Hin&Weg: Liesing

liesingoder: Zufällig zu­sammen­ge­tragene Fakten, die aus­schließ­lich auf Vor­ur­teilen basieren.

Wenn man glaubt, die Triester Straße könnte nicht mehr trister werden, wenn sich Gebraucht­wagen­händler und Gebrauchs­frauen­händler an­ei­nander­reihen und vereinzelte Menschen sich beim langen Warten auf Busse mit dreistelligen Nummern die Haltung ruinieren, dann ist man schon mitten drin, im großen Unbekannten unter den Bezirken Wiens. Ein 1938 von den Nazis zusammengewürfeltes Dorfkonglomerat, nur deswegen nicht wieder an Niederösterreich abgetreten (Abtrünnige wie Vösendorf, Breitenfurt und Purkersdorf ausgenommen), weil man sich dort mit der sozialdemokratischen Durchdringung der Bevölkerung nicht herumschlagen wollte. Und wohl auch deswegen, weil Wien noch Bedarf an ein bis zwei Weinhügeln hatte, um die Flaschen der Bevölkerung zu füllen.

Ein wenig ist Liesing das Vorarlberg Wiens, schwer zu erreichen und geografisch sowie mentalitätsgeschichtlich eigentlich schon mehr dem angrenzenden Ausland zugehörig. Wer sind die Menschen, die hier wohnen? Woher kommen sie und warum kommen sie dort nicht weg? Wir wollen die Wahrheit, also gehen wir ins Netz. Man hat auch keine andere Wahl, denn der Safaribus einer schwedischen Firma, die ihr Geld damit verdient, fallweise lustige Namen für Möbelstücke zu erfinden, lässt auf der Pilgerfahrt ins Bundesländergrenzgebiet keinen Aufenthalt und somit keinen Kontakt mit Einheimischen zu. Und vielleicht ist dies sicherer so. Sieht man sich die filmische Erfassung der Bundeshauptstadt an und schlägt unter den harten Seiten Wiens nach, stößt man auf die Großfeldsiedlung am Nordrand aus dem gleichnamigen Film oder das Schöpfwerk aus der Milieudoku „Muttertag“. Bislang hat sich noch kein Filmteam an den 3.172 postalische Abgabestellen für 10.000 Menschen umfassenden Wohnpark in Alterlaa in der Anton-Baumgartner-Straße 44 gewagt. Es wird seine Gründe haben.

2.575 People Like This

Also befragen wir das Instrument, das Revolutionen auslöst, unsere privaten Informationen näher zusammenrücken lässt und lockige Jünglinge auf das Cover von Time Magazine bringt. Wir befinden uns auf der Seite „Liesing 23. Bezirk“ und ganze 2.575 People like this. Bei einer Bevölkerungszahl von über 91.000 eine zu vernachlässigende Zahl, immerhin bestätigt es jedoch die Annahme, dass mehr Liesingerinnen und Liesinger an das Internet als an öffentliche Verkehrsmittel angebunden sind. Aus den zur Beschau gestellten Bildern schlägt uns die Solariumsbräune wärmend entgegen. Und aus den Wortspenden der Provinzpatriotismus. Chris C.(1) versichert: „Ich bin aber so was von Liesing aufgewachsen… Im selben Block wie das Rathaus!“ Der Administrator der Seite gibt zu bedenken, „die Seite ist für Fans von diesem Fabelhaften Bezirk und keine Plattform für Stimmenfänger für die bevorstehenden Wahlen.“ Doch da es sich nicht um die Wahl zu Liesings next Top-Ortschaft handelt, darf man sich ohne Gefahr Bezirksteile in Versalien, versehen mit Herzen und sonstigen Zuneigungsbekundungen, zurufen: „Vienna South Side, is unsere Sauf Side. Rodaun rules! Mauer macht’s möglich! Erlaa is Ersta! Kalksburg kickt! Siebenhirten siegt! Inzersdorfer Dosenravioli! Liebt Liesing! Atzgersdorf das Königreich, und drumherum liegt Österreich!“ Patrick A. erklärt, Liesing sei der „beste bezirk zum chillen weils keine nervigen leute gibt.“ Grund dafür dürfte die geringste Bevölkerungsdichte Wiens sein. „nicht umsonst heißen noch 3 weitere orte in österreich liesing“, ist Sandra K. überzeugt und die weitgereiste Saaraah H. S. G. glaubt zu wissen, es sei „der beste bezirk der welt“. Tourismusberichte wollen hier die einzige sechs-reihige Kastanienallee wissen und ein paar Schlösser gäbe es wohl auch, aber dabei könnte es sich durchaus um einen Marketinggag handeln, gleich den repräsentativen Wohnbauten, die Nordkorea an seinen Grenzen zum Süden verwaist stehen lässt, um dem Nachbarn das Neiden zu lernen. Attrappen womöglich sogar. Der tatsächliche Entwicklungsstatus Liesings darf angezweifelt werden, bemerkt man die Jubelpostings, die sich dem Umstand widmen, dass der Bezirk auch endlich „so was hat“: ein Einkaufszentrum mit mondänem Namen. „Riverside“. „Endlich ein Anschluss an die Zivilisation.“, so Dominik H., der die Lugner-City nur vom Firmausflug kennt. Elisabeth B. gibt zwar zu bedenken, „da drin hat man keinen Empfang“, but you can’t have it all! Das ist der Preis des Fortschritts. Liesings lächelndes Konsumgesicht deckt soziale Brennpunkte jedoch nur lückenhaft zu. Daniela F. warnt auf Facebook: „WICHTIG: an alle mädls! In kaltenleutgeben,
liesinger platz und umgebung geht einmann zwischen 18-20jahre alt und 
ca 1,80 groß rum! der typ überfällt und\oder vergewaltigt frauen bitte
posten und alle warnen gebt acht wenn ihr alleine unterwegs seit! Das ist
kein scherz!!“ Die Bürgerwehr scheint in dieser ruralen Struktur jedoch besser zu funktionieren als im anonymen Rest der Großstadt, denn Andreas H. kann nur wenig später vermelden „Täter ist gefasst !!! War 14 Jahre alt, und wollte Frauen aus einem Drang heraus nur berühren.“

Crazy for Liesing

Kein Wunder, dass sich die verängstigte Bevölkerung gerne in eskapistische Kulturgenüsse flüchtet. Aktuell empfiehlt die Bezirkshomepage das „Kinder/Familien-Musical „CRAZY-MUSICAL“. Das Beste aus Cats, Chicago, Phantom der Oper, Chess, Kuss der Spinnenfrau, Wicked, Les Miserables, Rudolf bis Tanz der Vampire. Wird es gelingen, die Musicalstars aus den Fängen des „Crazy-Clowns“ zu befreien???“ Wir wollen es nicht hoffen und empfehlen dem „Crazy-Clown“ Gastspiele an den Vereinigten Bühnen Wien, um seinen Hunger an schlechtem Musiktheater zu stillen. Was bewegt die Menschen im Kanzlerbezirk außerdem? Bemerkenswert scheint die demografische Situation, abseits einer verlorenen Jugend, weist doch Liesing Klassenunterschiede auf, die sich praktischerweise in zwei Interessengruppen aufteilen: erstens die Antifluglärm-Bewegung unter dem Motto „Wann wird LIESing endlich LEISing“ bzw. die „G’stopftn“, wie die „Hackler“ sie nennen; zweitens die Verkehrslärmgegner mit ihrem Slogan „LAUT ist OUT“ bzw. die „Proleten“, wie die „Bonzen“ sie nennen. In einem Punkt sind sich die unterschiedlichen Glaubensrichtungen jedoch laut Franz W. einig: „St. Florian verschone / die Gegend, in der ich wohne.“ Herr M. Schmeidek fasst das tägliche Leid zusammen: „Morgens wird man durch Fluglärm aufgeweckt, mittags gestört und am Abend kann man sich auch nicht relaxen, weil der Lärm so laut ist, dass man den FSer lauter/leiser stellen muss. Von einer angenehmen, erholsamen Lebensqualität kann keine Rede sein.“ Was hält die Menschen also davor zurück, zu Innenstadtsnobs, wie wir es sind, zu werden, immerhin würde ihnen seit 1995 sogar eine Anbindung an die U-Bahnlinie 6 die Flucht ermöglichen. Wir haben die Antwort noch nicht gefunden. Manche machen das Klima dafür verantwortlich. Der Administrator von „Liesing 23. Bezirk“ meint dazu: „über Liesing lacht die Sonne …“ Wir sind also nicht die Einzigen.

1 Namen und Rechtschreibung wurden aus lokalkoloritischen Gründen beibehalten.

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