Holubarz

Erste Folge: Drei Polnische

Es war ein schöner Tag und die Frau Inge vom Salon Sylvia grüßte ganz besonders freundlich. Holubarz schleppte missmutig den Plastiksack mit den Einkäufen fürs Wochenende nach Hause, während die Vögerl im Beserlpark trillerten, was ihre kleinen Goldkehlen nur her gaben. „Elendiges Geflügel“, schnaubte Holubarz in sein Doppelkinn und ärgerte sich so sehr über diese hundselendigen Kanari, dass er zu allem Überdruss vor lauter Groll fast noch ein Hundstrümmerl übersehen hätte und in selbiges hinein gestiegen wär’.

Endlich in der Wohnung angekommen zog Holubarz zuerst einmal die gelblichen Vorhänge zu, um diesen furchtbar grellen Tag aus seiner heimeligen Einzimmerwohnung auszusperren. Mit leichter Verzweiflung verräumte er seine Beute. „Wer soll denn des alles fressen?“ warf er dem offenen Eiskasten entgegen als, er versuchte, Platz für die drei Polnischen – zwei plus eins gratis – zwischen den leeren Essiggurkerlgläsern zu finden. Eigentlich, sinnierte Holubarz, könnte er ja gleich eine der Würste wegschmeißen, weil essen würde er sie ja doch nicht. Andererseits, wenn er Besuch bekäme, was zwar nicht allzu oft vorkommt, eigentlich nie, aber wenn doch der Ferdl oder der Blaha vorbeischauen sollte, oder der Wolferl, wenn er wieder einmal Ärger mit seiner Alten hat, dann wär’ es ja doch gut, wenn er etwas zum Essen anbieten könnte, wo es ihm nicht leid drum wäre, wenn es einer seiner Haberer wegfressen würd’ und eigentlich haltet sich so eine Wurst eh recht lang und schad wär’s ja doch, wenn er sie völlig umsonst mitgeschleppt hätte. Am besten wäre es vielleicht gewesen, wenn er die dritte Polnische, die Gratiswurst, gleich vor dem Zielpunkt weggeworfen hätte. Dann hätte er einerseits dem Geschäft nichts geschenkt und andererseits sich die Schlepperei erspart und jetzt nicht diesen Ärger. Aber wie so oft im Leben, die besten Ideen hat man erst hinterher. So rammte Holubarz mit gehöriger Verachtung für die Marketingabteilungen der Supermarktketten, diese geselchten Affen hatten ihn ja erst in das Dilemma gebracht, die drei Polnischen in den Kühlschrank und schloss eben dessen Türe mit einem wohl dosierten Tritt, damit die ganzen Bierdosen im Gemüsefachl nicht zu sehr durchgeschüttelt wurden.

Herr Hoffer stand angespannt in der Tür zu dem kleinen Büro und überwachte mit argwöhnischen Augen Frau Bikowicz, die wieder einmal ewig brauchte, um das Kühlregal nach bald abgelaufenen Waren zu durchforsten. Es kam ihm wie ein kleine Ewigkeit vor, aber schließlich hatte Frau Bikowicz ihre Suche abgeschlossen, die aussortierte Ware mit den gelben“-25%“-Pickerln beklebt und schon für Montag neben die Kassa gestellt, die Rollos vor den Kühlregalen herunter gelassen, die Kühltruhen zugedeckt, das übrige Gemüse weggeschmissen, die Nachtbeleuchtung abgeschaltet und stand nun mit der Kassenschublade vor dem Herrn Hoffer: „Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!“ Herr Hoffer verstaute die schwarze Kiste gewissenhaft im Tresor und entließ Frau Bikowicz mit einem unwirschen „Kommen Sie am Montag pünktlich!“ in ihre von Hausarbeiten dominierte Freizeit.
Endlich allein, schaltete Herr Hoffer den Computer im Büro wieder ein und machte noch schnell einen Kontrollgang, während der Rechner hochfuhr. Frau Bikowicz hatte wieder vergessen, Reinigungsmittel über die Sachen im Müll zu leeren. Ärgerlich holte er aus der Hygieneabteilung eine Flasche Danchlor, die er Frau Bikowicz vom nächsten Gehalt abziehen würde, und entleerte sie in die Mülltonne, wo die scharf riechende Flüssigkeit gierig vom trockenen Gebäck aufgesogen wurde. Der Compuer war inzwischen einsatzbereit. Herr Hoffer schloss die Tür zu seinem Büro doppelt ab und öffnete die Internetseite exotic-thai-girls.com. Ein bisschen Abwechslung zum Alltag muss schließlich sein.

Weil im Fernsehen wieder einmal nur Blödsinn kam, beschloss Holubarz, ein bisschen unter die Leute zu gehen. Der Arzt hatte ihm gesagt, er solle nicht so viel zu Hause sitzen und das hatte er sich zu Herzen genommen und so ging er nun schon oft am Nachmittag ins Knallvoll. Früher war er immer im Espresso Sissy, aber vor drei Jahren war die Sissy in Frühpension gegangen und jetzt gab es in der Gasse nur noch das Knallvoll. Anfangs war das etwas ungewohnt gewesen, aber Bier, Wein und Schnaps bekam man dort auch und dass man die Liköre oder Redbull mit Rum nie bestellte, obwohl sie immer auf der Getränkekarte stehen, ist eigentlich auch egal und die Kundschaft aus dem Sissy war ja ohnehin in Ermangelung von Optionen geschlossen hinüber gewechselt und manchmal schaute sogar die Sissy vorbei. Außerdem hatten sie im Knallvoll Satellitenfernsehen und man konnte so den ganzen Tag Sport schauen.
Als Holubarz eintrat, war noch relativ wenig los. Nur der Blaha und zwei Jüngere waren da. Der Wolferl hat wahrscheinlich wegen dem schönen Wetter mit seiner Alten hinaus fahren müssen, sonst wär er sicher auch schon da gewesen.
Während der Holubarz wartete, dass sich der Schaum auf seinem Bier setzt, erzählte er Blaha von seinem Ärger mit den drei Polnischen. „Eigentlich a Wahnsinn“, meinte dieser und fügte grüblerisch hinzu, dass es komisch ist, dass sie diese zwei-plus-eins-gratis-Aktionen immer nur bei dem größten Scheiß haben, aber fast nie bei den Sachen, die man wirklich braucht. Der Blaha schimpfte noch über die Lebensmittelpreise, als Holubarz bei seinem ersten Schluck Bier so plötzlich die Erleuchtung kam, dass er sich verschluckte.

Lesen Sie in der zweiten Folge, welche Eingebung Herr Holubarz hatte, wie Herr Hoffer neue Liebe findet und welcher Verwendung eine dritte Polnische zugeführt werden kann.

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