sich plausibel, spannend, amüsant und doch kaum zu glauben ist, verleiht ihm nach der stürmerischen Krone des Frontmans auch das wuchernde Zepter des Literaten.

„Gui Gui oder die Machbarkeit der Welt“ ist im April in der Redelsteiner Dahième Edition erschienen.

Kommentare

Schönes Umschlagsbild!

... mit lauter Steinbüchern drauf! Viel Glück - Jan

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