Information ist keine Packerlsuppe

Was der Journalismus von Billa lernen kann.

Der Mensch ist mit Schrott leicht zu verführen. Wahr, unwahr – wen kümmert’s, solange es sich verkauft? Immer wieder kommt von hohen Tieren des Boulevardjournalismus’ der „Billa-Vergleich“. Vor einiger Zeit wieder von Atha Athanasiadis, Chefredakteur der Zeitschrift NEWS. Bei einer Podiumsdiskussion im NIG sagt er: „Der Erfolg spricht für uns! Es ist mir egal, ob Sie (Anm.: Ö1-Moderatorin Elisa Vass) NEWS lesen! Wir haben 700 000 Leser. Wir haben Erfolg. Beim Billa regt sich ja auch niemand darüber auf, dass er erfolgreich ist!“

Das sei dahin gestellt. Jedenfalls herrscht hier ein Missverständnis vor: Gewinn ist nicht das primäre Erfolgsmerkmal von Medienunternehmen. Denn Medienunternehmen handeln mit Informationen. Billa handelt mit Lebensmitteln. Medienunternehmen formen und bedienen eine Öffentlichkeit. Billa bedient Bäuche. Die Gemeinsamkeit ist: Beide bedienen Grundrechte des Menschen. Der eine das Recht darauf, nicht hungern zu müssen, die anderen das Recht auf Information. Der Unterschied ist: Auch eine geschmacklose Packerlsuppe macht satt. Eine geschmacklose Meldung, eine schlechte Information macht dumm. Und hat somit genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie erreichen sollte.
Armin Wolf, ZIB2-Moderator und ebenfalls Teilnehmer an der Diskussion, merkt an, dass auch die Billa-Verkäuferin von nebenan seine Informationen verstehen soll. Zwischenruf aus dem erhitzten Publikum: „Das ist Ihre Zielgruppe?!“ Armin Wolf setzt an, zu erklären: „Ja, natürlich. Wir wollen keine Eliten be-“. Die Billaverkäuferin von nebenan sitzt auch im Publikum: „Das lasse ich mir nicht bieten! Nur weil ich im Verkauf arbeite, bin ich dumm?! Das lasse ich mir nicht bieten!“
Eine Packerlsuppe ist erfolgreich, wenn sie allen schmeckt. Eine Information erst dann, wenn sie alle verstehen. Oft schmeckt sie gar nicht gut, sie muss aber trotzdem in den Regalen stehen.

Kommentare

Für die armen langsamen Geister, ...

... die sich wie ich im Vergleichsdschungel verirren, noch ein bißchen Klartext hintendran. (Manchmal macht eine geschmacklose Information ja durchaus gescheiter, wenn es nämlich eine richtige ist. Und daß eine Information nicht besser wird, nur weil jedes Ei sie versteht, weiß jeder, der einmal "Österreich" aufgeschlagen hat.)

Billa-Packerlsuppe kaufen, Packerl öffnen, kochen, essen, es schmeckt einem, man wird satt, man kauft die gleiche Suppe wieder, Erfolg für Billa.
News kaufen, aufschlagen, lesen, verstehen, sich unterhalten fühlen, sich informiert fühlen, man kauft die nächste Ausgabe auch, Erfolg für News.

Manche Substanzen dürfen nicht in der Suppe sein, wegen Lebensmittelgesetz. Wenn den Kunden von dem Zeug schlecht wird und sie sich beschweren, hat man Ärger; passiert aber selten.
Manches darf man nicht schreiben, wegen Verbotsgesetz, Unschuldsvermutung etc. Wenn jemand sich verleumdet oder beleidigt fühlt und klagt, ist das nicht so toll; passiert aber selten, und manchmal kann man es sogar für die Reklame nutzen (das ist ein Vorteil gegenüber der Suppe!).

Die Suppe ist vielleicht Dreck mit Glutamat, ungesund, hergestellt unter Ausbeutung von Arbeitern, Zerstörung von Wäldern und Vergiftung von Flüssen. Wen kümmert's? Hauptsache, dem Kunden schmeckt's. Die Zutatenliste versteht keiner (E 500 was bitte?).
Die Information ist vielleicht halb oder ganz erlogen, oder so ausgewählt, daß relevante Teile fehlen und sich niemand daraus ein vernünftiges Bild machen kann. Wen kümmert's? Die Leute lesen. Hinterfragen und selber nachforschen wird keiner.

So weit ist der Billa-Vergleich vollkommen gültig. Selbstverständlich ist Gewinn das primäre Erfolgsmerkmal von Medienunternehmen! Sie schreiben, was ihre Klienten gern lesen, und machen damit Geld.

Manchen Medienunternehmen ist der Gehalt ihrer Informationen weniger egal als anderen. Das sind dann nicht Supermärkte, sondern Bio- und Feinkostläden. Egal. Auch die machen Geld, vielleicht nicht ganz so viel, weil die Klientel kleiner ist, aber es reicht. Der ethische Unterschied ist gering.

Solange ich Suppe in Packerln, Dosen und Gläsern kaufe oder ins Restaurant gehe, lasse ich einen anderen für mich kochen und esse etwas, dessen Zusammensetzung mir weitgehend schleierhaft ist.
Solange ich das, was Printmedien servieren, als ausreichende Information hinnehme, lasse ich andere für mich denken. Selbst wenn ich dem Bagger alles glaube, komme ich in Teufels Küche.

Gut wird das Essen erst sein, wenn jeder Gemüse im eigenen Garten zieht und gut genug kochen kann, um eine richtige Suppe draus zu machen. Oder wenn zumindest sehr gute Zutaten an jeder Ecke billig erhältlich sind und jeder wenigstens halbwegs kochen kann. Dann kauft nämlich keiner mehr Packerlsuppen. Sobald man richtige Suppe kennt, schmecken die nämlich nicht mehr, wuäh.

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