„Ich bin ein goldener Gott!“

Ein Kurztrip ins Reich der Einbildungen und Vorurteile von Musikschaffenden

100 Leute haben wir gefragt: „Nennen Sie ein Musikerklischee.“ Egal ob Popper (‚fahren auf Vespas, haben irrsinnig trendige Frisuren‘), Rocker (‚fahren auf Groupies ab, sind irrsinnig witzig‘), Metaller (‚Corpse Paints, wollen böse sein‘) oder Boybands (‚sind notorisch untreu, verbreiten nach außen das Image des perfekten Schwiegersohns und feiern dann Orgien auf ihren Hotelzimmern – ich habe es gesehen!‘) – eine Antwort kommt ganz bestimmt – ‚Drogen, Drogen, Drogen und Drogen‘. Ausnahme bilden dabei die Randgruppen der Straight Edge, die den harten Kern wörtlich nehmen und kategorisch auch wirklich alles ablehnen, was nur am Rande Spaß machen könnte. Sie stellen sich also unter das Banner des Anti-Klischees, haben damit ihren Auftritt in diesem Stück gut über die Bühne gebracht und dürfen sich nun getrost mit ihrem Vegan-Black-Metal-Pad-Thai zurücklehnen.

Leben in der Imagination

„Kurt, a man’s life is his image“, sagt Brian Slade zu Kurt Wild im Glamrockkultfilm Velvet Goldmine und steckt ihm die Brosche vom allerersten Popidol der Welt, Oscar Wilde, an. Um aus einem jungen Talent ein Idol zu machen, das Massenohnmachten auslöst, braucht es eine sagenumwobene Show, die man um den aufsteigenden Star herum spinnt, bis sich der Mensch, der dahinter steht, schließlich in diesem Netz verfangen hat wie eine Mücke und von ihm nichts als versiegender Sternstaub übrig bleibt. So weit das Erfolgsrezept. Doch zurück zum Klischee, also zum wörtlichen Abklatsch, einer „überkommenen Vorstellung“, die wie eine Schablone auf eine „Menge von Individualbegriffen“, in unserem Fall „Musiker“ gelegt wird. Da ist die Künstlerseele, die ihren Weltschmerz in am Horizont dahinwandernde Gitarrensoli legt und dabei wahlweise die Lippen schürzt oder das Gesicht zu einer sonstig gearteten kubistischen Darstellung verzieht. Da ist der Casanova, der so mit dem Erleiden des Weltschmerzes beschäftigt ist, dass er nicht fähig ist, auch nur den geringsten Anflug von Empathie seiner Umwelt entgegenzubringen, sich aber Trost sucht in den Armen der in Schlangen wartenden Groupies („We call it bandaid!“) und sie danach fallen lässt wie heiße Kartoffeln. Da ist die Mischung aus Tourbohème und schweißtreibenden Rampenlicht. Da ist das Ego, das so mannigfaltig gigantisch ist, dass selbst ein unmöglicher Cocktail aus Drogen, Alkohol und Schlafentzug es nicht aufzulösen vermag. Da ist die tätowierte Haut oder zumindest der zum Fetisch stilisierte Schmuck, den man nie ablegt, weil es ja zumindest eine Konstante im Leben geben muss. Musiker, ‚die Nichtsnutze, denen alles egal ist‘. Die, die gerne an des Wahnsinns Beute knuspern.

Nach dem Klischee ist vor dem Klischee

Und dann? Was kommt danach – wenn selbst Nektar und Ambrosia die ewige Jugend nicht davon abhalten können, in ebensolche Jagdgründe einzukehren? Dann steht man vor der Wahl und entscheidet sich für die Versenkung oder das Altern in (Un)würde. Führt der wilde Exzess nicht zum frühen Tod á la Jimi und Jim, mutiert man rapide in ein Faltentuch á la Iggy und Keith oder zu einem Muskelungeheuer á la Trent. Womit wir schon beim nächsten wären: der Reproduktion von klischeebildenden Idealen, die als Voraussetzung für die Sozialisation im Musikgewerbe gesehen werden kann, also der so genannten Nachahmung von Vorbildern. Um dabei mehr als fast famos zu werden, gilt es, mit den kollektiven Deutungsmustern zu spielen und sich neu zu erfinden. Seltsamerweise kann hier eine Geschlechterdifferenz festgestellt werden, da Musikerinnen, vielleicht auch weil sie ihren männlichen Pendants zahlenmäßig stark unterlegen sind, es viel besser schaffen, sich als eigene Kategorien zu manifestieren, ohne ein Klischeebad zu nehmen (wie Björk, Tori Amos, PJ Harvey und sogar Madonna), zumindest wenn von den kreischenden madonnaklonenden Popsternchen abgesehen wird, deren einziges Klischee jedoch ein Kombinat aus Kopulation imitierenden Gebärden und Geräuschen zu sein scheint. Hier wie da scheint es die Bühnenhaftigkeit des Auftretens in der Welt, die Darstellung eines Sterns von den Musikschaffenden zu fordern, sich als Leinwand für kollektive Vorstellungen, Träume und Wünsche zur Verfügung zu stellen. Einer Forderung, der sie, gelockt von der Aussicht des schimmernden Goldes des Erfolgs, gerne nachkommen. Eher unbekanntere Exemplare dieses individualistischen Gemenges träumen in der Reproduktion spezifischer Charaktereigenschaften dieser Schaustellung mittels ihrer eigenen Repräsentation auf kleiner Bühne den großen Traum des Ruhms nach. Und da schon Hölderlin wusste, dass der Mensch „ein Gott ist (…), wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt“, lassen wir sie doch! Lassen wir sie doch die goldenen Götter auf den Dächern der Welt sein und sehen es durch den Klischeeschirm mit Humor – oder erfreuen uns schlicht an der Ästhetik der Performanz.

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