Francois Lelords „Beinahe normale Fälle eines ungewöhnlichen Psychiaters“ (2011)

Nach all den „Hector“-Romanen erschien nun erstmals im Piper Verlag das Debüt „Das Geheimnis der Cellistin. Beinahe normale Fälle eines ungewöhnlichen Psychiaters“ (frz. Original 1993) des Bestsellerautors und praktizierenden Psychiaters Lelord auf Deutsch. Ein kritischer Lesebericht.

Zunächst war die Freude in der Buchhandlung groß: „Ein neuer Hector!“ – oder zumindest so etwas Ähnliches. Wer die literarische Figur „Hector“ von Francois Lelord kennt, wird diese Begeisterung verstehen können. Der nachdenkliche Hector suchte bislang das Glück, reflektierte über die Liebe, bemerkte kulturelle Unterschiede und ergründete zuletzt das Wesen der Freundschaft – mit großem Anklang bei einer weltweiten Leserschaft. Lelord bedient sich einer sehr einfühlsamen und zugleich schlichten Sprache und sein Hector erinnerte mich immer wieder an die Fragilität des „kleinen Prinzen“ von Saint-Exupéry. Insofern waren die Erwartungen an das neue Buch hoch. Und teilweise wurden sie auch erfüllt …

Einfühlsame Fallgeschichten

Die neun Fallgeschichten – beginnend mit einer agoraphobischen Cellistin und endend mit einem gestressten, panikanfälligen Manager – nehmen gut die Hälfte des fast 400 Seiten starken Buches ein. Und diese Geschichten vermitteln anschaulich die wesentlichen Symptome häufiger psychiatrischer Krankheiten wie Angststörung, Manie, Depression, Autismus, Zwangsstörung, Schizophrenie oder Essstörung. Und mit dieser Auswahl zeigt uns Lelord zugleich das innere Erleben der Betroffenen und ihre meist vorhandene Scheu bzw. Unfähigkeit trotz zunehmender Lebenseinschränkungen und Problemen einen Psychiater oder Therapeuten aufzusuchen. Ist dieser Schritt einmal getan, so wird dem Hilfesuchenden bei Lelord auf zweierlei Weise Erleichterung verschafft: durch die individuelle Einstellung mit Psychopharmaka wird ein späteres (verhaltens-)therapeutisches Arbeiten ermöglicht.

„Ungewöhnliche“ Therapie?

Und dieses Vorgehen ist durchaus „state of the art“ und stellt keineswegs ein ungewöhnliches Vorgehen dar, wie uns der Titel des Buches suggerieren will. Und es ist auch nicht Lelord, der sich hier hervortut, sondern schlicht und ergreifend der Piper Verlag mit seinem Lektorat, der die „contes d’un psychiatre ordinaire“ (so der frz. Ursprungstitel) wohl in verkaufsfördernder Absicht fehlübersetzt. Auch das Titelbild mit Lelord auf einer Couch führt den Käufer in die Irre: Wer sich hier psychoanalytische Fallanalysen verspricht, kommt nicht auf seine Kosten.<!--break--> Doch der gewöhnliche Klinikaufenthalt sieht ja auch andere therapeutische Wege vor. Am besten schneiden in Wirksamkeitsstudien verhaltenstherapeutische Ansätze ab. Aufgrund ihrer Kurzzeit-Interventionsmöglichkeiten sind sie auch aus gesundheitsökonomischen Erwägungen in vielen Ländern (noch immer) das Mittel der ersten Wahl.

Lelords Vermittlungsleistung

Bemerkenswert an Lelords Darstellung ist seine Unaufgeregtheit, mit der er dem Leser die Wirkmechanismen von Psychopharmaka und ausgewählten Tools der Verhaltenstherapie aufzeigt. Die mitunter anzutreffende Meinung, Psychopharmaka seien „prinzipiell gefährlich“ und therapeutisches Arbeiten für den Laien „nicht nachvollziehbar“, wird nachhaltig entkräftet. Weder die Anzeichen einer psychiatrischen Erkrankung noch deren Behandlung sollten in unserer Zeit Gefühle der Scham auslösen müssen, sondern vielmehr be- und geachtet werden. (Relativ umfassende) psychische Gesundung ist möglich und bei vielen Störungsbildern Realität. Daher ist es auch okay, wenn Lelord jede Geschichte mit einem Happyend ausgehen lässt – auch wenn im Falle der Schizophrenie die Prognosen nicht immer so günstig sind.

Lelords Nachlässigkeiten

Und doch klappt man das Buch nicht wirklich befriedigt zu. Es ist weder ein lebenskluges Erzählwerk à la Hector noch ist es ein ungewöhnliches oder sonst wie bedeutsames wissenschaftliches Einführungswerk in psychiatrische Sachverhalte. Dafür ist es zu überaltert – ein Quellenteil mit 90 Prozent der Literatur vor 1990 ist nicht ernst zu nehmen. Die nachgeschobenen „Nach 20 Jahren“-Anmerkungen Lelords lassen sich auf drei Punkte reduzieren: Es gibt mehr/bessere Psychopharmaka, genetische/neurophysiologische Forschungen generier(t)en neue Erkenntnisse, Psychotherapie ist verbreiteter und akzeptierter. Das stimmt alles, aber es rechtfertigt nicht die unüberarbeitete Übersetzung seines Debüts. Entweder hätte Lelord z.B. die offenkundigsten Überalterungen (wer bezieht sich heute noch auf das DSM 3 – wenn das amerikanische Diagnostikmanual schon seit 2003 in deutscher DSM 4-Variante vorliegt?) überarbeiten müssen oder eine zeitlose psychopathologische Fallgeschichtensammlung versuchen können. Ferner gibt es nicht nur Verhaltenstherapie als therapeutischen Lösungsweg: In den neun Fallgeschichten kommen andere Ansätze immer nur am Rande, in Klammern oder Parenthesen, vor. Lehrreicher wäre für den Leser das Durchexerzieren der ebenfalls gängigen systemischen, psychoanalytischen oder personzentrierten Therapien anhand eines ganzen Fallbeispiels gewesen. Doch diesen möglichen Aufweis therapeutischer Vielfalt hat Lelord eindeutig nicht erbracht.

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