Geschichte einer Selbstfindung durch Liebe und Liebesleid

Die Farben der GrausamkeitEin den Atem stocken machendes Buch ist dem Südtiroler Schriftsteller Joseph Zoderer gelungen – er nennt es „Die Farben der Grausamkeit“, 2011 erschienen im Haymon Verlag.

Richard ist das was man gemeinhin einen glücklichen Menschen nennt. Der erfolgreiche Journalist ist mit einer schönen ihn verstehenden Frau verheiratet, ist Vater zweier Söhne und erfüllt sich den Lebenstraum eines Rückzuges aufs Land. Gemeinsam mit Frau und Kindern baut er ein altes Bauernhaus um, restauriert es liebevoll, schafft sich ein Refugium im Grünen, im Stillen. Zwar muss er täglich zum Arbeiten in den Lärm der Hauptstadt zurück, aber dort wartet auch seine Geliebte, die ihm das Gegenteil seiner ihn ruhig machenden Landexistenz gibt: Leidenschaft, das Gefühl grenzenloser Freiheit und der uneinholbaren Süße des Lebens.

Zwar belastet dieses Doppelleben unseren Hauptprotagonisten auch phasenweise und dennoch kann er nichts anderes tun als seine „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ leben. Selma, seine Frau, die Burschen zu lieben und gleichzeitig Ursula begehren und mit ihr seine Lust zu stillen, das geht für Richard zusammen. Bis Ursula entschwindet, nicht mehr Gespielin und Geliebte sein will und kann. Dann erst beginnt Richards Martyrium: er sehnt erinnernd die Gefährtin herbei, entwertet sich sein Familienleben, das er in Zeiten des Nebeneinander als Idyll mit Hund noch so zu schätzen wusste. Die einsamen, sprachlosen, wütenden, sinnenden Märsche durch den (Schnee-)Wald nehmen zu, Selma spürt seine Entfremdung und gestattet wortlos Richards Flucht ins Ausland, wo er als Berlin-Korrespondent tätig wird, in Zeiten des Aufbruchs.

Aufbruch und Umbruch in Berlin

Mit einer guten Erinnerungsgabe gesegnet, schildert uns der 75jährige Joseph Zoderer die Umbrüche im Berlin des Jahres 1989. Er lässt auf überzeugende Art das längst vergessene leibhaftige Gefühl der Beklemmung und des Eingesperrt-Seins, das im Osten (nicht nur für den westlichen Besuchsgast) herrschte, lebendig werden. Und findet so die ideale zeitgeschichtliche Situation für „seinen“ Richard – der auch zwischen Bergung und Aufbruch, zwischen Enge und Freiheit, zwischen Zurücknahme und Ausleben schwankt, hin und her wankt(e). Die Lebendigkeit, das rauschhafte Glück der Ostberliner, die in diesen Novembertagen die „Party ihres Lebens“ feierten, die das abgegriffene Wort des „Wahnsinns“ so verzeihlich oft im Munde führten – genau das braucht ein Richard um am gänzlich unvertrautem Ort die Möglichkeit des leibhaftig und geistig anders Lebendigseins zu spüren. Mit Ursula, die er als Veränderte zufällig in Berlin wieder trifft. Die amour fou setzt sich fort – bis Ursula zu ihrem Mann nach Barcelona zurückkehrt und Richard (wie schon zuvor immer wieder) in die Bergeinsamkeit. Selma, die ihn so sehr brauchenden Burschen, erreichen ihn nicht – nur eine Hülle ihres einst so vertrauten Gefährten sitzt in deren Hof. „Du kommst nicht wieder“ sagt Selma bei einer neuerlichen Abreise Richards nach Berlin, wohin sie ihm auch einmal nachgefolgt war.

Wende in Barcelona

Und das sagt die duldsame Selma zu diesem Zeitpunkt als sichere Gewissheit. Der Leser, der neben dem Handlungslauf auch einem kursiv eingefügten Gedankenstrom Richards folgt, glaubt gleiches. Doch – und hier reißt diese Inhaltswiedergabe ab – es kommt anders als gedacht. Barcelona hilft Richard, zu weiteren Selbsteinsichten zu kommen, und er vermag die Möglichkeiten seiner und Ursulas Liebesfähigkeit noch genauer einzuschätzen und seine, eine vorläufige (?), Entscheidung zu treffen.

Ausklang

Was ist Zoderer mit diesem dreigliedrigen Buch gelungen? Er erzählt von Gegensätzen, von Lebensentwürfen, von Sehnsüchten, die in vielermanns Brust zu finden sind. Er zeichnet mit Richard einen Charakter des Stürmens und Drängens, der das Leben aussaugt als gäbe es nur eines (und so ist es ja auch). Er stellt diesen unruhigen Geist in unterschiedlichste Umgebungen und zeigt dessen Zwangsläufigkeiten auf. Er stellt ihm zwei Frauen zur Seite, die bemerkenswert und in ihrer Darstellung wahr scheinen. Er tut all das mit einer sehr sensiblen Sprache, voller Bilder wie zum Beispiel diesem „Er war ein Verleiher seines Ichs, ja, das fiel ihm wie Schuppen von den Augen, er hatte sich immer hergeliehen, und sich vernichtet für das aufregende Gefühl, mit etwas Fremden in Atemnähe, in Fleischnähe zu kommen.“ Er lässt Richard gewähren, in all seiner Konsequenz (die wir uns oft selbst nicht verstatten). Und darin liegt das mutig(st)e Plädoyer des lebensklugen Autors, des Schöpfers dieses so „echten“ zerrissenen Mannes.

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