Hin und Weg: 21

Floridsdorf bist du großer Töchtersöhne

Am 21. April diesen Jahres erschien in der österreichischen Tageszeitung Die Presse ein Artikel über Floridsdorf. Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt. Das will nun keineswegs heißen, dass an dieser Stelle dasselbe Verdikt über die Zei­tung verhängt werden soll, wie dies einst der gute Karl Kraus getan hat; würde dieser heute noch Kritik üben, hätte er wohl auch andere – be­sorgnis­er­regendere – Pappen­heimer. Ge­sagt ist vielmehr alles über Floridsdorf. Ein zweiter Artikel scheint in diesem Fall gleich einer Zweitbesteigung des Groß­glockners oder den minderen Ehren des zweiten Hundes im All.


Die Zweiten sind die ersten Verlierer und somit kann auch dieser Bericht seinen Hundertstelrückstand nicht mehr wettmachen. Aber nicht nur der Sportgeist zwingt zum klein beigeben, sondern auch die Tatsachenlage. Selbst den Bewohner_innen von „Flodo“ scheint außer dieser womöglich schmeichelhaften Bezeichnung für ihren Bezirk nicht viel zu selbigem einzufallen. Und selbst das ist noch beschönigt. Den ansonsten noch zum problembehaftetsten Winkel Wiens von der Bevölkerung aufgebauten notwehrartigen Lokalpatriotismus sucht man im Falle des 21. Bezirks vergeblich.

Floridsdorf, Hort der Floridsdorfer_innen

Der Status als Niemandsland ist ein historisch begründeter. Gefundene Steinbeile und Topfreste lassen auf eine jungsteinzeitliche Verwendung als Mülldeponie schließen, später diente der zweite transdanubische Bezirk (schon wieder knapp am Sieg vorbei) als Pufferzone zwischen Germanen und Römern. Ende des 19. Jahrhunderts war der Gipfel der Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit (je nach Blickwinkel) erreicht und Floridsdorf als Hauptstadt Niederösterreichs im Gespräch, was St. Pölten im Nachhinein in einem völlig neuen, sprich aufregenden, Licht erscheinen lässt. Floridsdorf ließ sich übrigens 1904 durch ein wenig Finanzhilfe überreden, sich doch noch für die Zugehörigkeit zu Wien zu entscheiden. Geld, das in Floridsdorf immer schon in Form von Schrebergärten, Gemeindebauten und zur Steigerung der Geburtenrate von lokalen Berühmtheiten investiert wurde. So besteht Wiens einziges Dorf heute auch hauptsächlich aus Schrebergärten, Gemeindebauten und berühmten Namen im Taufregister. Leider war bei den Bezirksfestspielen in der Disziplin „sozialer Wohnbau“ wieder nur Silber zu holen (wer als einziger Bezirk mehr Boden durch Gemeindebauten versiegelt hat, wird in elf Ausgaben verraten), dafür besitzt diese nach dem Probst Floridus Leeb benannte klassische Vorstadt immerhin die höchste Katholendichte Wiens. Wird auch für was gut sein. Vielleicht lags an der kirchenchoralen Beschallung, dass dort so viele musikaffine Menschen gezeugt wurden, oder es könnte der Klang der Fremde gewesen sein, der ob der Donau besonders eindringlich das Gehör schärft und die Sehnsucht prägt. Allen voran natürlich der oberste Musikbauer und Kulturpfleger der Nation, Andy Borg, den man in Flodo noch als Adolf An­dreas Meyer kennt. Auch Willi Resetarits traute sich lange nicht unter seinem eigenen Namen auftreten und Louie Austen verschleiert seine wahre Floridsdorfer Identität bis heute. Hommagen an die Heimat hat man sich in Floridsdorf anders vorgestellt und benannte strafenderweise die U6-Donaubrücke nach einem gebürtigen Meidlinger und berühmten Autostopper in Georg-Danzer-Steg. An Jahrestagen kann man auf der Brücke noch manchmal „jö, schau“-rufende Flitzer beobachten.

Ein kleines Brechmittel am Rande

In den futuropositivistischen 60er Jahren beschwor man noch das „Dorf von einst“ als „Gartenstadt der Zukunft“, heute senkt man nur mehr den Blick und erinnert sich an die Zeit, als man Statist_in im Film „Nordrand“ der Floridsdorferin Barbara Albert war und sich eine berufliche Zukunft als Darsteller_in in sozialdepressiven Genrefilmen und Milieustudien erträumte. Aber nicht nur zahllose Träume, auch zwei U-Bahn-Linien enden im Bezirk. Und könnte man auch noch lange in städtebaulicher Melancholie schwelgen, vom „1. Wiener Fischereimuseum“ oder dem „Museum für Beschirrung und Besattelung, Hufbeschlag und Veterinärorthopädie“ erzählen; zumindest einen gibt es, der uneingeschränkt stolz auf seine Herkunft ist, wenn er auch nicht annähernd das Taktgefühl in die Wiege gelegt bekommen hat, wie manche seiner namhaften Kolleg_innen. Die Rede ist vom Ruhm- und Bodendichter der Nation, dem reimenden Windhund von einem Wolf, Herrn Martin. Dieser ergötzt sich ungemein daran, sich in eine Bezirksbrüderschaft einzureihen, die wienweit ihresgleichen sucht. Allen voran der in seiner Maturazeitung als Gerasdorfer Geck bezeichnete Hannes Androsch, den Martin (weil sich auf „ziemt“ nichts anderes reimt) hochberühmt nennt. Auch der in der K**** oft minder bekritikte Hermann Nitsch ist – ob seiner Herkunft – rehabilitiert und als „Meister mit dem Farbenkübel“ „nicht übel“. Hauptsächlich als an sich selbst konzipierte Ode dürfte das „Gedicht“ aus professioneller Sicht zu deuten sein. Aber lassen wir ihm seine Freude und die Backen glühen, wenn der „Dichter“ sich abends selbst rezitierend in den Schlaf wiegt: „Brutstätte zahlloser Genies / ist Floridsdorf, das Paradies.“

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