Ginga

© by Georg Oberlechner Als mir vor ein paar Wochen – leider viel zu spät – „they should have told us“ (2008) von Ginga in die Hände gefallen ist, wurde mein musikalischer Begriff von „Wien“ einer gründlichen Revision unterzogen. Ich dachte eigentlich, ich kenne die „Stadt der Musik“. Ich kenne die Gesichter und die Geschichten dazu und die Lokale, in denen sie sich abgespielt haben. Alle? Nicht ganz! Es gibt da dieses gallische Dorf, das sich nicht in „die Szene“ einverleibt hat. Nicht mal aus Trotz, sondern schlicht, weil sie sich auf die Musik konzentriert haben und keine Lust hatten, mit den üblichen Verdächtigen abzuhängen, nur um im Gespräch zu bleiben. Dazu später noch.

Ginga sind alles andere als „Newcomer“. Ihre erste EP haben sie bereits 2005 veröffentlicht und ein Jahr später die zweite. 2007 wurde ihnen eine Tonträgerförderung vom Musikfonds zugesprochen und damit wurde dann das erste Album aufgenommen: they should have told us. Ein Titel, der im Bezug auf die „Vermarktung“ der Band retrospektiv geradezu nostradamisch wirkt. Zunächst hat es sehr gut ausgesehen für die vier Jungs, die allesamt Kunst bzw. Musik studier(t)en. Sowohl „Cinnamon“ als auch „Fashion“ liefen auf FM4, das sie dann auch zu einer Studio 2 Session eingeladen hat. Trotzdem wollte die Platte nicht so recht über die Ladentische. Zwar hatten sie vorab einen Vertriebs-Deal mit Hoanzl und zudem ein sehr, sehr schönes Promo-Paket gebastelt, um JounalistInnen bzw. RadiomacherInnen zu ködern, aber die eigentliche Labelarbeit, also das Spielenlassen informeller Beziehungen, konnte das hauseigene Label doubleplus nicht bewerkstelligen.
Im Winter 2009 wurde der Entschluß gefaßt, „Fashion“ noch einmal neu aufzunehmen, um den von sich aus schon sehr hittigen Song in eine auch tontechnisch perfekte Form zu gießen. Bald waren bereits vier Lieder neu eingespielt und als die Entscheidung anstand eine EP daraus zu machen, raffte sich die Band gleich dazu auf, das gesamte Material neu einzuspielen. Diese Neuaufnahme von „they should have told us“ wurde in vier Wochen in Belgien gemacht und im Anschluß zwei Wochen in England von Daniel Rejmer, der unter anderen für Nick Cave und Björk gearbeitet hat, gemischt. Besonders wichtig beim Rerecording war ihnen die Möglichkeit einer 1:1 live-Umsetzung der Platte auf Konzerten. Unter anderem deshalb ist „in the morning“, eine sehr schöne Ballade mit spanischem Einschlag und einer schönen Schicht Schmalz, nicht auf der neuen Version des Albums. Witziges Detail am Rande: „I’ve sung this song a thousand times before, it’s a worn out tune I don’t wanna hear no more.“ wurde beim rerecording zu „You’ve sung this song a thousand times before, it’s a worn out tune I don’t wanna hear no more”. Das ist vielleicht wichtig, weil es zeigt, daß Alex Konrad im Moment singt und nicht nur Geschriebenes re-produziert.
Labels in Belgien und England stehen, sollen aber noch nicht namentlich erwähnt werden. Zudem hat der Bassist der britischen Band Starsailor (die mit „Alcoholic“ 2001 einen Welthit hatten) sein Interesse bekundet, in der Band einzusteigen. Fix ist das noch nicht, aber es sieht im Moment danach aus. Auch generelles Auswandern in eines der beiden angesprochenen Länder steht prinzipiell zur Debatte. Mittlerweile gibt es auch ca. sieben halbfertige neue Songs, die teilweise schon ins Liveset integriert werden. Fürs Debut wurde ein ursprünglicher Körper von 30 Stücken auf 13 eingekocht. Im Prinzip also stünde schon bald der Liederkörper für Album Nr. 2 bereit.
Als die die Band zum Interview gebeten habe, habe ich geschrieben, Thema des Interviews würde sein: Warum sind Ginga nicht längst Superstars? Und tatsächlich drängt sich diese Frage geradezu auf, wenn man die Platte durchgehört hat. Mit ihren elegisch/enthusiastischen Hymnen setzen sie Lied für Lied neue Maßstäbe und alle, denen ich das Album vorgespielt habe – und ja, das waren einige –, bestätigen mich diesbezüglich. Warum also hat es sich nicht längst rumgesprochen, daß diese Band ein Meisterwerk geschaffen hat, das sich locker mit Funeral (!) messen kann? Ich werde versuchen, dieser Frage ganz allgemein auf den Grund zu gehen. Zunächst glaube ich, daß Erfolg im künstlerischen Bereich (wie auch immer man diesen definieren mag) zu einem gewissen Prozentsatz immer auch auf einem Bluff basiert. Es gibt viele gute Bands in dieser Stadt. Bekannt werden damit aber nicht notwendigerweise diejenigen, die das innovativste oder auch hittigste Konzept fahren, sondern die, die so tun als ob. Wenigstens darin sind erfolgreiche Bands gut und sie sind zudem in der Regel halbwegs talentiert, weil ganz ohne Talent läuft auch in der Musik nichts. Umgekehrt aber kommt es leider schon vor, daß außergewöhnlich gute Sachen ignoriert werden. Wahrgenommen wird, wer sein Image systematisch kultiviert und also zusätzlich eine „Kunstfigur“ kreiert. So hat man in der Regel bessere Karten als jemand, der sich nicht ent-personalisiert, weil er/sie/es klar als Mensch erkennbar bleibt. Das wollen die anderen Menschen aber oft gar nicht haben, weil sie halb-weggetretenes Gehabe gern mit Kunst verwechseln, und noch weniger wollen das die JournalistInnen und RadiomacherInnen, weil diese davon leben, eine Geschichte oder wenn man so will einen Mythos mitzuverkaufen.
Ein solches „Image“ haben Ginga nicht forciert, weil sie sich, wie bereits erwähnt, ausschließlich auf die Musik selbst konzentriert haben. Das ist natürlich nur ein Grund, warum das großartige „they should have told us“ kaum jemand kennt. Ein weiterer liegt sicher im bereits angedeuteten fehlenden Socialising. Wer sich nicht rumtreibt, kommt nicht ins Gespräch – weder aktiv noch passiv –, und das kann man sich dann erst wieder leisten, wenn einen ohnehin alle kennen, aber bis dahin muß man sich wohl oder übel auch mit vielen Trotteln arrangieren, um ins Spiel zu kommen. Traurig aber wahr und wer da anderer Meinung ist, hat schlicht und ergreifend nicht die geringste Ahnung. Die Zeiten, in denen es genügt hat, einfach nur gute Musik zu machen, sind vorbei beziehungsweise würde ich sogar so weit gehen zu behaupten, daß es eine solche Zeit nie gegeben hat.
So. Und jetzt gehst du ins Substance und kaufst dir „they should have told us“.

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.