Fund im offenen Bücherschrank: „Nachtzug nach Lissabon“

Nachtzug nach LissabonDiese Kritik will gleich zweierlei: Aufmerksamkeit für den offenen Bücherschrank im 7. Wiener Gemeindebezirk und ein darin gefundenes Buch schaffen. Beginnen wir mit dem Bücherschrank – an der Haltestelle der Straßenbahnlinie 49 Höhe Zieglergasse/Schottenfeldkirche findet man seit einigen Wochen ein mit Plexiglastüren versehenes stabiles Regal, in dem Bücher ausgesetzt (ganz ähnlich der bookcrossing.com-Idee) bzw. kostenlos mit nach Hause genommen werden können. Es herrscht immer reger Betrieb unweit der strategisch gut platzierten Buchtauschbörse, die mit einmaligen „Geschäftszeiten“ – nämlich rund um die Uhr – wuchern kann. Und trotz mancher gieriger Saboteure, die die schöne Idee ad absurdum führen, indem sie gleich sackweise weiterverkaufstaugliche Bestseller wegtragen, sind immer verschiedenartige Bände auffindbar.

Nebst Kuriosem wie der unvermeidlichen Heimatliteratur finden sich in die Jahre gekommene, oftmals aber weiters gültige Fachbücher, spannende Kriminalromane und eben Bestseller. Einen solchen nahm ich mit, den „Nachtzug nach Lissabon“. Seine Sogwirkung entfaltete das hochgelobte Buch von Philosophieprofessor Pascal Mercier im Zuge (ein wunderbarer Leseort, geistige Bewegung im rollenden Transportmittel – hier noch dazu dem Buchtitel weiters gerecht werdend). Die Geschichte ist einfach und schön: Altphilologe Mundus verlässt nach der Begegnung mit einer Portugiesin sein Berner Gymnasium und fährt nach Lissabon. Dort rekonstruiert er das Leben eines schreibenden Arztes, dessen Selbstbetrachtungen (Aurelscher Güte) er in seiner heimatlichen Buchhandlung geschenkt bekam. Durch die zunehmende Kenntnis des Anderen kommt er sich selbst und seinen eigenen Lebenszielen näher, wird offen für freundschaftliche Begegnungen mit Bezugspersonen des Arztes. Gesundheitliche Motive lassen ihn dann in die Schweiz zurückkehren – der Ausgang der Untersuchungen ist für ihn wie für uns letztlich nebensächlich. Denn Mundus hat seine Lebensreise gemacht und sich kennen und annehmen gelernt.
Reibungs- und Denktexte sind die sehr prägnanten, Bewusstseinsschärfe einfordernden Texte des Arztes Prado. Hier vermengt Mercier sehr schön Kerngedanken aus Pessoas „Buch der Unruhe“ mit eigenen philosophischen Überlegungen. Ein Buch, das durchweg spannend geschrieben ist, in die Welt eines altsprachlichen Kauzes ebenso wie die eines portugiesischen Arztes während der Diktatur und beider Konflikte mit Eltern, Frauen, Arbeit und Politik einführt. „Lesen, lesen, lesen!“, rief Elke Heidenreich immer begeistert in ihrer inzwischen wieder abgesetzten Literatursendung (wie viel Platz billigt das Bildmedium Fernsehen eigentlich den Büchern noch zu?) – bei Pascal Merciers Buch kommt man nicht umhin diesem Appell bis zur letzten Seite nachzukommen, mitzufiebern und währenddessen – en passant – sich selbst zu positionieren!

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