Geld macht glücklich

Geld macht glücklichZunächst müssen wir aber rankommen, ans Geld. In diesem Artikel wollen wir einmal alle technischen sowie alle möglichen moralischen Bedenken gegenüber jeglichen Finanzmarkt-Produkten zerstreuen(1) und auch gleich ein paar Tipps geben, wie man ans schnelle Geld kommt.

Sie haben ein Sparbuch? Gratuliere! 10.000 Euro auf 3 Jahre gebunden bei 2.5% Zinsen. Nicht schlecht, damit haben Sie in 3 Jahren (abzgl. KEST) gute 500 Euro verdient. In 50 Jahren können Sie sich vom Zinsertrag einen Kleinwagen kaufen, ohne einen Finger gerührt zu haben. Sie verstehen es, zu leben!

Selbst bei (momentan utopischen) 7% Zinsen können Sie sich in absehbarer Zeit keine Träume erfüllen und um im Jahr 45.000 Euro zu „verdienen“ müssten Sie schon 2 Mio. auf der Seite haben (bei einem Zinssatz von 3%), aber wollen Sie in diesem Fall wirklich von jährlich 45.000 Euro leben? Vergessen Sie es. Zinssätze sind für Pensionskassen und Versicherungen relevant. Unsereins wird damit nicht glücklich.

Virtuelles Geld

Was sind die Alternativen? Aktien, Derivate und strukturierte Produkte. Oh nein! Das ist doch nur virtuelles Geld, das ist alles undurchschaubar und außerdem sind Sie doch keiner von diesen gierigen Abzockern und Spekulanten und der (Turbo-)Kapitalismus an sich ist ja die Wurzel fast allen Übels. Nun, zunächst einmal ist eine Aktie gar nicht so virtuell, sondern ein Anteil an einer Firma, also in etwa genauso real, wie wenn Sie eine Eigentumswohnung erwerben. Dann gehört Ihnen zwar auch nicht das ganze Haus, aber Sie haben das Recht erworben, einen Teil des Hauses zu bewohnen. Als Teilinhaber einer Firma haben Sie das Recht, an zukünftigen Gewinnen teilzuhaben. Der Preis einer Aktie wiederum wird nach den zu erwartenden Gewinnen (an denen Sie durch Dividenden teilhaben) festgesetzt. Nehmen wir an, Sie erwerben privat einen gebrauchten VW Passat zu einem angemessenen Preis (gemäß zu erwartender Lebensdauer und potentieller Reparaturen bei diesem Modell). Nach einer Woche gibt VW bekannt, dass bei diesem Modell ein schwerer Konstruktionsfehler vorliegt. Der Wert Ihres Autos ist nun beinahe Null. Kurz darauf stellt sich heraus, dass der Fehler nur bei Benzinern auftritt, Sie haben aber ein Dieselfahrzeug gekauft. Glück für Sie, dass Sie nicht gestern verkauft haben, der Wagen hat seinen ursprünglichen Wert beinahe wieder. Warum kostet eine gewisse Flasche Wein das Zehnfache einer anderen? Weil gewisse Leute der Meinung sind, dass der zu erwartende Genuss bedeutend höher ist als bei der anderen. Willkommen im Alltag. Firmen sind ein wenig komplexer als Autos oder Wein, das Prinzip ist aber genau dasselbe und an Banalität kaum zu überbieten. Steigen die Erwartungen an den zukünftigen Gewinn einer Firma, so wird sich dies in steigenden Aktienpreisen ausdrücken (es werden höhere Dividenden erwartet), stellt man fest, dass man die Firma zu hoch eingeschätzt hat, wird man einen niedrigeren Preis für seine Anteile erhalten. Die durchschnittliche Wertsteigerung wird als Rendite bezeichnet, die Kursschwankungen (Volatilität) beziffert das Risiko der Investition.

Marx lässt grüssen

Aber der Kapitalismus! Marx hat nachgewiesen(2), dass Firmengewinne nur durch Ausbeutung erzielt werden können. Aufgrund der gegenläufigen Interessen der Unternehmer kann durch die Verwendung von Rohmaterial und Produktionsmittel kein Gewinn entstehen und wenn der Wert der Arbeit mit dem Betrag beziffert wird, der zum Erhalt der Arbeiterschaft (sprich Lebens- und Reproduktionskosten) aufgebracht werden muss, so lässt sich innerhalb des Systems auch mit der „Veredelung“ von Rohstoffen zu Gebrauchsgegenständen durch menschliche Arbeit kein „Mehrwert“ erzielen. Der Arbeiter fügt in einer gewissen Zeit den Waren einen Mehrwert hinzu, der den Kosten seiner Lebenserhaltung und somit dem notwendigen Lohn entspricht. Die Ausbeutung besteht nun darin, dass er mehr Arbeit leisten muss, als zur Lebenserhaltung notwendig wäre, ohne dafür bezahlt zu werden. Die Differenz nun ist der Gewinn des Kapitalisten und somit muss jegliche Steigerung des (Aktien-)Kapitals auf dem Rücken der Arbeiterschaft erfolgen. Diese Argumentation klingt schlüssig und hat ein ganzes Jahrhundert in Atem gehalten. Doch der Kapitalist mit Zylinder und Zigarre ist Schnee von gestern. Aktiengesellschaften sind an seine Stelle getreten und somit die Möglichkeit für den einfachen Arbeiter, an dem Mehrwert, um den er betrogen wurde, durch die Hintertür wieder teilzuhaben. Es ist somit für den geprellten Arbeiter nicht nur ein Recht, sondern geradezu eine Verpflichtung, durch den Erwerb von Firmenanteilen die Utopie vom kollektiven Eigentum an den Produktionsmitteln Realität werden zu lassen.

Derivate

Ich biete Ihnen ein Grundstück in Grinzing an, will es aber nicht heute verkaufen. Gegen eine kleine Gebühr können Sie aber das Recht erwerben, das Grundstück in einem Jahr zu einem festgesetzten Preis zu kaufen. Sollte sich herausstellen, dass sich darunter eine Ölquelle befindet, können Sie das Grundstück mit einem Riesengewinn sofort wieder verkaufen, wird in einem halben Jahr eine Kläranlage auf dem Nachbargrund errichtet, werden Sie Ihr Recht eher nicht wahrnehmen wollen. Wir haben gerade ein Options-Geschäft gemacht. Hätten wir eine Verpflichtung zum Kauf in den Vertrag aufgenommen, wäre das ein sogenannter Future-Kontrakt. Beides wird als Derivat (von einem anderen Produkt abgeleitetes Geschäft) bezeichnet. Wenden wir dieses einfache Geschäftsmodell auf Aktien an. Schon eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten: Sie wollen zwar von steigenden Kursen profitieren, aber Ihr eingesetztes Kapital auf keinen Fall verlieren? Dann gehen wir folgendermaßen vor: Sie haben 1000 Euro, der risikolose Zinssatz beträgt z.B. 2.5%. Wir veranlagen 983 Euro risikolos. In einem Jahr werden Sie also sicher wieder 1000 Euro besitzen (nachrechnen, inkl. 25% KEST). Um die 17 verbleibenden Euro kaufen wir Optionen auf eine Aktie Ihrer Wahl. Steigt die Aktie über den vereinbarten Kaufpreis (Strike Price), können Sie diese in einem Jahr erwerben und durch sofortigen Verkauf einen Gewinn erzielen, fällt der Kurs, haben Sie immerhin nichts verloren. Wir haben soeben ein Kapitalschutz-Produkt mit theoretisch unbegrenztem Gewinn (Aktie steigt ins Astronomische) erfunden, ein sogenanntes strukturiertes Produkt. Dieser Begriff führt ganz zu Unrecht bei manchen zu Gänsehaut, doch wie wir gesehen haben, ist das Prinzip ganz einfach und durchschaubar.

Short Selling

Sie glauben aber nicht, dass die Kurse im nächsten Jahr steigen werden, ganz im Gegenteil? Eine Investition ist also unsinnig. Der Imageschaden, den Toyota zurzeit erleidet, wird Ihrer Meinung nach zu noch größeren Gewinneinbußen führen, als momentan im Aktienkurs ausgedrückt? Kein Problem, wir können auch von fallenden Kursen profitieren. Wie das? Sie beauftragen Ihren Broker (Investmentbank), in Ihrem Namen – gegen eine Gebühr – Toyota-Aktien zu verkaufen und verpflichten sich, diese Aktien zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erwerben und Ihrer Bank zurückzugeben. Sie nehmen also einen „Kredit“ in Aktien auf. Sind 100 Aktien heute 1000 Euro wert, so bekommen Sie diesen Betrag gutgeschrieben. In einem Jahr müssen Sie 100 Aktien besorgen und an Ihre Bank liefern. Fällt der Kurs um 50%, haben Sie 500 Euro (abzgl. Gebühren) verdient, da die Aktien nun um die Hälfte billiger sind als die Ihnen gutgeschriebene Summe. Und das bei fallenden Kursen!

Portfolio Optimierung

Der Finanzmarkt hat also seine Mystik verloren. Wir kennen die Möglichkeiten. Karl Marx zwinkert uns aufmunternd zu. Also rein ins Vergnügen. Wir haben nun die Möglichkeit, unser Risiko durch Diversifizierung zu minimieren. D.h. wir investieren in unterschiedliche Anlagekategorien (Aktien, Anleihen, Derivate, Rohstoffe, Immobilien …). Das jeweilige Risiko lässt sich anhand historischer Daten genau quantifizieren und wenn wir den Betrag festlegen, den wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit als maximalen Verlust in Kauf nehmen (der sogenannte „value at risk“), dann können wir mittels einer unspektakulären Optimierung(3) unter Verwendung von Rendite, Risiko und Korrelation zwischen den einzelnen Kategorien unseren erwarteten Gewinn ziemlich genau einschätzen. Je mehr Risiko wir in Kauf nehmen, desto mehr Aktien und Derivate werden wir kaufen (bzw. „short sellen“). Aber welche?

Aktienanalyse

Da die Aktienpreise eine Folge von Angebot und Nachfrage sind, kann es sich lohnen, die Kursverläufe zu studieren. Nach 3 Spitzen im Kursverlauf folgt bei einer gewissen Aktie beispielsweise immer ein Absturz. Nach 2 tiefen Tälern oft ein kontinuierlicher Anstieg. Erkennen Sie Muster und stellen Sie Theorien auf, schon mancher hat so sein Glück gefunden!
Oder versuchen Sie, so viel wie möglich über eine Firma herauszubekommen, studieren Sie das Marktumfeld, ökonomische Kennzahlen und mögliche Auswirkungen von globalen Entwicklungen auf den Geschäftsbereich des Unternehmens. Informationsvorsprung bedeutet Rendite, nützen Sie ihr Abstraktionsvermögen und ihre intellektuellen Fähigkeiten voll aus. Eine Vermutung kann sich schnell in den Kursen manifestieren, doch dann ist es schon zu spät.

Effizienz

Märkte sind effizient, so lautet eine ökonomische Vermutung. D.h. alle frei verfügbaren Informationen sind (mit einer gewissen Verzögerung) in den Kursen enthalten. Nützen Sie diese Verzögerung, hören Sie auf das, was Obama heute sagt, morgen können die Kurse entsprechend anders aussehen. Und vor allem: Lassen Sie sich nicht von scheinbar moralischen Kategorien leiten. Eine Investition in „grüne“ Technologie macht nur dann Sinn, wenn Sie glauben, dass dies einen Gewinn bringt. Lassen Sie sich nicht verleiten, denn Ihr Verlust ist der Gewinn eines anderen, der weniger Skrupel besitzt. Andernfalls spenden Sie lieber für wohltätige Zwecke, wenn Sie das glücklicher macht. Doch vergessen Sie nicht: Geld macht glücklich und mit kleinen Einsätzen lassen sich große Gewinne erzielen. Ist die Krise vorbei? Dann investieren Sie in einen Standard-Aktienindex (z.B. mittels eines Futures). Geht es wieder bergab? Dann gehen Sie die Gegenposition (short) ein. Oder investieren Sie in Baumaschinen. Der Bagger wird es Ihnen danken. Eine Gewinngarantie gibt es dafür aber nicht.

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1 Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Polemik, es wird weder der Anspruch erhoben, eine korrekte ökonomische Theorie zu liefern, noch eine fundierte Analyse der Werke von Karl Marx, sondern eine undifferenzierte Rechtfertigung jeglicher Finanzspekulation.
2 Siehe Karl Marx, Das Kapital, Band 1.
3 Eine sogenannte Markowitz-Optimierung.

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