Grundtexte der Menschheit

Märchen und Mythen

Wieder einmal führen mich Lese-Erfahrungen in eine große Nachdenklichkeit. Diesmal waren es Eugen Drewermanns Bücher zum tiefenpsychologischen Gehalt der Märchen auf der einen sowie Luc Ferrys „Leben lernen: Die Weisheit der Mythen“ auf der anderen Seite. Beide Autoren widmen sich in ihren Abhandlungen Texten, die uns allen geläufig sind – oder zumindest wieder werden sollten: Märchen und Mythen. Dies sind Erzählungen, die auf eine lange mündliche Überlieferungsgeschichte zurückblicken können – und schon viele Generationen prägten.

Eine ähnlich lange Tradition weisen nur die religiösen Texte auf – in unseren Breiten ist das nach Luthers Übersetzung wohl die Bibel mit all ihren schönen literarisch-moralischen Gleichnissen. Sie gibt uns ähnlich dramatisch Antwort auf die Frage nach Ursprung und Ende der Welt wie der Mythos. Und sie lehrt uns, wie wir leben sollten – um die unausweichliche Apokalypse (dazu und zu Takis Antonious Bearbeitung des Untergangsthemas im nächsten Heft) unbeschadet zu überstehen. Gleiches tut auch der Mythos, sagt Ferry. Und auch die Märchen geben wieder, unter welchen Bedingungen Leben gelingen aber auch misslingen kann, weiß Drewermann.

spiegelungErfahrungen mit Märchen

Und doch sind diese Texte vielen von uns nicht mehr wirklich präsent – sie lösen allenfalls wohlige Erinnerungen an die Zeit des Vorgelesenbekommens aus, die in ihrer einmaligen Qualität (ganz ungeachtet aller käuflicher Hörbücher unserer Tage) nur in der Kindheit anzusiedeln ist. Waren es nicht die (Groß-)Eltern, die mit Furcht einflößender (Hexen u.a.) imitierender Stimme den ersten Horror in unser Leben trugen? Und fieberten wir nicht lange (immer wieder) mit, mit den zumeist noch sehr jugendlichen Helden der Grimmschen Märchen – noch viel Zeit brauchend, um zu begreifen, dass da oft (aber nicht immer) eine glückliche Lösung am Ende der Geschichte stehen wird? Ab diesem Durchschauen des (zumeist) mit „Es war einmal“ beginnenden und „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ endenden Texttyps mag beim einen oder anderen Hörer die Hingabe nachgelassen haben – das Happy End schien ja regelrecht abonniert und man selbst den oft gehörten Kindergeschichten inzwischen entwachsen. Keine unerwarteten Wendungen und überhaupt: Alles schien nur erfunden und erlogen: Könige und Prinzessinnen gibt es ja nicht in unserer Welt – geschweige denn verwandelte Menschen und sprechende Tiere oder gar Feen. Nein – diese Gattung von Literatur wird ab einem gewissen Zeitpunkt nur mehr wenig ernst genommen, genauso wie Nikolaus und Christkind.

Warum also weiter Märchen lesen?

Wahrscheinlich erst mit den eigenen Kindern drängen sich dann die alten Geschichten wieder auf: Will man sie nun selbst in guter Tradition (weiter)erzählen oder nicht lieber pädagogisch wertvollen Texten den Vortritt gewähren? Warum eigentlich Märchen (vor-)lesen? Neben der Möglichkeit, so einen Grundstock an vielen Kindern gemeinsamen (Referenz-)Texten zu legen, gibt das Märchen Lebens-Themen vor, die man dem Kinde (und auch sich selbst) erklären (lassen) kann. Denn wer wird nicht einmal Verluste, Unerwartetes, Sehnsucht, u.v.m. erleben müssen und wieso wappnen wir uns eigentlich nicht mittels Märchen gestützter Antizipation? Unser Leben verläuft viel öfter „wie im Märchen“ (allerdings in seiner ganzen Begriffs-Ambivalenz) als gedacht! Dieses Vertraut-Machen mit Grund­emotionen, mit Konflikten und möglichen (ungeahnten) Auswegen ist ein großer Schatz, den die Textart Märchen bietet. Dass nicht selten das Prinzip Hoffnung siegt, ist ein schöner Zug, verstärkt das Vertrauen ins Leben und macht nicht nur Kinder stark.

Lebensweisheit im griechischen Mythos

Im (griechischen) Mythos wird Leben anders thematisiert – hier treten v.a. (olympische) Götter auf, die doch sehr menschlich auf uns wirken. Diese Darstellung hat oft zum Vorwurf geführt, die Menschen, die den Mythos schufen, wollten durch die Göttergeschichten diesen unsere Verfehlungen in die Schuhe schieben. „Irren ist (auch) göttlich. Das Laster ist überall zu Haus, sogar bei Göttervater Zeus.“ Diese Sicht greift freilich zu kurz – jedoch gilt auch im Mythos: Das Leben ist voller Emotionen. Und diese Emotionen ziehen nun aber Konsequenzen nach sich, das ist der neue spannende Aspekt dieser Texte. Denn Zeus, ein auf Ausgleich bedachter, durch und durch an Prinzipien der Gerechtigkeit orientierter Weltenlenker, liebt das (Emotions-)Chaos nicht. Er fordert von Menschen und Mitgöttern eine gewisse Disziplin, eine Kenntnis des Angemessenen. Jeder, der absichtsvoll oder auch nur unbedacht seinen Ort in der wohlgeordneten Welt (nichts anderes bedeutet Kosmos) verlässt, hat mit Sanktionen zu rechnen.

„Erkenne dich selbst“, des delphischen Orakels Mahnung, meint: Suche dir einen Platz, den du ausfüllen kannst und wo du dich nicht selbst überhebst. Ein Paradebeispiel ist der (heimkehrende) Odysseus, der allen Widrigkeiten und (schwerer noch:) Verlockungen trotzt und nach Ithaka zurückkehrt, wo er familiäre und politische Verantwortung zu übernehmen hat. Diese „Moral“ wird im Mythos durchweg spannend präsentiert und kann eigentlich (entwicklungsbegünstigend) gleich nach der Märchenzeit erlesen werden. Wieder ermöglicht diese Text­sorte ein facettenreiches Lesen: Abenteuer von im Grunde zeitloser Spannung, Protagonisten mit innerem Erleben und eben (auch fürs eigene Leben gültig) folgenreiche Handlungskonsequenzen – im Märchen noch den unvorhersehbaren guten Mächten geschuldet, im Mythos bereits der strengen Logik eines (göttlichen) Prinzips. Das wird auch im unausweichlichen Sozialisationsprozess zur Regel werden. Es lohnt sich folglich auch im Erwachsenenalter immer wieder mit Muße und Bedacht zu diesen Klassikern zu greifen – nicht zuletzt weil man sich selbst im einstigen Lieblings-Märchen oder -Mythos erkennend (wieder-)begegnen kann.

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