Hohlwelttheorien – zurück ins Ei

hohlweltDie Erde ist hohl – auf eine von ungefähr fünf Arten. Keine zwei davon können gleichzeitig zutreffen.

Sehr wenige – reale oder fiktive – Reise­be­schrei­bungen enden, ohne daß die Reisenden ihrem Bestimmungsort auch nur einigermaßen nahe gekommen sind. Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864) enthält sogar den Beweis dafür, daß das im Titel angekündigte Ziel faktisch unerreichbar ist – und das wird nicht einmal thematisiert.
Im 6. Kapitel erklärt der Mineraloge Otto Liden­brock (angeblich mit den Worten Sir Humphry Davys, der ihn 1825 in Hamburg besucht haben soll, was historisch kaum möglich ist), der Erdkern könne nicht so heiß sein, wie man behauptet; flüssiges Gestein müßte, vom Mond angezogen, ebben und fluten wie das Meer und bei jedem Gezeitenwechsel die Erdkruste sprengen – falls sie dem Innendruck überhaupt standhielte. Wie entstehen dann aber Vulkane?

Die Erdoberfläche habe ursprünglich viel Natrium und Kalium enthalten; zu Ausbrüchen sei es gekommen, als Wasser an diese Elemente geriet. Machen Sie mal ein Stück Natrium ein bißchen naß, dann sehen Sie, was er meint. Schutzbrille und Handschuhe nicht vergessen!
Lidenbrock betritt ein System unterirdischer Hohlräume durch den Krater eines erloschenen Vulkans (den Snæfellsjökul in Island) und verläßt es, nach langen Irrfahrten, durch den noch tätigen Stromboli. Was ihn und seine Gefährten dort hinausschleudert, ist Magma; es kommt, all seine Vermutungen widerlegend, aus den Tiefen der Erde.

Typ 1: Grottenwelt

Trotzdem ist er mit dem Ergebnis der Forschungsreise zufrieden und läßt sich als Held der Wissenschaft feiern. Die verborgene Höhlenwelt, die er entdeckt hat, liegt nicht nur tiefer, als Geologen je vermutet hätten, sondern zeigt auch ungekannte Ausmaße. Ein unterirdisches Urmeer reicht von Island bis unters Mittelmeer; an seinen Ufern wachsen übermannshohe Pilze und Schachtelhalme, in seinen Wellen beißt der Plesiosaurus den Ichthyosaurus blutig. Man befährt dieses Meer auf einem Floß aus zu Anthrazit versteinertem Holz, das – o Wunder – auf Wasser so gut schwimmt wie auf der Lava des Stromboli und beim Kontakt mit letzterer nicht verbrennt.
Phantasmen? Jules Verne auf LSD? An das Lidenbrock-Meer dürfte zwar heute kaum jemand glauben, aber weitgespannte, der Geologie unbekannte Höhlensysteme mit höchst geheimen Eingängen (sei es am Nordpol oder in Rennes-le-Château) gelten einem gewissen Sub-Genre der Esoterikliteratur als Realität. In den Grotten ruhen die Schätze der Tempelritter – oder die Ritter selbst treffen sich dort mit den Freimaurern und Rosenkreuzern – oder Aliens und anderes Kroppzeug (für Fans von South Park: Crab People!) untergraben von dort aus unsere Gesellschaftsordnung. Die Welt ist nicht ganz hohl, aber zumindest unterhöhlt – dies ist die schwächste Form einer Hohlwelt-Theorie und fordert wenigstens keinen Abschied vom naturwissenschaftlichen Weltbild. Sehen wir uns die stärkeren an.

Typ 2 a: Schalenwelt

Unsere Erde besteht, wie eine chinesische Kunstschnitzerei, aus mehreren Kugelschalen ineinander. Das ist keine verrückte Romanidee, sondern eine seriöse Theorie, die der Astronom Edmund Halley 1691 der Royal Society vorlegte. Nach Newtons Principia hatte der Mond neun Fünftel mal die Dichte der Erde; damals galt aber die Vermutung, alle Planeten bestünden aus Stoff von gleicher Dichte. Halley erklärte vier Neuntel der Erde zu Hohlraum und kam so auf eine mondgroße Kugel im Zentrum dreier konzentrischer Schalen. Alle hätten ein Magnetfeld und drehten sich (damit ließen sich Veränderungen des Erdmagnetfelds erklären), alle seien bewohnbar – außen und innen. Erhellt würden die Hohlräume durch leuchtende Gase. Als 1716 besonders helle Polarlichter beobachtet wurden, erklärte Halley, etwas von dem Gas sei durch Öffnungen an den Polen ausgetreten.
1721 nahm der puritanische (und hexengläubige) Geistliche Cotton Mather in seinem Buch „The Christian Philosopher“ Halleys Schalen als Basis seines Weltbildes. Nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1812 ging John Cleves Symmes, Ex-Hauptmann der US-Infanterie, mit seiner eigenen Schalenlehre auf Vortragsreise: Die Erde bestehe aus fünf, nicht nur vier konzentrischen Kugeln, und an den Polen seien Löcher, durch die das Meer aus und ein ströme. Eine Expedition zum Loch am Nordpol („Symmes’ Hole“) wollte ihm dennoch niemand finanzieren, was ihn verbitterte.

Typ 2 b: Nur eine Schale?

Diverse Polarexpeditionen wurden unternommen und scheiterten. Zurückkehrende faselten manchmal von warmen eisfreien Gewässern im Polargebiet (Menschen kurz vor dem Erfrieren haben nicht selten Wärmehalluzinationen); und hatten nicht auch die Inuit Mythen von einem Land ewigen Sommers, und war nicht schon öfters der Eingang zum Garten Eden (oder zur Hölle) an einem Pol vermutet worden? 1906 beschloß William Reed in „The Phantom of the Poles“, die Pole seien unerreichbar: stattdessen fände man dort die Symmes’schen Löcher und gelange dadurch auf die paradiesische Innenseite, wo stets ein Klima herrsche wie in San Francisco.
Noch konkreter wurde 1913 Marshall B. Gardners „Journey to the Earth’s Interior“. Es gebe überhaupt nur die äußere Schale, 800 Meilen dick, und im Inneren leuchte eine Sonne mit einem Durchmesser von 600 Meilen. Die Löcher an beiden Polen hätten je 1400 Meilen Durchmesser. Im sommerlichen Inneren gebe es lebendige Mammuts (die eingefrorenen, die man in Sibirien gefunden hatte, hatten sich leider auf die kalte Außenseite verirrt). Robert Edwin Peary sei 1909 natürlich nicht wirklich am Nordpol gewesen; und als Admiral Richard Evelyn Byrd 1926 (vielleicht) den Nordpol und 1929 den Südpol überflog, ohne Löcher zu finden, verfaßten anonyme Hohlwelt-Freaks ein „geheimes Tagebuch“ des Fliegers, das Reeds und Gardners Theorie bestätigt. Sie hält sich seither hartnäckig.

hohlweltTyp 3: Innenweltkosmos

Die bekannteste „Hohlweltlehre“ im deutschen Sprachraum ist zugleich die radikalste: Das gesamte Universum ist eine Hohlkugel von ca. 12000 km Durchmesser, und wir leben auf ihrer Innenseite! Tag und Nacht entstehen dadurch, daß die Sonne (sie hängt in der Mitte wie das Eigelb im Ei) nur auf ei­ner Seite hell ist und sich dreht. Die Gestirne sind Luftspiegelungen von mineralischen Ele­menten der Erdoberfläche. Das gesamte All wird streng geometrisch nach innen projiziert. Alle Entfernungsbestimmungen der Astronomie sind falsch; alle Lichtstrahlen sind gekrümmt, die Lichtgeschwindigkeit nimmt zum Zentrum hin ab.
Vertreten wurde diese Ansicht von Karl Neupert („Geokosmos“, 1901) und Johannes Lang („Das neue Weltbild“, 1933); heute verficht sie Rolf Keppler, ein Urur…großneffe Johannes Keplers. Belegt wird sie dadurch, daß Spitzen und Absätze alter Schuhe sich immer nach oben biegen, nie nach unten (wie es sein müßte, wenn man über eine konvexe Oberfläche ginge), und durch Jesaja 40, 12: „Wer hat die Wasser abgemessen in seiner hohlen Hand und die Himmel begrenzt mit der Spanne?“ Ihre Existenz verdankt sie aber einer prophetischen Vision des Amerikaners Cyrus Reed Teed. 1869 erschien ihm eine himmlische Frauengestalt, die ihn sozusagen zum Messias der Innenwelt weihte. Er übersetzte seinen Vornamen ins Hebräische („Koresh“) und verkündete: „Von der konkaven Erde zu wissen, heißt Gott kennen; an die konvexe Erde zu glauben, heißt Ihn und all Seine Werke leugnen.“

Typ 3b und c?

An sich müßte das Gravitationszentrum solch­ einer Kugel trotz allem im geometrischen Mittelpunkt liegen und uns nach innen ziehen. Um dem abzuhelfen, behauptete der brasilianische Anwalt Duran Navarro 1947 im Time-Magazin, die Hohlerde befinde sich in ständiger Rotation – die Zentrifugalkraft drücke uns an die Außenwand. Aber worin rotiert sie? Koresh zufolge existiert außer­halb der 100 Meilen dicken Weltschale schlecht­hin nichts.
Könnte die Koresh-Welt nicht auch einfach eine von vielen Hohlwelten in einer gigantischen Super-Erde sein? Und wenn man ein sehr tiefes Loch gräbt – etwaige Raumkrümmungen mit einberechnend – könnte man nicht früher oder später in ein anderes All gelangen? Verhalten sich Universen zueinander wie Hasenbauten im Erdreich desselben Waldes? Eine heimelige Vorstellung.

Hinab ins Kaninchenloch

Es ist nicht schwer nachzuvollziehen – auch ohne daß man Freudsche Mutterleibserinnerungen und Jungsche Archetypen bemüht – , woher all die faszinierenden Bilder stammen. Halleys (und Symmes’) Theorie rettete das alte, in fast jeder Kultur auffindbare mehrstöckige Weltbild (Himmel, Erde, Hölle), nach dem das Himmelsgewölbe und die ineinandergeschachtelten Kugeln des Sphärenmodells mit den Erkenntnissen der Astronomie nicht mehr vereinbar waren. Höhlenwanderungen sind beklemmende und faszinierende Erfahrungen (siehe Tom Saw­yer), und es liegt nahe, die Höhle in der Erinnerung Riesenformat annehmen zu lassen. Schamanen pflegen durch Erdlöcher in andere Welten zu schlüpfen, oft in die Welt derer, die vor uns auf der Welt waren; dazu gehören auch Saurier und Mammuts. Und der arme Cyrus Teed floh wohl vor dem unendlichen schwarzen kalten Universum in sein bequemes Kaninchenloch, wo alles ordentlich an den Wänden steht und die Lampe in der Mitte hängt, wie in jedem gutbürgerlichen Haushalt.
Freche Leute nutzen die Hohlwelt sogar zum Ausredenerfinden. Warum hat die deutsche Luftwaffe am 14. November 1940 in Coventry ziviles Wohngebiet bombardiert, statt nur die Rolls-Royce-Motorenwerke? Weil Hitler an die Hohlwelt (Typ 3) glaubte und die Abwürfe für Hohlweltkoordinaten berechnet waren, sagen gewisse Leute.

Nazis und Deros

Die Nazis wußten genau, was sie bombardierten, und Hitler glaubte gar nicht an die Hohlwelt. Der wichtigste Verbreiter der Koresh-Lehre in Deutschland, der im 1. Weltkrieg verwundete Peter Bender, gelangte nicht nur zu keinen Ehren, sondern landete 1942 im KZ (weil seine amerikanische Korrespondentin Hedwig Michel eine emigrierte Frankfurter Jüdin war); Johannes Lang, der das Hitler-Regime ablehnte, gleich mit. Gewisse Leute lügen.
Und von wegen Nazis. 1945 befreite Raymond Palmer (vom Magazin Fate) die UFO-Szene von der schwierigen Frage: Wie bewerkstelligen Aliens interstellare Flüge? Gar nicht, war seine Antwort; die fliegenden Untertassen kommen aus dem hohlen Erdinneren (Typ 1 oder 2), und ihre Erbauer sind die Deros – ein machthungriges, degeneriertes Gnomenvolk, das für alles Böse auf der Erde zuständig ist; es stiehlt sogar Manuskripte vom Redaktionstisch. Ende der 1970er klaute der verurteilte Neonazi Ernst Zündel diese Idee. Die Untertassen, meinte er, seien in Wirklichkeit die berüchtigten „Reichsflugscheiben“ (runde Nurflügler, eine angebliche deutsche Wunderwaffe, von der seit Kriegsende gefabelt wurde), und statt Deros säßen darin Nazis. Die Flugbasis der Scheiben liege in der Ostantarktis unter dem legendären Neuschwabenland, wo auch Hitler wohne und immer noch Landschaftsbilder male.
Wer ist blond und blauäugig genug und glaubt so etwas? Na ja, manche amerikanischen Fernsehsender (suchen Sie „Neuschwabenland“ auf Youtube). Und rechtsextreme Esoterikautoren, allen voran der Holländer Jan van Helsing. Und wer weiß, am Ende sind es doch die Deros!
Hieße das dann, daß alle Nazis unter der Erde sind? Hoffentlich.

Literatur:

Martin Gardner: Fads and Fallacies in the Name of Science (besonders das 2. Kapitel: Flat and Hollow).
Michel Lamy: Jules Verne, initié et initiateur.
Ludvig Holberg: Nils Klims unterirdische Reise (Nicolai Klimii iter subterraneum).

Weniger irre, als es auf den ersten Blick aussieht:
http://www.hohle-erde.de

Kluge Kritik an Typ 3:
http://pseudowissenschaft.marcus-haas.de/weltbilder/innenweltbild.html

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