Gelobtes Land gelebter Wortspiele

Wie kommuniziert eine Stadt mit ihren BewohnerInnen – und was haben wir dem entgegenzusetzen?

Nerzmantel von rechts trifft auf Dreiteiler mit Aktentasche. Straßenbahnhaltestelle Alserstraße/Skodagasse – Grüß’ Sie, Herr Kommerzialrat! – Ja, guten Morgen Frau Doktor! Wie gehts Ihnen heute? – Ja, schlecht, wie immer! Und selbst? – Na, muss ja, muss ja! – kunstvoll gekünsteltes Lachen von beiden Seiten.

Lange nach dem offiziellen Ende unseres schmerzlich vermissten Kaiserreichs und kurz nach dem erfolglosen Einstiegsversuch der Monarchistenpartei in den Nationalratswahlkampf wird das alltägliche Klischee der österreichischen Kommunikation immer noch von höfischen Umgangsformen geprägt. Die Sozialpathologie der ÖsterreicherInnen, oder seit Erwin Ringel auch die österreichische Seele genannt, ist inzwischen zum Nationalkulturerbe erhoben und mit gönnerhaftem Augenzwinkern in jedem Reiseführer beschrieben.
Gemütliche Misanthropie, liebevolle Morbidität und wettbewerbshafter Zynismus sind jedoch womöglich nicht ausschließlich im heimatlichen Genom verankert, sondern Ergebnis einer langwierigen Suggestion durch die Stadt in der wir leben und deren Botschaften, die wir nur mehr selten wahrzunehmen scheinen.
Der Entschluss, auf einem Spaziergang durch Wien den Blick vom Bodensatz des eigenen Kaffees, um den sich zu kümmern man unentwegt erinnert wird, abzuwenden, führt direkt in tiefe Melancholie. Vom Hotel Kummer, das keine Auskunft darüber erteilt, ob zu ihrem Service auch eine Kummernummer zählt, über das peripher gelegene Café Problem, bis zu einer Kinoanzeige, auf der lediglich Sehnsucht zu lesen ist, fühlt man sich nach einiger Zeit nicht nur unter dem Flakturm in Mariahilf smashed to pieces (in the still of the night).

Freiheit

Der städtischen Jugend werden, wenn sie kurz nach draußen gelassen wird, Käfige zur besseren Aufbewahrung erbaut (und es wäre verfrüht, zu behaupten, selbe Jugendliche würden sich dadurch leichter an den Ritus des Hofgangs einmal pro Tag gewöhnen), und mancherorts werden diese Käfige mit großem freedom-Schriftzug versehen. Dies bereits als Zynismus zu werten würde der Situation jedoch nicht gerecht. Mehr bemüht hat sich in dieser Richtung die Wiener Städtische mit einer früheren Werbekampagne, deren großformatige Plakate sich besonders gut an vandalisierten Bushaltestellen vor nichtsanierten Häuserreihen gemacht haben. Ihre Sorgen möchten wir haben.
Vielleicht sollte man der Stadt aber anders begegnen. Mit einem Blick nach rechts bei der Einfahrt in den Westbahnhof, wo einem schwarz auf weiß die Gewissheit von einer Hauswand entgegenruft, dass Jesus lebt! Und widmet man sich dem Wiener Stadtplan, so fühlt man sich bestätigt, dass es bis zum Heil nicht allzu weit sein kann. Himmelpfortgasse, Himmelpfortstiege, Himmelschlüsselweg oder Stoß im Himmel ermuntern zur Suche nach der persönlichen Erlösung. Bleibt zu hoffen, dass man sich nicht irgendwann in Neulaa wiederfindet, wo die Gegenpartei immerhin 38 Hausnummern zur Verfügung stellt. An der Hölle.

Gleichheit

Die Voreingenommenheit durch die schriftlichen Signale des Alltags reicht weit. Bewegt man sich durch die Tristesse der Triesterstraße, flankiert von einschlägigen Namen einschlägiger Lokale, von Snob bis Dalli Dalli, und stößt in einer Nebenstraße auf einen nur mehr unvollständigen Schriftzug über heruntergelassenen Rollläden, liest man also _ammeln mit Stil, denkt man dann als Erstes an die, wie Herr Wikipedia sagt, systematische Suche, Beschaffung und Aufbewahrung einer abgegrenzten Art oder Kategorie von Dingen oder Informationen – mit Stil?
Ähnlich beginnt man sich zu fragen, ob es zufällig oder gar bedenklich sein kann, wenn sich in der Nibelungengasse eine Reinigungsfirma namens Germania ansiedelt.
Ein einzelner Berufszweig scheint sich der Freude am schlechten Wortspiel in besonderem Ausmaß verschrieben zu haben. Keine Straße, in der einem nicht kamm in entgegengeschmettert wird, in der Haarmonie, Fortschnitt oder C’Haarisma versprochen werden, oder man sich sogar im Haarem oder beim Hairgott wähnen kann. Die GmbHaar zeigt hier zumindest ein gewisses Maß an Ehrlichkeit.
Was die Wortspiele den FrisörInnen, das sind die schlechten Reime den Wahlkampagnen. Ist die Anfälligkeit, griffigen Parolen zu verfallen größer, wenn man sich auch gerne die Dauerwelle Haarscharf machen lässt? Was sich reimt ist gut, also Asylbetrug heisst Heimatflug [sic!] ? Es reicht! Um einem anderen Politiker zumindest einmal recht zu geben.

Revolution

Aber Wortgewalt erzeugt Gegenwortgewalt, und so gibt es, wenn auch nicht in einem genügend großen Ausmaß, die urbanen Gegenstimmen und –parolen, die Wortfetzen, Graffitis und Antworten auf die Rhetorik der Stadt. Aber ist schon genug gesagt, wenn an manchen Wänden luxus gesprüht steht, oder das leben ist schön, abwechselnd mit Ruf- oder Fragezeichen ergänzt, sich selbst nicht so sicher scheint, was es eigentlich aussagen will. Und kann der nachträgliche haarige Gesichtsschmuck für die Damen und Herren der plakatierenden Parteien noch irgendwie in Zusammenhang mit einer politischen Protesthaltung der Stimme aus dem Volk gebracht werden? Die fpö sagt ja und kündigt in einer Aussendung mit dem Titel Duzende (sic!) demolierte Wahlplakate ein rigoroses Vorgehen gegen die Politchaoten von Links an. Die politischen Stimmen einer gesprayten Opposition scheinen wieder verstärkt den Reviermarkierungen von Gruppierungen wie den (Rapid) Ultras zu weichen. Vereinzelte Abzugsforderungen aus Kriegsgebieten oder Aufrufe gegen Rassismus halten dem ewigen Kreislauf von Sprühen und Übermalen zwar noch stand und auch künstlerische Formen wie Stencils oder Sticker zeugen von einem gesunden Maß kreativen Ungehorsams, aber wie auch das Institut für Graffiti- und Street-Art-Forschung (www.graffitieuropa.org) dokumentiert, ist die Fülle an fremdenfeindlichen und rechtsextremen Symbolen und Parolen immer noch und immer wieder sehr hoch, wenn es auch laut einer Studie in Wien eine funktionierende „Kultur der Ablehnung“ extremistischer Graffiti-Botschaften gebe, die sich in Übermalungen, Entkräftigungen und Entgegnungen äußert. Damit die Hoffnung weitersprüht, bleibt nur ein Aufruf: Politchaoten aller Länder vereinigt Euch, um alle Euch duzenden Wahlplakate auch weiterhin zu demolieren!

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