Hans Unstern - ein Interview

  "Paris" - Hans Unstern mit Spieluhr im B72 (Wien) am 25.11.2012. (Foto: wein)

Ich mag Hans Unstern. Sehr. "Kratz dich raus" und "the great hans unstern swindle" sind zwei der bemerkenswertesten Alben, die in den letzten Jahren erschienen sind - textlich, musikalisch und konzeptuell. Deshalb dieses Interview.

Du singst auf deiner neuen Platte, du hättest alles getan, um den Leuten nicht zu gefallen? Zwar deckt sich deine Definition von Popsong nicht mit der der meisten Menschen, aber ein sehr ausgeprägter Sinn für Ästhetik durchzieht soundtechnisch, visuell und was das Konzept auf der Bühne betrifft dein ganzes Werk. Du gefällst also schon, bloß suchst du dir dein Publikum sehr genau aus. Willst du bei den Zuhörern und Zuhörerinnen irgendetwas Spezifisches bewirken?

Ich hab keine konkrete Absicht, beim Publikum etwas bezwecken zu wollen, weil ich nicht glaube, dass das so funktioniert. Ich mache gern ein Angebot. Aber was veröffentlicht wird und damit vielen Menschen zugänglich wird, kann und soll nicht homogen aufgefasst werden. Das Nicht-gefallen-Wollen bezieht sich auf eine unbestimmte Hörerschaft. Ausschlaggebend für diese Ablehnung ist immer die Vereinnahmung durch andere, die sich darin gefallen, einen für ihre Zwecke und Positionen zu gebrauchen. Ich bin weder Schutzschild, noch bin ich ein Transparent, das man auf einer Demo rumschleppt. Und ja: Bühnenästhetik ist bei den Konzerten schon eine Maßgabe. Ich will lieber einen Theaterabend machen, um aus der klassischen Musikrezeption raus zu kommen. Dieser komischen „authentischen Sache“, die verlangt, dass die Leute Privatpersonen auf der Bühne sind – davon will ich mich auf jeden Fall fern halten. Mein Fixstern ist ein Theaterabend. Das ist eine ästhetische Befreiung, weil man nicht mehr so der Beliebigkeit unterworfen ist.

"Wann lerne ich, dass mich ein Gesicht nicht beeindrucken kann? Nie!" Leonard Cohen hat an einer ähnlichen Stelle gesungen "i came so far for beauty, i left so much behind, my promise and my virtue, my masterpiece unsigned". Inwiefern ist diese Analogie für dich nachvollziehbar?

Die Analogie funktioniert so für mich nicht. Ich kenne den Song nicht. Ich glaube schon, dass es möglich ist, sich nicht beeindrucken zu lassen. Ich habe ein Interesse daran, mich von Bedeutungsoberflächen nicht vereinnahmen zu lassen. Es geht mir auf jeden Fall auch um eine Umwertung von Ästhetiken, dabei ist das Einbeziehen ästhetischer Mittel nicht ausgeschlossen. Kritik beinhaltet ja nicht, dass einem der Humor ausgeht, gestalten zu wollen.

"Fische prügeln sich um dein Erbrochenes, ich seh dich ihnen einen Tränentrunk servieren, ich seh, wie sie sich um dich reißen" der Satz sticht für mich aus dem ganzen Album heraus. Für mich steht er symbolisch für das was du machst: neue Dichtung, die aus dem verborgenen hervorschnellt und die Welt mit den schönst-hässlichsten Szenen bewirft. Das war jetzt nicht sehr präzise formuliert, aber kannst du das irgendwie ausführen?

Nein, ich weiß nicht was „Neue Dichtung“ sein sollte. Ich arbeite ja viel mit Collagen und bediene mich bei den Texten von Kolleg_Innen, um meine Geschichten voranzubringen und zu verlinken, sozusagen. Das ist ja keine neue Technik. „Ich seh dich in die See pissen / Mein Horizont im Hochwasser“ ist zum Beispiel nah an einem Satz von Patti Smith: „Pissing in a river / Watching it rise“.

"Du hast mir den Haß auf mich ergiebig/erschwinglich gemacht". Heißt das, daß der Selbsthaß damit Geschichte ist, oder daß er nur ein neues Kleid bekommen hat?

Das ist physikalisch zu verstehen: so wie Energien nicht verloren gehen, sondern sich einfach umwandeln. So hab ich diesen Satz geschrieben.

Es gibt bei den THE GREAT HANS UNSTERN SWINDLE Konzerten sehr viel selbstgebautes Equipment: ein Gitarren-Stuhl, eine Lautsprecherbox die für perkussive Zwecke eingesetzt wird, eine Snare mit Banjosaiten dazu scheppernde Steine in einer Blechschüssel eine scheinbar selbst gebaute Harfe, eine Spieluhr, die "Paris" spielt und verhältnismäßig selten eingesetzte Instrumente wie Sousaphon: war es von Anfang an dein Plan, die Bühne mit unerwarteten und damit theatralen Elementen zu bespielen oder haben sich die Leute und diese Instrumente im Lauf der Zeit zu dir gesellt?

Die Sache mit der Spieluhr ist entstanden für einen Abend in der „Flittchenbar“. Aus einer Not heraus, weil ich an dem Abend solo auftreten wollte. Also hab ich mir eine Lochschablone gestanzt. Später habe ich über zusätzliche Instrumente nachgedacht – hinsichtlich der Tour. Es stellte sich die Frage, wie man die neue Platte, die unter anderem mit großen präparierten Flügeln aufgenommen wurde, live spielt. Und ja, auch die Harfe ist selbst gebaut. Aber zuerst ist der Stuhl entstanden. Der erste Prototyp war ein alter Klassenzimmerstuhl, den ich rundherum mit Saiten bespannte und zu meiner Überraschung feststellte wie interessant sich die Töne verändern, wenn Druck auf die Lehne ausgeübt wird. Zusammen mit Simon habe ich später viel geforscht und experimentiert, welchen Resonanzkörper man dafür braucht, wie man das stimmen kann, wie wir das abnehmen können, welche Saiten wo und warum und so weiter. So sind diverse Harfen und andere Saiteninstrumente entstanden, mit denen das Album spielbar wurde und die in den Tourbus passten.

"Ich schäme mich". Die Musik wirkt, als hättest du dich von vielen gesellschaftlichen Konventionen befreit. Wofür also schämst du dich oder genauer: wie ist das gemeint? Oder noch allgemeiner: was ist Scham für dich?

Scham ist etwas, was einem beigebracht wurde zu empfinden. Im Sinne von: zur Stabilisierung dieser gesellschaftlichen Scham- und Empfindenskultur wäre ich perfekt dressiert, wenn ich mich in Situationen schäme, die ich als unangenehm oder peinlich gelernt habe zu werten. Aber das löse ich raus aus seinem Bedeutungszusammenhang, indem ich es einfach so sage, damit es sich abnutzt. (Gemeint ist: inflationär wird).

Beide Alben haben 8 Stücke zu je 5 Minuten Länge. Das ist schon rein formal eine Abweichung von den üblichen Popformeln.

Das mit den 8 Stücken und 5 Minuten ist mir gar nicht aufgefallen. Das Muster hat also keine Absicht. Das ist auch kein Vinylkompromiss. Das sind die Stücke die letztendlich gut zusammengepasst haben. Es ist vor allem eine dramaturgische Frage, in welcher Reihenfolge die Titel am Ende stehen. Ich würde mich da wieder am Theater orientieren: Es ist in Ordnung, wenn es kurz und knackig ist und die Verdauung nicht so anstrengend langwierig wird. (Anm.: Auf eine Schallplatte sollte man nicht viel mehr als 20 Minuten pro Seite pressen, weil sonst die Tonqualität darunter leidet.)

Beim Wort "Unstern" kommen mir folgende Assoziationen: Anti-Ziggy-Stardust, Anti-Popstar, Anti-Anti. Ist es die Abgrenzung, von der du lebst?

Der Name Unstern leitet sich indirekt von Foucault ab, für den die wirksamste Form des Widerstandes gegen die disziplinierende Produktion der Popstars nicht der Kampf gegen das Verbot ist – was einer anti-repressiven Befreiungsbewegung gleich käme, sondern die Kontra-Produktivität. Foucault schlägt vor, die kontra-popkulturellen Praktiken als Technologien des Widerstandes zu begreifen: als Formen einer Kontra-Disziplin. Daher Unstern.

Deine Band wirkt sehr geschlossen. Also überdurchschnittlich geschlossen. Ohne auf die einzelnen Personen einzugehen - wie habt ihr auch gefunden und zusammengefügt?

Daniel war schon auf der ersten Tour als Schlagzeuger mit mir unterwegs, den kenn ich schon sehr lange. Genau wie Simon, den habe ich vor Jahren beim Jazz-Spielen in einer Kneipe erwischt und ihm gesagt, dass das so nicht weiter geht. Die Sousaphonistin, die mit Vanessa zusammen wohnt, hab ich über einen Bekannten von Simon kennen gelernt – das sind eigentlich so WG-Geschichten. Und der zweite Schlagzeuger wurde ursprünglich gesucht, weil Daniel für einen Gig schon anderweitig verbucht war. Also Substitut. 

Ihr seid schätzungsweise 30 Jahre alt. Korrigiere mich, wenn ich grob dagegen liege. Das macht es sehr wahrscheinlich, daß ihr alle schon vorher Musik gemacht habt – oder kommst du beispielsweise aus der Dichtung, wie etwa Leonard Cohen, der mit 30 Jahren sein erstes Album veröffentlicht hat und davor viel geschrieben hat?

Alle in der Band haben vorher Musik gemacht. Ein paar waren vorher mehr so in der Jazzrichtung unterwegs. Teilweise wurde auch Punkmusik gemacht. Dann gab es auch einen Klezmer-Ausgangpunkt. Das sind so die Ursprünge gewesen. Ich habe früher eher gemalt.

Wer oder was ist Bea? (Anm.: Letzter Song „Bea Criminal“)

Das kannst du einfach englisch lesen.

Naja, das ist ja nicht Rage Against The Machine. Bei dir gibt es ja keinen Aufruf, sondern, das ist schon sehr innerliche Musik, nicht?

Ich würde nicht sagen, dass ich mich in einer inneren Immigration befinde. Ich habe aber den Impuls, Sachen in einer Art von Neu-Bedeutung umzuwerten oder im Sinne von Piraterie zu kidnappen, damit sie sich auf dem Sockel dieser Heiligkeit nicht langweilen müssen.

„Ich spiele niemandem was vor“ heißt es auf dem neuen Album. Max Frisch ist oft von der Annahme ausgegangen „die beste Tarnung ist wie Wahrheit, die glaubt bestimmt niemand“. Wie ist das bei dir?

Ich glaube nicht an Wahrheit, sowie ich auch nicht an Eindeutigkeiten glaube. Für meine Texte kann ich nicht verbürgen, dass sie alles ernst meinen. Die haben sich diesmal viel zusammencollagiert. Was dabei herausgekommen ist, hat immerhin eine breite Autor_Innenschaft. Schon deshalb sind diese Texte keine Intimerzeugnisse.

ENDE.

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