HipHop. Zum letzten Mal

Earl SweatshirtPolitisch korrekt scheißen gehen mit Earl Sweatshirt

„Tell your bitch to stop complaining bout that aching tits – a body is a temple? I don’t give a fuck, I’m atheist“. Das ist eine Zeile von Earl Sweatshirt auf dem „Radical“-Mixtape von Odd Future bzw. OFWGKTA, einem Hiphop-Kollektiv aus Los Angeles. Die Herrschaften sind sehr unterschiedlich talentiert. Von Tyler the Creator (siehe Rezension unten) wird man noch sehr viel hören. Von Hodgy und Domo vielleicht auch. Von den anderen eher nicht. Thebe „Earl“ Kgositsile ist bis auf weiteres unter Hausarrest oder auch in einem Bootcamp oder auch seit Monaten auf Samoa. Da kursieren im Internet die unterschiedlichsten Gerüchte. Jedenfalls macht er zur Zeit keine Musik und ist auch auf den Live-Auftritten seiner Crew nicht dabei.

Für 2012 ist ein „Comeback“ angekündigt. Hoffentlich. Sein selbstbetiteltes Album „Earl“ ist nämlich wahrscheinlich das beste Release der Crew. Er rappt nicht nur tighter am Beat, sondern auch was den Sprachfluss bzw. die Dynamik, den „Flow“ anbelangt, ist er ganz oben dabei. Und dann ist er auch noch so ein Scherzkeks: „Earl puts the ass in assassin.“ Doch, das ist lustig.
Die stärkste Nummer auf dem Album von 2010 ist das Titelstück und wer einen guten Magen hat, kann sich auch gern das dazugehörige Video auf Youtube anschauen. Da schütten sie einen Haufen Alkohol und noch ein paar deutlich ungemütlichere Drogen in einen Mixer, trinken die Brühe und skateboarden sich dann halbtot. Hardcore weil es wurscht is. „Ghetto“ ist das aber beileibe nicht. Vieles in den Privatvideos aus dem Odd Future-Umfeld lässt darauf schließen, dass das das ganz normale amerikanische Vorstadt-Kids sind. Tendenziell sogar mit zu viel als mit zu wenig Geld ausgestattet. Sie klingen aber trotzdem eher nach Wu-Tang als nach Outkast. Grant und Goschertsein als pubertäre Spielwiese – und Earl war voriges Jahr, als die Platte rauskam, schließlich gerade erst 16! Da is nix mit reflektiert und das ist auch gut so.
Wie gesagt: Politisch korrekt scheißen gehen mit Earl motherfucking Sweatshirt. Andererseits ist es mit den Faggots und den Bitches dann wieder doch nicht so weit her. Er wird auf seinem eigenen Album von mehren Gästen alles mögliche geheißen. Sein Kollege Tyler schließt seinen Gastauftritt mit den Worten: „I kill the faggot on his own track, he should not have started it“. Ist das dann wirklich noch homophob? Den Earl kratzt die Frage vermutlich deutlich weniger als mich, der eben jetzt damit beschäftigt ist, jemanden, dessen Konzept darin besteht, sich selbst nicht zu fassen, auf einen Text zu reduzieren.
Jedenfalls wird, wenn er in „Luper“ drüber rappt, dass er sich grad schwer tut, in die Schule zu gehen, weil er keine Lust hat seine Ex zu sehen, die ihn in den Wind geschossen hat, schnell klar, dass das Zitat, das ich an den Beginn dieser Rezension gestellt habe, bei weitem nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Chauvinismus ist jedenfalls anders. Überhaupt nimmt er den Druck seiner Wortgewalt, die in Kombination mit Tylers Beats schon auch in die Richtung Gangsta­rap marschiert („Kill“ kling dann auch als wär der Beat vom frühen RZA), immer wieder mal raus und macht keinen Hehl daraus, dass er ist was er ist: ein pubertärer Teenager und eher Rich Kid als Gangster.
Mit „Drop“, „Blade“ und „Orange Juice“ sind drei seiner besten Lieder nicht auf dem Album, sondern auf dem bereits erwähnten Odd Future-Mixtape, das – so wie das Album – von der Odd Future-Seite gratis heruntergeladen werden kann. Da sind dann teilweise auch recht mistige Tracks drauf. Aber unterhaltsam ist es allemal. Und das Album von Earl ist großartig, wie gesagt. FREE EARL!

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