HGichT

Warum Schlecht diesmal ausnahmsweise vorübergehend wirklich das neue Gut ist. Oder: Wie sich Pop an sich selbst kalibriert.

HGichTDas HGichT Konzert hat mich meinen Lieblingspullover gekostet, aber das macht nix. Es ist ja schon einiges geschrieben worden, über die Band, und noch mehr wurde gelabert. Die einen lehnen die Band rundheraus ab, und die anderen lassen sich hinreißen zu hymnischem Geschreibsel, das den „Kunstdiskurs“ um eine weitere Facette „bereichert“.
Ich möchte mich keiner der beiden Seiten zuordnen und dennoch schreiben, warum ich diese Band (neben anderen Spinnern, wie zum Beispiel die Antwoord) für relevant halte. Über die musikalischen Qualitäten braucht dabei freilich nicht viel gesagt zu werden, und der Text ist nur in sehr wenigen Fällen ausgereifter. Was aber eben gerade deshalb interessant ist, ist die totale Reduktion auf eine Haltung, die – noch dazu – über weite Strecken unhaltbar ist. Das Vakuum als Unterhaltung. Und ob das geht!

Die Gunst liegt im Auge des Betrachters und die Pointe des Witzes muß man sich diesmal wirklich selbst ausdenken. Da werden zwar vereinzelt in Interviews aussagen getätigt (übrigens der einzige tatsächliche Fehler der Band, sich überhaupt über die „Musik“ hinaus zu äußern, weil dadurch das schöne Nichts gestört wird) aber das ist widersprüchlicher Quatsch eines Teils der Gruppe, der ganz offensichtlich aufgrund fehlender Eloquenz dazu auserkoren wurde, Sprachrohr zu sein. Wer nach konkreten „Aussagen“ sucht, ist da grundsätzlich auf der falschen Baustelle.
Hier nämlich hüpfen ein paar Mädels in – ich sag mal „flippigen“ – Klamotten um ein Auto bei einer Tankstelle herum, und im Hintergrund läuft ein Lied mit der Melodie des Kirchen-Superhits „Danke, für diesen guten Morgen …“: „Tanke, kostet keinen Eintritt …“ Die eigentlichen Youtube-Hits der Band, wie „Hauptschule“, „Hartz 4“ oder „Tutench­amun“, können als bekannt vorausgesetzt werden.
Einen guten Schuß Gesellschaftskritik darf man ihnen trotzdem in den Mund legen. Nicht nur feiert man den Wurm in sich selbst und hüpft über den gatschigen Acker, sondern „Max Bar“, der selbstverliebte Architekturstudent, wird durch den Dreck gezogen, sowie die Kunst an und für sich: „Künstlerschweine“. Um die Suppe abzuschmecken, darf eine Prise morbider Humor nicht fehlen: „Auf dem Friedhof kommt die Familie zusammen. Auf dem Friedhof sind alle tot. Auf dem Friedhof gibt’s nicht viel Blabla. Auf dem Friedhof spaltet sich die DNA.“
Freilich sind das Idioten. Es sind Idioten, die das Kunstspiel kennen und aus Frust über die Willkür die Regeln auf den Kopf stellen. So what? Schon allein die kindliche Herangehensweise und die aufrichtige Freude, die die Gruppe sehr glaubhaft transportiert, sollte aufhorchen lassen. Und wer die Sache jetzt nicht begreift, der wird sie auch nicht mehr begreifen, weil die „Band“ vermutlich nicht lange bestehen wird. Ein Witz ist eben nur frisch gut. Aber der Punkt ist, daß sie auf eine sehr beiläufige und dennoch überzeugende Weise demonstrieren, daß die Popmusik nicht in einer Sinnkrise steckt, sondern ganz im Gegenteil von der Sinnkrise lebt. HGichT und Konsorten sind nicht das Ende vom Lied, sondern sie eröffnen mit ihrer spielerischen Herangehensweise neue Möglichkeiten, während wieder andere Varianten für die Zukunft ausgeschlossen werden können. Ihre eigene beispielsweise.
So kalibriert sich Pop an sich selbst. QED.

PS: Heute hab ich den Pullover aus der Reinigung bekommen: Die Neonfarben, mit denen mich die Rasselbande angekleckst hatte, sind raus. Die Erinnerung an das feierlich dümmste Konzert meines Lebens allerdings bleibt: Da brüllt ein komischer Kauz ins Mikrophon, läuft ins Publikum, das er mit seinem überlangen Kabel zu kleinen Paketen zusammenschnürt, wirft sich huckepack auf die Rücken der Jungs, läßt sich durch den Raum tragen und springt ab, um willkürlich Frauen zu küssen – insbesondere dann, wenn sie ganz offensichtlich in Begleitung gekommen sind. Ist das dumm? Ja, wahrscheinlich. Aber das Bright Eyes Konzert hatte ich schon am nächsten Tag vergessen. Zu Recht.

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