Gans im Glück

SchweinGeschichte von einem, der Schwein gehabt hat.

Eines Tags in grauer Vorzeit, so um 1750, lag unsere Wanze an einer altdeutschen Landstraße und war – o Zufall – eingeschaltet. Was sie dort aufzeichnete, erweist sich heute als wahrer Schatzfund für die vergleichende Mythenforschung, und auch sonst für allerhand.
(Zu Beginn des Bandes hört man den freudig beschwingten Laufschritt des jungen Mannes, den wir mangels genauerer Daten per Arbeitshypothese, auch des Reimes wegen, schlicht „Hans“ nennen.)

Hans: Hei, das war ein guter Tausch!

Erst einmal hab’ ich den guten Braten, dann das viele Gänseschmalz, das herausträufeln wird, das gibt Gänseschmalzbrot für ein Vierteljahr; und dann die schönen weißen Federn, die laß ich mir in ein Kopfkissen stopfen –
Gans: (stößt ein derart schockiertes „Quak!“ aus, daß Hans sie erschrocken fallen läßt; fällt mit einem vernehmlichen „Pflatsch“ ins Gras am Straßenrand) Keuch. Prust. Aua, mein Bürzel! Ich muß doch sehr bitten.
Hans: Ei der Tausend! Sie kann sprechen, Jungfer Gans? Das hätte ich nicht gedacht. Ich hoffe –
Gans: (klopft sich Staub vom Federkleid; unwillig) Herr Gans, wenn ich bitten darf. Wie Sie sehen können, bin ich ein Ganter. Gans ist nur mein Familienname. Gustav Gans, wenn Sie gestatten. Und was Sie vorhin über mein Schmalz gesagt haben, war gans und gar nicht schmeichelhaft.
Hans: Hol mich dieser und jener! Da hab’ ich mir vor lauter Freude, daß ich das Schwein los war, gar keine Gedanken drüber gemacht, warum die schöne fette – pardon, wohlgenährte Gans mit Gehrock und Gamaschen herumläuft wie ein Dandy.
Gans: Mir scheint, ein bißchen mehr Denken könnte Ihnen überhaupt nicht schaden. Warum waren Sie denn auf einmal so froh, das Schwein los zu sein?
Hans: Weil mir doch der Bauernbursche gesteckt hatte, es wäre dem Dorfschulzen eins aus dem Stall gestohlen worden. Der Metzger hat es mir wohl nur deswegen so gern überlassen, weil es, wie man unter Brüdern sagt, heiße Ware war.
Gans: Jawohl, brennheiße Ware wird es inzwischen sein, weil es nämlich auf einer ländlichen Familienfete lustig überm Feuer schmurgelt! Die Sippe von dem durchtriebenen Bürschchen wird sich alle Finger lecken – an einem ganzen Grillschwein, von Blutwurst und Innereien zu schweigen, können sie sich bedeutend länger den Bauch vollschlagen als an dem bißchen Gänsebraten, den sie sonst gekriegt hätten.
Hans: Bißchen Gänsebraten? – Oh! Ich verstehe.
Gans: Ja. Ich habe Glück gehabt. Nicht daß mich das wundert.
Hans: Nein?
Gans: Nein. Ich habe immer Glück. Meine Freunde nennen mich den glücklichen Gustav.
Hans: Immerfort nur Glück? Ja, gibt es das?
Gans: Gewiß! Wenn ich mit einem Ast im Sand stochere, bleibt eine Perlenkette dran hängen, und das just dann, wenn ich auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für meine Base Daisy bin. Es funktioniert mit solcher Sicherheit, daß es mich bisweilen langweilt. Als ich einst mit meinem Vetter auf Einhornjagd im Himalaya war, habe ich wochenlang, während er mühsam dem Einhorn hinterherklomm, von Edelsteinen gelebt, die ich zufällig im Gras fand. Gelebt wie ein Maharadscha, aber es begann seinen Reiz zu verlieren.
Hans: Interessant. Ihre Bekanntschaft zu machen freut mich sehr. Wissen Sie, ich habe in letzter Zeit oft Ursache, über mein Glück nachzudenken, und da würde ich mich nicht ungern mit jemandem unterhalten, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich.
Gans: (kichert) Meinen Sie, Sie haben auch immer Glück? Auch jetzt eben mit dem Schwein?
Hans: Sicher. Zuerst hatte ich Glück, daß mir der Metzger das schöne Schwein für die alte Kuh gegeben hat, und dann, daß ich für das Schwein, das doch vielleicht gestohlen war, die schöne Gans – Verzeihung, Sie wissen schon, wie ich meine –
Gans: Ich weiß vor allem aus sicherer Quelle – immerhin war ich heut vormittag noch im Nachbardorf, mein nicht gans befriedigendes Dasein als Mastgänserich fristend – daß das Schwein des Schulzen inzwischen wiedergefunden wurde und der Dieb bereits im Kotter sitzt. Glück hat vor allem der Bursche gehabt, daß er einem Dummen begegnet ist, der ihm ein Schwein gegen eine Gans eingetauscht hat.
Hans: Na, aber da hatten wir doch alle miteinander Glück! Der Bursche, weil er das Schwein hat, ich, weil ich einen Ganter getroffen habe, mit dem es sich ganz menschlich plaudern läßt, und Sie, weil Sie jetzt nicht gebraten werden. Ein sprechender Gänserich, mit der Nummer verdiene ich auf dem Jahrmarkt ein Vermögen!
Gans: Quak! Ich höre immer „verdienen“ und „Jahrmarkt“. Ich soll doch nicht etwa arbeiten? Nein, nein. Ihretwegen setze ich nicht meine Ehrenmitgliedschaft im „Klub der Nichtstuer“ aufs Spiel.
Hans: Sollte ich zum ersten Mal im Leben Unglück gehabt haben? Erst übertölpelt mich das Bäuerlein, und nun habe ich einen Gänserich am Hals, der sich zu gut ist, für mich zu arbeiten, mir aber gewiß die Ohren vollschwatzen wird, und ein wenig arrogant scheint er mir auch. – Halt, ich weiß! Sie bekommen bei mir freie Kost und Logis, und dafür lassen Sie mich an Ihrem Glück teilhaben! Bei den Talenten, die Sie haben, fällt uns dann beiden das Geld in den Schoß. Und Sie können in Ihren Klub gehen, so oft Sie wollen, und dort nicht tun, was immer Ihnen beliebt.
Gans: Hmmmmm. Das klingt immer noch verdammt nach Arbeit. Und dann – wer weiß, ob es geht. Mein Vetter hat mich einmal an einem kalten Wintertag um etwas Ähnliches gebeten. Da habe ich dann ihm zuliebe – Donald heißt er – auf der Straße meinen Filzhut aufgehalten und heftig gewünscht, es möge eine Million Taler hineinfallen. Ein Scherzbold warf aus dem fünften Stock ein rotglühendes Kreuzerstück herunter, das ein Loch in meinen Hut brannte und durchfiel!
Hans: Herrjemine.
Gans: Allerdings schmolz es unterhalb ein großes Loch in den Schnee, und dort lag zufällig eine verlorene Herrenbrieftasche, prall gefüllt mit großen Scheinen. Mit dem Finderlohn war Donald und mir geholfen.
Hans: So war doch alles in Butter!
Gans: Besser als in Schmalz – aber ich erzähle Ihnen das, um klarzustellen, daß Glück komplexer ist, als es den Anschein hat. Erst mußte ein Herr Pech haben und seine Börse verlieren, dann mußte Donald in arge Geldnöte geraten, dann mußte ich mich beim Wünschen – ächz! – doch etwas anstrengen, abgesehen von dem Loch im Hut; und erst dann hatten wir alle wieder Glück, auch der Herr, der seine Brieftasche wiederbekam; und der mußte noch recht viel Finderlohn zahlen.
Hans: Dann ist Glück eine Frage der Perspektive?
Gans: Ja; man muß immer fragen, wessen Glück. Werfen Sie noch einen kritischen Blick auf unsere Lage! So recht Glück hatte eigentlich nur der Bauernbursch und seine Sippe. Wir zwei, wir hängen hier an der Landstraße rum und wissen nicht, wie es mit uns weitergeht. Zu schweigen davon, was für Pech das Schwein hatte!
Hans: Ja. Aber trotz dieser ambivalenten Lage nennen Sie sich den glücklichen Gustav?
Gans: Und Sie nennen sich – ich weiß nicht wie, aber Glück kommt bestimmt drin vor. Wir beide definieren uns als Glückspilze, obwohl die Ereignisse auf uns ebenso unberechenbar zukommen wie auf Donald und alle anderen.
Hans: Wie, meinen Sie, kommen wir zu dieser Haltung?
Gans: Bei mir ist es schlicht Gewohnheit. Ich kenne nichts anderes als das Glückhaben; ich bin geradezu vom Glück gezeichnet, so als hätte mich einer zu nichts anderem erfunden. Es liegt in meiner Familie. Einer meiner Ahnen, ein Militarist, hieß sogar General Glückspilz Gans. Sehen Sie, mein Manschettenknopf trägt sein Monogramm: GGG.
Hans: Da überkommt’s mich biederen Handwerkersproß wie Grauen, Gruseln und Gänsehaut.
Gans: Sorgen Sie sich nicht! Das sähe Ihnen gar nicht ähnlich. Sehen Sie, wir beide haben immer Glück, was auch geschieht. Aber unsere Haltungen sind letztlich grundverschieden. Sie mit Ihrem glücklichen Naturell nehmen alles an, was Ihnen gegeben wird, und nennen es im nachhinein Glück. Mein Glück besteht in der Erwartungshaltung: Ich weiß auch nicht, was passieren wird, aber ich weiß von vornherein, daß es Glück sein wird.
Hans: Sie wissen, daß Sie aus dieser Lage gut herauskommen werden? Ich könnte Sie ja noch immer zum Braten degradieren.
Gans: Ich werde Glück haben.
Hans: Und wird Ihr Glück – verhüt’s der Himmel! – mein Unglück sein?
Gans: Warten Sie nicht auf den Himmel – tun Sie etwas dagegen! Immerhin leben Sie in einer Zeit, „in der das Wünschen noch mächtig war“. Wünschen Sie! Sie sind das Arbeiten eher gewohnt als ich. (Stille.)
Barks: Die Herren verzeihen? Ich sitze schon eine ganze Weile da hinter dem Baum und lausche Ihrem Gespräch mit großer Anteilnahme. Mein Name ist Barks – Bruder Karl Fürchtegott Barks. Demnächst gedenke ich mich mit meinen Glaubensbrüdern und -schwestern nach der Neuen Welt einzuschiffen, da sich in Deutschland – leider, leider! – kein aufrecht christliches Leben mehr führen läßt, im Gegensatz zu Pennsylvanien. Aber die Vorsehung hat Sie noch rechtzeitig meine Wege kreuzen lassen.
Gans: (leise) Vorsehung ist ein anderes Wort für Glück, glaube ich.
Barks: Ich suchte nach einem weisen Begleiter, der mir, meinen Kindern, Enkeln, Nichten und meinem Großneffen, der Karl heißt wie ich, auf der langen Überfahrt Geschichten aus der weiten Welt erzählt; nicht so sehr zum Zeitvertreib, sondern daß sie lernen, wie ungewiß das Weltleben und wie schwer Gut von Böse, ja Glück von Unglück zu unterscheiden ist. Nun ist unsereins kaum einmal über die Fluren seines Heimatdorfs hinausgekommen, aber Sie, Herr Gans, kennen die Welt! Ich bin überzeugt: Was Sie zu erzählen wissen, wird noch meine Ur-, ja Urururenkelkinder begeistern und auf den rechten Weg führen! Die Abenteuer des Ganters Gustav. Sie dürfen es mir und sich nicht abschlagen, Sie dürfen einfach nicht! – Junger Herr, würden Sie mir wohl die Liebe tun und sich Ihres geschnäbelten Weggenossen entäußern? Als karge Vergütung überlasse ich Ihnen gern diesen pfundschweren Goldklumpen, der mir auf der Fahrt, wie alles weltliche Gut, nur hinderlich wäre.
Hans: Hei, das war der beste Tausch aller Zeiten! Ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne! Auf Wiedersehen, Herr Gans und Herr Barks! (Man hört ihn fortlaufen.)
Barks: Selig die Armen im Geiste. – Oh, und Herr Gans, Sie werden drüben einen englischen Namen brauchen. Wie wär’s mit Gladstone?
Gans: Yeah, mister! My name is Gladstone. Gladstone Gander! (Er lacht laut. Man hört ein Geräusch, als ob ein Schwein, einen Strick hinter sich herschleifend, um sein Leben galoppiere. Die Stimme eines Bauernburschen nähert sich von weitem.)
Bursche: Haltet das Schwein! Zum Gottseibeiuns nochmal, haltet das Schwein! Potz Pest und Donnerschlag, da rennt unser Festtagsbraten! (Seufzt.) Ich fürchte sehr, das Schwein hab’ ich – gehabt.

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