Garish im Interview

Garish haben Anfang des Jahres mit Wenn dir das meine Liebe nicht beweist das zwingendste und zugleich intimste Album der jüngeren österreichischen Musikgeschichte veröffentlicht. Ich treffe Thomas Jarmer (Gesang, Akkordeon) und Julian Schneeberger (Gitarre) am 6. August 2010 im Kulturcafe des Funkhauses in der Argentinierstr. 30a zu einem sehr entspannten Gespräch über Pathos, Affekt, Ironie, Hype, Penetranz, Wehleidigkeit, Geld, Nischen, Schöngeisterei, Hassliebe, die Amadeus Awards und die österreichische Musiklandschaft im Allgemeinen. Ein Lehrstück.

Das Wort „Beweis“ kommt in zwei der Schlüsselstücke des neuen Albums im Titel vor. Generell wirken die Texte etwas resoluter. Kann man „das Demonstrative“ als den roten Faden der Platte sehen, oder wie seid ihr an das Material herangegangen?

Tom: Daß das Wort so oft vorkommt, war nicht kalkuliert sondern ist eher passiert. Ich glaub, daß es diesmal schon darum gegangen ist, innerhalb der Band zu beweisen, daß man nicht ansteht. Insbesondere mit dem letzten Album, wo zwar schon was passiert ist, aber so konnte es nicht weitergehen. Wir haben eigentlich ganz von vorne anfangen müssen. Das unkonventionelle Arbeiten im Studio funktioniert auf die Art und Weise, daß man einigermaßen blindlings loslegt – wir waren es ja gewohnt, dort nur umzusetzen und nicht zu basteln. (…) Wenn du im Augenblick selbst entscheiden und weitermachen mußt, Entscheidungen auf die man aufbaut, dann ist damit auch Spontaneität gefragt, was etwas war, was uns bis dahin nicht ausgezeichnet hat. Da wurde viel freigegeben und der Platz wurde dann von anderen (Bandmitgliedern) eingenommen und deshalb ist alles mit einer großen Bestimmtheit passiert. Im Affekt. Dann hat sich eine große Zufriedenheit breitgemacht. (…) Mit ruhigem Gewissen die Kontrolle verlieren können: der Kantine (Thomas Pronai) hat diesmal schon sehr viel eingefordert. Wir haben viel am Gesang herumprobiert, zum Beispiel. Die Musik war resoluter und die Texte haben mitziehen müssen, weil so Kontrastprogramm fahren, das wäre mir zu artifiziell gewesen. Da ist eine Reibungsfläche entstanden, die für mich beim Schreiben ganz neue Möglichkeiten mit sich gebracht hat. Und wenn es nur so Wörter sind, die rein vom Vokabular vorher nicht dabei waren, und diesmal hat das durch die Musik eine sehr bestimmte Richtung bekommen, die das verlagert hat.
Julian: Das Entscheidende war: wir haben die Vorsicht verloren. Mehr auf sich vertrauen, so wie man es im Moment spürt, die Eigendynamik einfach zulassen.
Tom: Das hat sich auch stark auf das Live-spielen ausgewirkt … Daß auch alle ein Mikro vor der Nase haben, um diese Parolen miteinander zu singen …
Parade (2007) wurde auf Universal veröffentlicht. Ihr wart damit die erste und die letzte österreichische Indie-Band, die diesen Schritt gemacht hat. Wie würdet ihr eure Erfahrungen mit einem Major zusammenfassen?
Tom: Es war eine sehr bürokratische Ebene dabei, das war vorhersehbar und es ist dann auch wirklich so passiert. Man ist sich teilweise im Weg gestanden, weil dann doch von Seiten der Plattenfirma vorgefertigte Masterpläne ausgespielt werden, die den individuellen Ansatz verhindern – wenn es zum Beispiel um Promo geht. Man kriegt halt das Christl-Stürmer-Einheits-Paket – und eine Apfeltasche dazu. Da unterscheiden sich die Ansätze. Was man ihnen zugute halten muß ist: sie haben sich nicht in den kreativen Prozeß eingeschalten, erst nachdem der Prozeß abgeschlossen war, hat man Versuche unternommen, mit stilistischem Beiwerk ein künstliches Image zu kreieren, was wiederum unmißverständlich klar gemacht hat, wie man dort die Combo und ihre Musik verstanden hat.
Das Wort „Kitsch“ habt ihr selbst wiederholt mit einigen frühen Stücken in Verbindung gebracht. Ich greife jetzt einfach mal Tänzer (2002) heraus. Stammt das Wort „Kitsch“ diesbezüglich von euch, oder hat es sich von außen eingeschlichen? Anders gefragt: Warum wird das Melancholische bzw. Romantische im deutschsprachigen Popsong so schnell „Kitsch“ genannt? Anthony oder Will Oldham hat man diesen Vorwurf ja nicht gemacht…
Tom: Tänzer ist eh ein gutes Beispiel dafür, daß jedes Wort bedeutungsschwanger ist und daß man es auch zu gut meinen kann und wenn man das hört, daß das nach den ersten beiden Zeilen auf den Nerv gehen kann, weil es zuviel ist. Ich würde textlich so nicht mehr arbeiten und auch musikalisch nichts mehr so machen, aber das liegt eher daran, daß in der Wiederholung selbst … sobald das nach Wiederholung stinkt, läßt man die Finger automatisch davon. Das macht es fast schwierig, ein Best-of live zu spielen, weil es fast was Schizophrenes hat – also: kann ich das rein körperlich bringen, fühlt sich das richtig an?
Julian: Manche Lieder brauche ich jetzt nimmer, aber die waren trotzdem wichtig für uns.
Tom: Prinzipiell glaube ich, daß, wenn es um Pathos geht, schwingt dabei mit, wie das Ding klingt und wie es vorgetragen wird, also der Habitus der Interpreten, und dann kann es einem schnell zu viel werden, gerade wenn es um schweres Liedgut geht. Ich weiß nicht, ob man nicht in Österreich generell das Problem hat, „Schöngeister“ gut zu finden. Also mir kommt es schon so vor, daß alles was derb und hingerotzt wird, verstärkt wahrgenommen wird. Diese Gegenüberstellung kapiere ich auch nicht. Daß man das gleiche Maß an Ironie mitbringen müßte, damit das Ganze nicht kippt. Und die Geschichte mit dem neuen Pathos auf der Platte, da geht es teilweise auch um Beherrschung, es könnte schon viel schmalziger sein.
Julian: (lacht) Es ist einfach soviel „Grundsubstanz“ in uns.
Tom: Vielleicht spielt da die Sprache mit. Wenn man englische Texte hernimmt – z.B. die Doors, das sind mitunter sehr deftige, schwülstige Texte und Jim Morrison ist dann eine coole Sau, ja?! Wir haben seinerzeit angefangen, für die erste Platte auf deutsch zu schreiben – das war damals extrem unhip und penetrant. Eine Nische oder Szene hat es überhaupt nicht gegeben. Zwischen Absender (Absender auf Achse: 2005) und Parade (2007) war dann die Zeit, wo einiges übergesprungen ist – Stichwort: Wir sind Helden etc. – wir haben von diesem Hype nicht viel gehabt, da dieser auf eine Art aufgezogen wurde, die mit unserer Auffassung nicht viel gemein hatte. (…) Ich glaub’, es (die Abneigung gegen romantisches Liedgut) hat viel mit dieser Schlagersache zu tun, die mitunter Teil der musikalischen Sozialisation ist – und diesen polarisierden Effekt zur Folge hat. Das ist in unserem Fall Radio Burgenland. (…) Manche Bereiche der deutschen Sprache sind ausgeleiert. Die „Wehleidigkeit“ hat in dieser Stadt eine andere Ausdrucksweise. Mit zartbesaiteter, unaffektierter Musik und ohne jegliche Ambitionen sich auf ein bestimmtes Image zu trimmen, hat man’s hierzulande schwer, Gehör zu bekommen. Es sind nur wenige Combos und Phänomene, denen auf breiter Basis Möglichkeiten eröffnet werden – bedingt durch die hiesige Radiolandschaft und den überschaubaren „Markt“. Der Rest passiert in – mitunter – sehr kleinen, doch gut funktionierenden und „gepflegten“ Nischen.
Julian: Mich wundert es immer, daß es in einem Radiosender keine Sparte gibt für Sufjan Stevens, Bon Iver – diese Sparte Musik wird komplett ignoriert.
Tom: Leute mit einem unversauten Zugang zu Musik sind wesentlich schwerer auszumachen. Leute, die keinen Opinionleader brauchen, sondern nach eigenen Kriterien bewerten, was im Gegensatz dazu der breiten Masse zuviel abverlangen würde.
In 13 Jahren Bandgeschichte habt ihr sehr, sehr viele Schiffe vorbeiziehen sehen. Wie geht es euch Band-intern und wie bewertet ihr vor dem Hintergrund eurer Geschichte die gegenwärtige Lage des „Austro-Pop“?
Tom: Am Anfang waren schon Gräben da in der Szene: jeder hat sein Süppchen gekocht und was ich angenehm find ist, daß über die Jahre die Combos viel mehr und auch selbständiger geworden sind und daß sich daraus ein großes Miteinander ergeben hat. Ein Unterstützen – kein Anfeinden weil man glaubt, man könnte sich gegenseitig Publikum wegnehmen. Es hat sich in den letzten Jahren schon gezeigt, daß eigentlich für alle Platz ist – erst die Selektion durch die Medien bringt diesen Eindruck mit sich. (Später sagt er über die Amadeus Awards, für die sie in diesem Jahr in drei Kategorien nominiert sind und für die sie schon 2001, 2003 und 2005 nominiert waren: Das Klima dort war bisweilen sehr von Neid geprägt, schien uns. Kein Querschnitt durch die Musiklandschaft, sondern eher eine Leistungsschau.) Es geht nicht darum die Welt neu zu erfinden, sondern man soll einfach sein Ding machen. Es gibt keine Alleinigen – es gibt nur ein Nebeneinander. Man weiß eh von vornherein: leben davon kann man nicht, es geht also nicht „um’s Überleben“, sondern nur um die Freude an der Sache. (…) Auf dem Weg sind viele Bands zerbrochen – ob das richtige und wichtige Sachen waren, oder persönliche Querelen … Diese Perspektive hat bei uns eine Menge heißer Luft rausgenommen – in gewisser Weise war das intern eine große Genugtuung. Wie auch die Tatsache, daß der schonungslose Umgang untereinander einzigartig ist und daß er es ermöglicht, keine falschen Kompromisse schließen zu müssen. Man könnte schon Haß-Liebe dazu sagen, jedenfalls zehren wir von einer enormen emotionalen Bandbreite. (…) Jeder hat zu allem eine Meinung und das macht es oft nicht leichter, aber …
Garish

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.