Hin und Weg: Donaustadt

Land der vielen Titel, über die man nicht nur miese Witze machen sollte. Trotzdem an dieser Stelle ein paar der schlechtesten.

Mit einem hatten die nicht immer sehr diplomatischen Vertreter_innen der US-amerikanischen Botschaft in ihren infamosen Cables über Österreich Recht: Sie diagnostizierten „lack of a long-term goal and popular isolationism“ und diese seien „deeply rooted“, nicht nur in der Geschichte, sondern vor allem in der Mentalität der hiesigen Bevölkerung. Dies trifft im Großen (nach österreichischen Maßstäben) wie auch im Kleinen ins Auge. Donaustadt nun ist das Österreich von Wien. Man hockt gern im eigenen Kaffee und guckt nur heimlich den Nachbarn beim Untergehen zu.

Ein echter Wiener geht zwar nicht unter, der 22. Wiener Gemeindebezirk besteht jedoch zum größten Teil aus ehemals niederösterreichischem Staatsgebiet, während der Rest lange Zeit zum 2. Bezirk zählte; ein Grund für die andauernde Identitätssuche von Bevölkerung und Stadtplanung und die Zerrissenheit, die nicht nur zwischen den ruralen und urbanen Inseln herrscht. Der 22. darf sich zwar größter Bezirk Wiens nennen, dies passierte allerdings nur aus Gründen der verwaltungstechnischen Vereinfachung dieser Ansammlung an Dörfern. Die Donaustädter und Donaustädterinnen sind wohl auch eher Donaulandler und Donauländlerinnen und beackern fast ein Viertel der Gesamtfläche Wiens. Ansonsten ist der Bezirk meist notorischer Zweiter: am zweitdünnsten besiedelt und dabei die zweitgrößte Bevölkerungsanzahl, aber davon kann man sich wenig abbeißen und schon gar nicht die Anerkennung erreichen, die Donauland sich so gerne über die Gastherme hängen würde. Aber an beinah alldem sind sie selbst schuld, lehrt uns die Geschichte.

An der schönen blauen, alten oder neuen Donau

Einst war Donaustadt das Nildelta Wiens, doch die Menschen bevorzugten die Vereinfachung gegenüber der Überschwemmung und setzten der Donau das Lineal an. Um nicht gänzlich die Schuld am Ergebnis zu tragen, holten sie sich einen Londoner, der bisher Flüsse in Indien begradigt hatte und einen Karlsruher, der bestimmt auch nicht weniger geradlinig war, ins Boot. Als Strafe für diese erste große Verschandelung gehört die Donau bis heute zum 2. Bezirk und die Donaulandler_innen können nicht ohne drohende Faust aus Transdanubien herübersehen. Damit ihnen beim Drohen zumindest das Sehen vergehen möge, bauten die Leopoldstädter_innen am Mexikoplatz eine Zuckerbäckermonstrosität von einem Katholen-Palast. So wurde – nachzuschlagen im Handbuch für psychologische Kriegsführung – sichergestellt, jede Aussicht, die sich in Richtung Zentrum richtet, zu zerstören. Hätte man geahnt, was folgen sollte, man hätte den 22. Bezirk ziehen lassen und aus Donaustadt einen Donaustaat gemacht, denn Transdanubien ist das Baskenland Wiens – nur ohne ETA und eigene Sprache: eine Kolonie von Separatist_innen, die 1976 die Unabhängigkeit erzwingen wollte und zu diesem Zweck die Reichsbrücke einstürzen ließ, um die wichtigste Verbindung zum Festland zu kappen. Langwährende Verhandlungen waren nötig, sie zu überreden, die Brücke wieder aufzubauen – ein unterirdischer Tunnel reiche auch, so der Tenor, denn die Donaustädter_innen wären gerne die Brit_innen unter den Wiener_innen. Die nächste Kampfhandlung dauert bis heute an und versucht, aus unterschiedlichen Hochhausklötzen eine Skyline zu basteln, um von hoch oben die neidischen Gesichter besser funkeln sehen zu können. Aus Platzmangel änderte Festland-Wien seine Strategie und schaffte mit ungewöhnlicher Methode, den Ruf der Stadt am anderen Ufer über Jahrzehnte zu schädigen. Diese Anti-Image-Kampagne trug den Codenamen „Kaisermühlen Blues“ und wird bis heute über das kooperierende Ausstrahlungsmedium ORF an das sofaverwachsene Volk gebracht. Noch heute ist man sich sicher: Kaisermühlen ist wohl das Kaisermühlen Wiens. Der Versuch, sich internationale Verstärkung in Form der UNO-City auf die Donauplatte zu holen ist nur bedingt geglückt, denn auch diese grenzen sich auf ihrer architektonischen Insel gewollt vom Rest ab. Selbst der in seiner abstoßenden Ganzheit geniale, lärmende Schutzwall mit dem Namen „Copa Kagrana“ versah nur bedingt seinen Dienst und wird mehr und mehr zu einem Verfallswall, während am alles überwachenden Donauturm eine neue Taktik geschmiedet wurde. Der 22., bzw. die zusammenarbeitenden Dörfer Kaisermühlen, Stadlau, Aspern, Kagran, Hirschstetten, Breitenlee, Essling, Süßenbrunn und Lobau (die letzteren drei sind Marchfeldgemeinden, weswegen Donaustadt auch als die Gurkerlbude Wiens gilt) ziehen sich seit geraumer Zeit eigene Stadtteile heran, eine kleine Armee an Stadtteilen unter dem Decknamen „Donau-City“ mit der Seestadt Aspern als Kommado(de)zentrale. Dies ist als symbolischer Akt zu werten, war es doch die Schlacht bei Aspern, in der Napoleon 1809 seine erste Niederlage einstecken musste – Donaustadt: das Waterloo Wiens. Und doch auch das Symbol eines weiteren Verlusts: bei dem Gebiet der zukünftigen Seestadt handelt es sich um das Areal des vergangenen Flughafens von Wien, der in die Abgründe der Bedeutungslosigkeit gestoßen wurde, als der „Erwin Pröll International Airport“ in Schwechat fertiggestellt war.

Hier sollte ein weiterer Zwischentitel stehen

Eine nicht zu unterschätzende Schwäche muss bei all der Kampferfahrenheit der „Drübigen“ beachtet werden, und zwar das grobe Missverständnis betreffend der Wörter „Natur“ und „Schutz“. Hier soll nicht darauf angespielt werden, dass Donaustadt die einzige Mülldeponie Wiens ist hat. Vielmehr geht es um Wiens Anteil am Nationalpark Donauauen, der/die/das Lobau. Die Lobauern denken nämlich, die Natürlichkeit des menschlichen Körpers bedürfe Schutz und solle darob museal zur Schau gestellt werden. Ein Beispiel dafür, dass hier nicht aus der Geschichte gelernt wurde; eine allzu freie Freikörperkultur brachte doch schon den real existierenden Sozialismus im Allgemeinen und so manche Kommune im Speziellen zu Fall. Internationale Warnhinweise dürften gefruchtet haben, verirren sich doch normalerweise kaum Tourist_innen dorthin. aber: gegen die Tourist_innen aus der eigenen Stadt, die wagemutigen Restwiener_innen scheint kein Kraut gewachsen, was man im Donauländle schnell als giftige Werbekampagne zu nutzen wusste: „Wir leben da, wo ihr Urlaub macht: Donaustadt, das Kärnten Wiens!“ Die Zweiundzwanziger_innen sind heute zum großen Teil Katholik_innen, der Rest ist noch immer Mitglied im Donauland Verlag. Beides sind Gründe für eine rege Austauschtätigkeit mit namhaften Partnerstädten und -bezirken wie Trastevere, dem Transtiberium Roms, sowie Transnistrien und Transsibirien. An deren Glanz misst man sich im Gemeindebau bis heute. Und glücklicherweise ahnen nur die Wenigsten, was in der ehemaligen Zone der rezenten Mäander möglich gewesen wäre. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb der Stadtplaner Camillo Sitte: „Es wäre durchaus nicht nötig, an einer so hervorragenden Stelle, welche vielleicht berufen ist, dereinst eine Glanzstelle des Wien der Zukunft zu bilden, alles von vornherein zu verderben.“ Was man nicht ändern kann, soll man nicht betrauern.

Donaustadt

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