Fürchtet euch nicht

Londons Atheisten verkünden die etwas andere frohe Botschaft: “There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life.”

So steht es geschrieben, und zwar ab Jänner 2009 auf Londons Bussen, initiiert von der „Atheist Bus Campaign“. Blasphemie? Nein, Großbritanniens Kirchen begrüßen die Aktion, sie rege die Menschen zum Nachdenken über Gott an und wäre somit sogar aktive Werbung für die Religion. Tja, das kommt wohl ganz darauf an, wer konkret die Nachricht liest. Die Traudl am Weg zur Apotheke denkt sich: „Eine Frechheit! Und das auf den öffentlichen Bussen!“

Mit glutrotem Gesicht schlurft sie nach Hause und nimmt sich vor, diesen Abend für die armen Seelen, die diesen Unsinn veranlasst haben, zu beten. Viktor kommt gerade aus der Bank, als er die Aufschrift erblickt. Er denkt: „Apropos Gott, Blumengießen am Friedhof darf ich nicht vergessen!“ Lisa ist am Heimweg von der Agentur und erblickt den Bus. Sie denkt: „Oh, sehr nett. Wie gut, dass ich bereits genieße!“ Niemand wird wegen diesem Aufkleber seine Meinung zu Gott oder Religionen ändern. Die Hardliner bleiben Hardliner, die Mitläufer bleiben Mitläufer und die Atheisten bleiben Atheisten. Von Werbung für oder gegen irgendetwas kann hier nicht die Rede sein. Ein weiteres Argument der Kirchenanhänger zur Entkräftung der Botschaft: Wenn sich jetzt nicht einmal mehr die Atheisten sicher sind, dass es keinen Gott gibt, dann kann man sie sowieso nicht mehr ernst nehmen. Vielleicht sind die Atheisten aber einfach nur mit der Gabe gesegnet, Unwissen zugeben und akzeptieren zu können. „Glauben“ und „Religion“ sind eigentlich widersprüchliche Begriffe, keine Religion baut auf Eventualitäten, ihre Botschaft besteht aus beinharten Fakten, die nicht in Frage zu stellen sind. Unwissenheit verursacht bei vielen Menschen anscheinend Angst, daher wird Unwissenheit mit religiösem Antworten beseitigt. Ein „probably“ kann sich eine Religion nicht leisten, dementsprechend müssen die kirchlichen Oberhäupter diese Kampagne belächeln. Sie erwarten sich eigentlich eine klare Gegenposition. Warum der Gottglaube für religiöse Menschen auch unweigerlich mit Angst verbunden ist, zeigt sich in einem kleinen Gedankenspiel: Wen schmerzt es mehr? Den Gläubigen, wenn sich herausstellt, dass es keinen Gott gibt, oder den Atheisten, wenn sich herausstellt, dass es einen Gott gibt. Der Gläubige hat etwas verloren, der Atheist hat etwas dazugewonnen.
Dieses Statement der „Atheist Bus Campaign“ bringt eben diesen besonderen Aspekt von Religion auf den Punkt, die Verknüpfung von Glauben und Angst. Doug Pinnick, der Sänger und Bassist der einst christlich angehauchten US-Rockband King’s X, sagt in einem Interview: “The greatest thing that happened to me was, when I stopped believing in God, I stopped believing in the Devil. When I stopped believing in the Devil, all my fear went away.” Eine große Erkenntnis. Besonders spannend wird seine Aussage, wenn man erfährt, warum der tiefreligiöse Mann überhaupt in eine Glaubenskrise gefallen ist: Er hat sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Daraufhin sind die King’s X-Alben aus den christlichen Bookshops verschwunden und Herr Pinnick hatte plötzlich weniger Freunde, weniger falsche Freunde. Der Teufel, vor dem er sich gefürchtet hat, saß in den eigenen Reihen. Aber gerade die Angst hat ihn an die Glaubensgemeinschaft gebunden, denn sie vermittelt das Gefühl, ein Gegenmittel für alle Ängste zu sein. Nur was hat man von einem Wissenschaftler zu halten, der ein Gegenmittel für das Gift verkauft, das er selbst verbreitet hat?
Glauben ist ein gefährlicher Schritt in Richtung Lüge, denn „ich glaube“ heißt „ich weiß es nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass mir gewisse Antworten unter gewissen Umständen von Nutzen sind.“ Glauben heißt sich selbst zu schützen, notfalls auch sich selbst schützend zu belügen. Daran ist noch nichts Verwerfliches, wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch mit sich selbst anstellen kann, was er oder sie will. Glaubt aber jemand andere Menschen schützend belügen und Unwissenheit mit Glauben auffüllen zu müssen, dann ist Vorsicht geboten. Das beste Mittel gegen Angst und panisches Glauben ist Mut zur Unwissenheit. Wir müssen nicht alles wissen. Nicht wissen heißt nicht zwingend glauben.

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