Faust im Auge des Betrachters

Was halten Sie von Goethes Faust? Was für eine Frage! Womöglich das bedeutendste Werk der deutschen Literatur schlechthin. Ein Menschheitsdrama, ein Meisterwerk, sprachgewaltig, ruhmreich und einzigartig.

Aber haben sie den Faust auch gelesen? Äh, ja … also … Auszüge in der Schule. Teil 1 wohlgemerkt, der 2. Teil ist ja ohnehin unlesbar und den ersten fand ich ebenfalls totlangweilig. Aber gut ist es trotzdem. Sicher sogar. Ein großartiges Werk, soviel ist gewiss.

Soweit das theatralische Vorspiel. Wir wollen uns das besagte Stück einmal hernehmen und ganz unbefangen betrachten. Dass es den Geniestreich eines gewissen Goethe darstellt, haben wir schon oft genug gehört. Um es gut zu finden, bräuchten wir es also gar nicht zu lesen. Doch wie nennt man das, wenn man etwas tut, oder empfindet, nur weil alle anderen es so sagen? Eben! Mit einer solchen Vorgehensweise hat der Bagger schließlich nichts am Hut.

Des Pudels Kern

Zunächst befremdet einmal die Sprache. Wo auch immer man das Buch aufschlägt, springen einen theatralische Wort- und Satzgebilde an. Nichts gegen die gebundene Sprache, schließlich handelt es sich um Dichtung. Doch allzu oft holpert das Versmaß wahrnehmbar, Reime werden durch Verdrehungen und Ausflüchte in den Dialekt erzwungen und bei manchen Formulierungen fragt man sich ernsthaft, ob die Ausdrucksfähigkeit eines Schülers tatsächlich nicht unter solcher Lektüre leidet: „Bin weder Fräulein, weder schön“. Das Streben nach einem sprichwörtlichen Stil erscheint ebenfalls zwanghaft und bei manchem beliebten Zitat fragt man sich unwillkürlich, was zuerst war, das Huhn (die Hochschätzung des Werkes), oder das Ei (die Erhabenheit des Ausspruches). Doch nicht nur die Sprache, auch der Inhalt ist es ja, dem dieses Werk seinen Stellenwert als Schlüsselwerk der Weltliteratur verdankt. Zwar hat Goethe bekanntlich die Legende von Dr. Faustus nicht erfunden, doch seine Darstellung dieser Begebenheit ist von einzigartiger Kraft und Wirkung.

GretchenEine Tragödie

Zunächst wird jedoch für dieses Menschheitsdrama der Prolog sicherheitshalber in den Himmel verlegt. Der Herr, ein eher farbloser Weltenherrscher und Mephistopheles, eine ambivalente Teufelsperson zwischen Zyniker, Rabauke und Frauen­versteher, schließen ihre Wette bekannten In­haltes ab. Warum der Herr gerade an Faust als Gegenbeispiel denkt, wenn Mephisto von armen Menschen in ihren Jammertagen spricht, bleibt zunächst unklar. Doch Mephisto darf den Faust nach biblischer Tradition verführen und nach allerlei schwülstigen Allge­meinplätzen seitens des Herren schließt sich der Himmel und Faust darf die Bühne betreten. Faust, die klassische Identifikationsfigur der Menschheit, ein mehrfacher Akademiker und Professor, Gelehrter und Alchimist darf nun seine Zitate schwangere Rede vom Unfrieden, der Zerrissenheit und der Aussichtslosigkeit des menschlichen Strebens schwingen. Faust und der Autor flüchten sich sodann ins Geisterhafte und ein Selbstmord wird nur knapp verhindert. Wenig später tritt Mephistopheles zunächst als Pudel auf. Es folgen Hexensabbate, die Verführung des armen, aber unglaublich reinen Gretchens, deren Schwängerung, die Ermordung ihrer Familie und schließlich ihre Hinrichtung als irre Kindsmörderin, während sich Faust und Mephisto zu neuen Abenteuern aus dem Staub machen.

Der Teufel im Detail

Die Figuren bleiben durchwegs ambivalent und ihre Fähigkeiten, Wandlungen und Intentionen oft der Auslegung des Lesers/Zusehers überlassen. Allein die Figur des Mephisto bleibt wenig greifbar. Jener Teil der Kraft, die „stets das Böse will, doch stets das Gute schafft“ ist durch seine Spottorgien zwar witzig, aber in psychologischer Hinsicht eher unausgereift. Als klassische Teufelsfigur und Verführer ein wenig zahnlos und ohnmächtig, als Redenschwinger und Zyniker dafür umso ausgeprägter. Auch seine Zauberkräfte scheinen einmal überwältigend, dann wieder auf die Hilfe und das Mitwirken von anderen Mächten angewiesen. Der in Fausts theatralischen Reden beschworene Dualismus der zwei Seelen (ach) scheint durch diese Figur unzureichend verkörpert. So wird die anfängliche Ernsthaftigkeit des faustschen Strebens (das jedoch gleich durch die Beschwörung von Geistern karikiert wird), durch eine Witzfigur kontrastiert, was jedoch mit dem ursprünglichen Entwurf der Faustlegende, auf welche ja zweifellos im Prolog im Himmel Bezug genommen wird, nur schwer vereinbar scheint. Bei Faust selbst wird die Wandlung vom verzweifelten Wissenschafter zum lüsternen Stutzer vorsichtshalber gleich auf einen Hexentrunk zurückgeführt. Klar, dies erspart dem Dichter die mühselige psychologische Konstruktion, welche eine solche in irdischen Gefilden nachvollziehbar macht. Gretchen hingegen bleibt Randfigur. Ihre Handlungsmotive werden dem schlichten Faktum ihrer Weiblichkeit zugeschrieben. Eine selbst für die Zeit der Entstehung dieses Werkes platte Darstellung.

Handlungsstrang?

Sofern man dem Gretchendrama des ersten Teiles eine gewisse inhaltliche Kohärenz unterstellen möchte (beim 2. Teil fällt dies wirklich schwer), bleibt die Frage, welche Bedeutung Szenen wie beispielsweise jener in Auerbachs Keller, zuzumessen ist. Wir können uns mit Mephistopheles an den vorgetragenen Liedern, dem Weinwunder und der Derbheit der anwesenden Gesellschaft delektieren, oder mit Faust eher angewidert auf die Abreise hoffen. Nun gut, der Autor hat etwas über für derbe Sprüche und Kalauer. Inwiefern dies jedoch für die Handlung relevant ist, oder diese gar vorantreibt, darf bezweifelt werden. Ganz allgemein erscheint das Bestreben des Dichters, das eine oder andere Wortspiel noch an den Mann zu bringen, bedeutender, als die Entwicklung einer konsistenten Handlung, die dem Versuch, eine Darstellung der menschlichen Psyche in all ihren Fassetten zu erdichten, gerecht wird. Am Ende von Fausts leichengepflasterter Odyssee steht schließlich der Satz, dass uns das Ewigweibliche hinan zieht. Ein zweifelhaftes Menschen- und vor allem Frauenbild, das uns hier am Ende dieses Wälzers die Glückseligkeit verspricht.

Wirkungskraft und Samen

Die Wirkung eines Werkes ist dem Zeitgeist unterworfen, dies galt schon lange vor der sogenannten Popkultur. Bei Goethe ist die Wirkung der Leiden eines gewissen Werthers von geringem Alter verbrieft und diese stellt zweifellos den Grundstein seines Ruhmes dar. Die Wirkung dieses und anderer Werke des genannten Autors scheint vergleichsweise lange Zeit angehalten zu haben, auch nach dem Freitod des einen oder anderen gestiefelten Anhängers. Im Laufe der Zeit scheint sich jedoch ein gewisser Totalitarismus in Bezug auf Literatur und Kunst im Allgemeinen auszubilden. In der Vergangenheit gefällte Urteile werden nicht mehr hinterfragt, sondern dankbar übernommen. Von Zeit zu Zeit vollzieht sich jedoch ein sprunghafter Wandel in der öffentlichen Rezeption des einen oder anderen Werkes. Zunächst verdammte Bücher werden plötzlich als große Kunst gefeiert und manchmal umgekehrt. Auch wenn hier oft politische Faktoren eine Rolle spielen, zeigt dies doch, dass Ruhm allein auch in der Literatur nicht unbedingt von Qualität zeugt. Ob gut oder schlecht liegt letzten Endes im Auge des Betrachters, doch wird uns diese Betrachtung oft großmütig abgenommen. Die ganze großbürgerliche Kulturmaschinerie ist aus Bequemlichkeit und Mutlosigkeit viel eher auf das Wiederkäuen des Ewiggleichen ausgerichtet, denn die Frage der Qualität ist bei einem derartigen Werk seit langem und ein für alle Mal geklärt. Die gleichsam blasphemische Fragestellung jedoch, ob die Tradition der Verklärung eines gewissen Werkes eher aus einem mehr oder weniger lange anhaltenden Zeitgeist heraus zu verstehen ist, oder auf gewissen zeitlosen Aspekten beruht, wird aus Eigennutz und Konservativismus schlicht ausgeklammert. Sind etwa Grimms Märchen tatsächlich ein wertvoller Beitrag zu einer aufgeklärten Pädagogik? Diese Frage soll hier am Rande unkommentiert in den Raum gestellt werden. Wir wollen aber die Schule im Dorf lassen und niemandem von der Auseinandersetzung mit Goethe abraten, denn das wäre letztlich nichts anderes als versuchte Manipulation. Die Frage, ob ein Werk seinem verfestigten Ruf gerecht wird, oder ob eine neue Beurteilung an der Zeit wäre, bleibt demnach offen und wird umso weniger von reißerischen Artikeln in Baumaschinenblättern beantwortet werden.

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