Fließende Identitäten

EbruDer Fotograf Attila Durak begibt sich in seinem Buch „Ebru“ auf die Suche nach den vielfältigen kulturellen, religiösen, sozialen und ethnischen Identitäten der Türkei.

Ebru bezeichnet eine traditionelle, im Osmanischen Reich gebräuchliche Maltechnik, bei der man in Wasser gelöste Aquarell-Farben auf Papier aufträgt – die so entstehenden, wolkigen Marmor-Muster scheinen beständig in Fluss zu sein, schwebende Ornamente, die immer neue Formen hervorbringen. Für den 1967 in Gümüşhane im Nordosten Anatoliens geborenen Fotographen Attila Durak bedeuten die fließenden Muster in der farblichen Vielgestalt eines Ebru jedoch mehr als dies: Er begreift sie als Sinnbild für kulturelle Vielfalt, das besser als jede andere Metapher die fließenden Identitäten der verschiedenen ethnischen Gruppen in der heutigen Türkei sowie das Erbe früherer kultureller Einflüsse widerspiegelt.

Ebru ist für ihn die Antwort auf die Frage, die er sich stellt, wenn er mit nationalistischen Slogans à la „Die Türkei gehört den Türken“ konfrontiert sieht. Sie lautet: „Wer sind sie denn nun, die Türken?“
Um dies herauszufinden, begann Durak – der nach eigenen Angaben zur Fotografie kam, weil er sich an der Uni in Istanbul seinen Notendurchschnitt mit einem Fotokurs aufbessern wollte – im Jahr 2000 zunächst mit dem „Trockentraining“: Anhand der vorhandenen ethnographischen und anthropologischen Literatur identifizierte er die 47 wichtigsten in der Türkei vertretenen Volksgruppen und fertigte einen Plan an, mithilfe dessen er Sponsoren von seinem Projekt überzeugen wollte: das Ebru-Projekt.
NusayriDieses Projekt führte ihn in weiterer Folge auf eine 5 Jahre dauernde Reise durch seine Heimat, auf der er Tausende Menschen porträtierte, von denen uns das schließlich 2006 erschienene Buch „Ebru – Reflections of Cultural Diversity in Turkey“ auf rund 400 Seiten (im Format 29 × 31) eine Auswahl zeigt: Aseri, Tscherkessen, Jesiden, Araberinnen, Brillenträger, ArmenierInnen, Turkmenen, Kirgisen, TatarInnen, Gadjal, Assyrer, Griechen, Pomaken, Hip-Hop-Adepten, Usbekinnen, KurdInnen, Lasen, Roma, Nusairier, Hemşinli und unzählige andere, in allen nur erdenklichen Variationen: sunnitisch und wettergegerbt, alevitisch, tättowiert, griechisch-orthodox, jüdisch-kokett, christlich und ungeschminkt, schiitisch, atheistisch, mit Hut oder ohne, in der Jurte oder vor einem Bild Pablo Picassos. Ein komplexes Geflecht von kulturellen, religiösen, sozialen, geschlechtlichen und ethnischen Identitäten, deren kultur- und sozialanthropologischer Kontext in der türkischen Gesellschaft in mehreren Essays, etwa von der Anthropologin Ayşe Gül Altinay, auf sehr erhellende Weise dargestellt wird. Außerdem liegt eine CD mit einer Auswahl von Volksliedern der verschiedenen porträtierten Ethnien bei – das Wichtigste bleiben bei all dem jedoch die fantastischen, jeden Anflug von exotisierend-orientalistischen Kitsch weitgehend vermeidenden Fotos Attila Duraks. Seine Reise ging übrigens auch mit Erscheinen des Buches nicht zu Ende: Seit er im Jahr 2007 in der Soho Photo Gallery in New York die Ausstellung „Ebru: Reflections of Cultural Diversity in Turkey“ eröffnete, tourt er mit dem Ebru Project durch alle Kontinente, um sein Verständnis und seinen Beitrag zur Debatte um kulturelle Vielfalt in die Welt hinaus zu tragen.
So sehr er das reichhaltige kulturelle Erbe schätzt, das die von ihm Porträtierten repräsentieren, so sehr ist ihm jede Essenzialisierung ihrer Kultur fremd: „They have every right to be this way; but they don’t have to be, and neither are they obligated to remain so.“ Ein wunderschönes Buch, bei dessen Lektüre und Betrachtung man jede Menge lernen kann – und zwar nicht nur über die Türkei und ihre BewohnerInnen, sondern auch über sich selbst und den/die/das AndereN.

Buch: Attila Durak: Ebru. Reflections of Cultural Diversity in Turkey. Metis, Istanbul: 2006.
Web: http://www.attiladurak.com/
Fotos: ©Attila Durak

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