Glückwärts. Eine Idylle

Kapitel III b,

in welchem wir, nachdem uns einige Hintergründe nähergebracht, die Familie der Holznerin Katha vorgestellt sowie jene schicksalhafte Veränderung geschildert worden ist, welche durch deren plötzliches Auftreten das bis dahin recht gleichförmige Dasein der jungen Holznerin Katha erschütterte, nun Näheres über die Holznerin Katha selbst erfahren, die nach den darauffolgenden, nicht minder tragischen Wirrnissen und Ereignissen nun – wie im ersten Teil des Kapitels geschildert – ein Leben als Sennin führt.

In dieser Abgeschiedenheit hatte die Sennin Katha also vorerst ihr Glück gefunden, wie sie mir bei meinem ersten Besuch auf der Hütte erzählte.

Erst nachdem sie in dieser Einschicht angekommen sei und sich in ihr eingelebt gehabt habe, sei sie zur Erkenntnis gelangt, dass es ihr nirgends besser gehen könne als hier oben; obwohl ihr anfangs die Geselligkeit abgegangen sei, habe sie nach einer Weile festgestellt, dass es keinen Ort auf der ganzen Welt gebe, an dem sie sich wohler fühlte als hier, über allen Wipfeln, wie sie es ausdrückte. Sie habe, ohne es aber jedoch zu merken, oder vielmehr, ohne es sich endlich einzugestehen, das Leben unten im Dorf längst satt gehabt, die ständige Wiederholung hohler Phrasen, die man ohne nachzudenken in Gesprächen von sich gab, die immergleichen, abgedroschenen Wendungen in den Unterhaltungen; sie habe den ganzen Stuss, den man sich stets gegenseitig erzählte, nicht mehr hören können, sowie die leeren Floskeln, von denen die Geschäfte und Wohnungen, die Gassen und Plätze und die Wirtshäuser widerhallten. Auch habe niemand mehr irgendjemandem zugehört, erzählte die Sennin Katha und verstummte. Wahrscheinlich, sagte sie schließlich, sei es aber sowieso schon immer so gewesen, sie habe es nur jahrelang nicht bemerkt, so wie die Leute da unten es ja offenbar noch immer nicht bemerken; den wenigsten sei wahrscheinlich aufgefallen, was ihr in den letzten Jahren allmählich, und hier oben über allen Wipfeln schlagartig klar geworden war. Jetzt aber, versicherte sie mir, und hier sei sie voll und ganz zufrieden. Mit den Schafen könne man reden, worüber man wolle, man könne sogar über völlig verrückte Dinge fantasieren, wie sie das schon öfter lauthals getan habe, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nehme; sie habe schon ganze Werke geschaffen, flüsterte sie, und auf meine Nachfrage erklärte sie mir: Wortwerke, komponiert, improvisiert aus Wortklängen und Wortmelodien. Die Kühe und die Schafe seien geduldige Zuhörer, erklärte mir die Sennin Katha. Alles, was man den Viechern mitteile, oder auch gelegentlich vorsinge, hören diese in vollkommener Gemütsruhe und völlig unvoreingenommen an. Manchmal hielten sie dabei unversehens im Kauen inne, wie um besser zu verstehen. Es sei den Tieren aber auch ganz gleich, wenn man einmal tagelang keinen einzigen Laut äußere. Manchmal habe sie eben keine Lust, sich zu äußern, vielmehr verspüre sie diesbezüglich einfach keinerlei Bedürfnis, dann probiere sie aus Neugier aus, wie lange sie es aushalte, ohne ein Wort zu sprechen. Oft komme sie tage-, ja wochenlang nicht aus dem Schweigen heraus, wobei sie, wie die Sennin Katha betonte, wirklich kein noch so harmloses Wort, keinen einzigen noch so kurzen Laut äußere. Sie verzichte dann auch auf jegliche Lektüre, da sie dann auch keine Worte in schriftlicher Form verkrafte. Es kämen ihr mit der Zeit auch gar keine Worte mehr in den Sinn, in solchen Zeiten gebe sie das Denken in Worten völlig auf, weil sie dann auch in ihrem Kopf kein einziges Wort dulden wolle; irgendwann habe sie einfach gelernt, alle Worte aus ihren Gedanken zu verbannen. Sogar in ihren Träumen komme sie mittlerweile, in solchen Zeiten, in welchen sie kein Wort ertragen könne, gänzlich ohne Worte aus. Ich müsse mich daher nicht wundern, wenn ihr ab und zu die richtigen Worte fehlen, manchmal falle ihr eben der passende Ausdruck nicht sofort ein. Sie sei darüber aber keineswegs unglücklich, da sie ja, wie erwähnt, ohnehin genug von den Unterhaltungen in den Geschäften und Wohnungen, Gassen und Plätzen und Wirtshäusern hatte. Im Gegenteil, sie genieße diese Sprachlosigkeit, die Stille und das Zuhören.
Die Natur, sagte sie schließlich, sei ohnehin sehr gesprächig, im Hochsommer sei diese mitunter regelrecht geschwätzig, die erzähle genug, man müsse nur hinhören. Zum Beispiel erzähle ihr der Bach täglich von dem Berghang, dem er entspringt, im Frühling, wenn die Schneeschmelze beginne, gebärde dieser sich oft wild aufgelegt und übermütig, später im Jahr werde er etwas gemächlicher, und seine Berichte plätschern gutgelaunt dahin; im Winter bevorzuge er eher die gemütliche Konversation, wie ein alter Mann in seinen Bart murmelnd. Letztlich wiederhole sich aber auch das, was der Bach ihr erzähle, unentwegt, sodass ihr bisweilen auch die Schilderungen des Baches hohl und abgedroschen erschienen. Sie höre dann einfach nicht mehr zu, so die Sennin Katha, hier oben sei man nicht zum Zuhören verpflichtet, niemand empfinde es hier als unhöflich, wenn sich der Zuhörer unversehens vom Erzählenden abwende, weil man die Eintönigkeit des Vortrages nicht mehr aushalte.
Damals, fuhr sie fort, als sie noch, als Försterstochter, öfters in der Forstwirtschaft ihres Vaters zugegen war, hatte sie immer die Klänge des Waldes geliebt, das Rauschen der Wipfel, das hoch über ihrem Kopf ertönte, und die Laute der Waldbewohner, vor allem das fast unhörbare Gekrabbel der emsigen Waldinsekten habe sie immer fasziniert. Jetzt meide sie den Wald, sagte die Sennin Katha, er erinnere sie zu sehr an die Familie und jene höchst schicksalhafte und daher unaussprechliche Begebenheit, selbst wenn die hiesigen Wälder jenen der väterlichen Forstwirtschaft keineswegs ähnelten, sondern sich im Gegenteil völlig von jenen unterschieden. In den Wald könne sie nur gehen, sagte sie, wenn sie sich wieder einmal in das Tage oder auch Wochen dauernde Almschweigen, wie sie es nannte, zurückgezogen hatte und bereits alle Begriffe und Begrifflichkeiten abermals für eine Zeit lang hinter sich gelassen hatte; dann erst, wenn sie alle Worte abgeschüttelt und aus ihren Gedanken herausgewaschen hatte, wie sie es ausdrückte, wenn selbst ihre Träume wortlos geworden waren, erst dann könne sie es aushalten, in den Wald zu gehen.

Wie es mit der Sennin Katha, ehemals Holznerin Katha, weitergeht, erfährt die geneigte Leserschaft möglicherweise in der folgenden Bagger-Ausgabe. Da sich aber immer mehr der Verdacht zu bestätigen scheint, dass seitens der Redaktion ganz allgemein keinerlei Interesse an langfristiger Zusammenarbeit mit d. Verf. zu bestehen scheint, ist d. Verf. wenig zuversichtlich, dass die Geschichte der bedauernswerten Sennin Katha, ehemals Holznerin Katha, einer Fortsetzung zugeführt werden kann. D. Verf. entschuldigt sich daher untertänigst bei der geneigten Leserschaft und zieht sich in Erwartung zäher Verhandlungen sowie wochenlanger Nichtbeachtung durch die Redaktion bockig in seine Kategorie-D-Substandard-Wohnung zurück.

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