Glutamat - Zirkus Maximus!

Glutamat spielen Mutterkorn im EKH

Glutamat gab es schon, bevor die neue Wiener Zeitrechnung überhaupt begonnen hat. Das Gründungsjahr der Band reicht zurück ins Jahr 1995. Einziges stetiges Mitglied war und ist Matze Pfisterer aka MP Kopflos. Im untenstehenden Interview geht es um Besetzungswechsel, Politik, Theater und vor allem um „ideologische Selbst­ermächtigung“.

Mitte 2012 veröffentlicht die Band, die aktuell aus 6 Mitgliedern besteht, ihr fünftes und bislang letztes Album Sturm der Herzen. Als einziges ist es auch auf Vinyl erhältlich. In einer Auflage von 300 Stück und mit einem großartigen Cover, das von Hand mehrstufig gesiebdruckt wurde. Ein optisches und akustisches Meisterwerk. Nach eigenem Ermessen der Band ist es allerdings „medial komplett untergegangen". Das liegt zum einem an der Behäbigkeit des österreichischen Musikjournalismus’, aber es liegt auch an der Gruppe selbst, die konsequenterweise mehr Zeit in ihre Experimentierfreude als in ihre „Vermarktung" investiert hat.
Hätte man beispielsweise 2008/2009 für dem großartigen Punk-Rap-Kracher Kabel gewackelt (feat. Skero) ein Video gedreht, hätte man die Chance gehabt, flächig durchs Netz zu geistern. Man wählte aber stattdessen die Devise „es sads deppad, gehts doch scheissen" (aus: Deppad – ebenfalls vom Album mit dem nicht zufällig gewählten Namen Scheitern inbegriffen).
Beim Konzert im EKH am 10.1.2014 wurde größtenteils Material vom aktuellen Album gespielt: Alle, Dose, 1/4 acht vorbei und das jenseitig großartige Mutterkorn. Selten, sehr selten passiert es mir, dass mich eine Band noch wirklich begeistern kann, aber bei Glutamat ist das der Fall – auch wenn ich einen Konzertbeginn um 2:00 nicht gerade lustig finde. Seisdrum: Es hat sich gelohnt. MP Kopflos (Stimme, Synth, Piano, Flöte, Spielzeug), Thesa Tödlich (Stimme, Singende Säge), Ronald von den Sternen (Gitarre, Bass), Palme (Gitarre, Bass), Susi von Hannover (Akkordeon, Trompete) und King "DD Kern" Augenring (Drums) sind gemeinsam eine musikalische Offenbarung. Daher dieses Interview.

Bei Glutamat hat man den Eindruck, der Begriff „Band“ wäre vielleicht zu eng gefasst. Das Wort Kunstkollektiv bietet sich an. Was beinhaltet dieser Begriff im Fall von Glutamat?

MP Kopflos: Das ist eine Auffassung, die ich nicht zum ersten Mal höre. Wundert mich aber auch jedes Mal ein Bisschen. Tatsächlich haben die meisten von uns auch außerhalb von Glutamat in irgendeiner Weise mit Kunst zu tun, und wenn wir keine Musik machen könnten, würden wir vielleicht eine andere künstlerische Ausdrucksform als kollektives Ventil finden. Allerdings glaube ich, dass das doch auch auf viele andere Bands zutrifft, oder? Was natürlich sicher zu einem „multimedialen“ Eindruck beiträgt, ist das visuelle Element, das durch die Kostümierungen dazukommt und die Kontexte machen natürlich viel aus. In letzter zeit haben wir zum Beispiel eine Menge im Theaterkontext gemacht, als Teil der Theater- und Performancegruppe Miasma. Solche Sachen haben uns immer sehr interessiert. Eine ganze Zeit lang haben wir auch mit Deutschbauer/Spring zusammengearbeitet. Das hat viel Spaß gemacht und man konnte eine Menge erleben und lernen, das man bei „normalen“ Konzerten nicht so mitbekommt.
Klar, wir haben uns schon eher selten in Richtung auf ein klassisches Rock-Underground- bzw. Pop-Umfeld orientiert. Das trägt sicher auch zu diesem Eindruck bei. Sondern wir sind immer auf der Suche nach speziellen Kontexten gewesen, die uns interessieren oder die wir zumindest irgendwie unterhaltsam finden, selbst zum Preis einer gewissen Fremdkörperrolle, wenn's sein muss. Oder gerade deshalb? Also quasi eine Art „Queerness“, was die Verortung angeht. Trotzdem denke ich, dass wir im Grunde einfach eine Band oder Musikkapelle sind. Das ist jedenfalls unser Kerngeschäft.

Glutamat sind keine per se politische Band, aber das (sozial)kritische lässt sich doch unschwer zwischen den Zeilen herauslesen. Ist Glutamat eine fleischgewordene Protesthaltung? Bitte sowohl ein "ja" als auch ein "nein" wie auch ein "jein" näher ausführen.

Jein... sehr komplexes Thema, und sehr wichtig. Meiner Ansicht nach ist eigentlich jegliche Musik, oder zumindest jede Popmusik, politisch. Sogar DJ Ötzi-Heimatschnulzen und Ö3-Dudelpop, gerade die. Nämlich in dem Sinn, dass sie einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Verhältnisse leisten, so eine Form von Wohlfühlpolitik. Das ist ja eine fast klassische konservativ-rechte oder allgemein autoritäre Form, Politik zu transportieren. Nämlich indem den KonsumentInnen eine Projektions- und Identifikationsfläche geboten wird, auf der sie scheinbar sich selbst und ihr Leben wiederfinden, so wie es angeblich „ist“ und immer war und auch immer sein wird. Jeder kennt seinen Ort und alles ist am rechten Platz, und falls mal nicht, dann ist dennoch immer ein Licht am Ende des Tunnels... Die Politik ist dabei natürlich nicht als Politik deklariert, weil sie ohnehin durch alles hindurchfließt.
Das „subkulturelle“ Pendant dazu sind in meinen Augen die ganzen Sparten- und Retrobands, die über Musikstil und Outfit die Interessen bestimmter KonsumentInnengruppen bedienen, und sich  konsequenterweise auch in ihren Texten kaum über den Tellerrand von glücklicher vs. unerfüllter Liebe, schnellen Autos und anderen angesagten Themen hinausbewegen. Wenn sie mal ein politisches Lied machen, dann muss es ganz explizit und eindeutig sein, damit es jeder merkt, es darf aber auch nicht übertrieben sein, damit um Himmels willen niemand vor den Kopf gestoßen wird. Das ist dann mutig und engagiert. Und schließlich gibt es vor allem auf der Linken noch die deklariert politischen Bands, die in vielen Fällen aber wenig Reichweite haben, weil sie vor allem gleichgesinntes Publikum ansprechen. Ebenfalls mit Wohlfühleffekt – wenn die Leute von da nach Hause gehen, fühlen sie sich natürlich bestätigt.
Man kommt also gar nicht aus. Und in diesem Sinn halte ich uns durchaus für eine sogar eher überdurchschnittlich politische Band. Denn wenn es um die Frage einer gemeinsamen Grundhaltung geht, die uns als kollektiv und auch als Einzelpersonen wichtig ist, dann ist das vor allem eine ausgeprägte Skepsis, und Hand in Hand damit ein großes Interesse an Ambivalenz. Zwischen den Zeilen lebt es sich tatsächlich besser, und ich finde auch ehrlicher. Um zu wirken, erfordert so etwas natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit vom Publikum. Auch ein Grund, diesen ganzen Zirkus zu veranstalten. Was mich freut ist, wenn die Leute ein Bisschen verwirrt werden davon.
Mich hat mal nach einem Konzert eine Frau sehr, sehr ernst gefragt: „Sag mal, wofür steht ihr eigentlich? “ Sie ist mit der Mehrdeutigkeit der Vorführung nicht ganz klargekommen. Im folgenden Gespräch hat sich dann herausgestellt, dass sie sich daraufhin natürlich auch selbst gefragt hat, wofür sie eigentlich steht – find ich das jetzt ok oder nicht, was die mir da erzählen wollen? Und genau darum geht es. Um ideologische Selbstermächtigung.

Wie hat sich die Band seit der Gründung gewandelt - personell gesehen und auch was die inhaltliche wie auch die musikalische Ausrichtung betrifft?

In der ersten Zeit war Glutamat fast ausschließlich eine Sologeschichte von mir. Mit dem Vierspurgerät, später auf ADAT. So sind die ersten beiden Alben entstanden. Ich hab versucht, alle benötigten Instrumente selbst soweit zu spielen, wie ichs brauchte, und hin und wieder Gastmusikantinnen eingeladen. Das war aber live nur schwer umzusetzen, denn ich wollte doch nicht gar so viel Playback verwenden, aber tu mir schwer mit gleichzeitig singen und ein Instrument spielen. So ist Roni (von den Sternen) dazugekommen, zuerst nur provisorisch. Und da gab es dann so ein Schlüsselerlebnis: Da war so ein Typ, den ich kannte, ein alter Wiener Hase aus der New-Wave-Generation. Ein sehr netter Kerl, er hat mir am Anfang auch immer wieder weitergeholfen. Ich sag jetzt aber nicht wer das war. Der sagte jedenfalls eines Tages zu mir sinngemäß, daß das, was ich mache, für ihn nahezu alles repräsentieren würde, was an den Achtzigern für ihn cool war und dass er überhaupt nicht versteht, warum ich jetzt mit diesem furchtbaren Gitarristen spiele, das ist so schade. Da ist mir schlagartig klar geworden, daß ich das Ganze aufmachen muß, und dass als erste Maßnahme dieser Gitarrist ganz sicher dabeibleibt. Natürlich hört man meinen alten Sachen deutlich an, wo ich herkomme und was mich musikalisch und auch ideologisch geprägt hat: Gadgets, Throbbing Gristle, der Plan, Iggy, Bauhaus und solche Bands. Aber ich wollte niemals so ein Retro-Ding machen und auch nicht damit verwechselt werden. Diese Sache hat mir ziemlich zu Denken gegeben und die naheliegende Lösung war, dafür zu sorgen, daß Glutamat sich frei entwickeln kann und ich selbst möglichst darin verschwinde.
Kurz darauf kam dann Christian Egger aka C.E. Wahnsinn dazu. Zuerst hat er nur die Video-Projektionen gemacht, aber dann auch mitgespielt. Das Trio war wahrscheinlich die lärmigste und schrägste Besetzungsvariante und mit Abstand die Lauteste. Aber dann ging Christian für längere Zeit auf Reisen also waren wir wieder zu zweit. Wir haben dann weitergemacht, indem wir regelmäßig Gastmusikantinnen eingeladen haben, sowohl für Aufnahmen als auch für Konzerte. Das waren einige Leute wie Georg Freizeit, Eva Jantschitsch, Brigitte Hofer und andere. Und eben auch Palme. Der wurde zu einer Art Dauergast und blieb dann dabei. Zuerst hat er meistens Schlagzeug gespielt, später dann Gitarre und Bass, so wie jetzt noch. Irgendwann sind dann DD Kern und Christian Selinger dazugekommen. Mit ihrer spielerischen Sicherheit waren die zuerst eine ganz schöne Herausforderung. Knapp danach stieß schließlich noch Thesa dazu. Am ersten Tag, an dem sie zu uns ins Studio kam, haben wir gleich drei Nummern mit ihr gemacht und aufgenommen. Durch die zweite Stimme haben sich natürlich ganz neue Möglichkeiten ergeben, und sie hat vor allem auch eine bestimmte Art von Musikalität mitgebracht, die vorher nicht so stark vorhanden war. Das war 2006, und seitdem ist das die stabile Besetzung.
Ich glaube, das Wesentliche ist, daß wir alle jeweils aus einer ganz anderen musikalischen Ecke kommen, aber gleichzeitig offen und neugierig in dieser Hinsicht sind. Das hilft, die Sache undefinierbar zu halten. Und daß wir uns so gut verstehen. Es sind alles Personen, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann. Das ist etwas sehr schönes und ich glaube, daß sich das schon auch auf die Musik auswirkt. Diesen emotionalen Aspekt sollte man nicht unterschätzen.

Welche Pläne gibt es mit Glutamat?

Allgemein: Mehr Konzerte spielen und neue Kontexte für uns finden. Außerdem gefallen uns die Theatersachen, in dieser Richtung wird sicher noch einiges passieren. Und bald mal ein neues Album.

In Retrospektive: Welche Erlebnisse/Konzerte habt ihr in besonders guter oder besonders schlechter Erinnerung?

Wir haben alle Konzerte in besonders guter UND besonders schlechter Erinnerung.

Wie nimmt Glutamat die "Wiener Musikszene" wahr? Welche Berührungspunkte und Verstrickungen gibt es?

Durch die lange Zeit, die es Glutamat schon gibt, und durch die Anzahl von Beteiligten ist das natürlich uferlos. Es gab jedenfalls nie eine spezielle Bindung an irgendeine Subszene. Sicher gibt es Naheverhältnisse. Das Fluc zum Beispiel, da haben wir immer wieder gespielt, in allen Besetzungsvarianten. Zum einen kannte ich die Fluc-Leute schon, bevor sie mit dem ersten, kleinen Fluc angefangen haben – das allererste Glutamatkonzert überhaupt, noch solo, war ein Doppelkonzert mit Dynamo, im Cafe Terrassinger. Zum Anderen haben ja mehrere Bandmitglieder dann lange im Fluc gearbeitet. Über solche institutionellen Verstrickungen ergeben sich natürlich auch Bekanntschaften mit all den Leuten, die sich dort herumtreiben und Sachen machen.
Was die „Wiener Musikszene“ angeht, habe ich das Gefühl, dass es sich jetzt in eine ganz gute Richtung entwickelt. Für sehr wichtig halte ich zur Zeit Quehenberger/Kern – ganz unabhängig davon, dass DD ja auch bei Glutamat ist. Sie bringen eine unglaubliche Energie rüber, und es freut mich ungeheuer, wie viele Leute sich für diese extrem sperrige und komplexe Musik interessieren und begeistert davon sind. Noch vor wenigen Jahren wäre das den Meisten zu anstrengend gewesen. Ich habe aber den Eindruck, dass das Publikum in Wien zur Zeit sehr offen ist, viel mehr als früher. Und dass die Leute endlich die Nase voll haben von der ganzen Langeweile und Redundanz.

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