Interview mit keiner Netzgiraffe

Im Dienste seiner Leserschaft kennt der Bagger weder Höhen- noch Tiefenangst. Diesmal haben wir für Sie das vermutlich höchste Tier der Republik Österreich interviewt: den Giraffenbullen [Name aus Diskretionsgründen gestrichen] im Tiergarten Schönbrunn. Er gewährte uns das Gespräch im Austausch gegen eine Schubkarre frisches Akazienlaub. Bestechung? Mitnichten. Ein Freundschaftsgeschenk.

Zu Anfang muß ich Ihnen die Frage stellen, die allen unseren Lesern auf den Lippen brennt: Sind Sie eigentlich eine Netzgiraffe?
Ich muß doch sehr bitten! Betrachten Sie nur einmal, wie die Ränder meiner Schecken mit ihrem zarten Zackenmuster, beinah wie Fransen eines edlen Perserteppichs, sachte vom Orangebraunen ins Cremefarbige übergehen. Wie hingehauchte Blütenblätter, wie ein meisterliches Aquarell!

Ist das denn ein schnödes Netzmuster? Und sehen Sie meine schlanken Unterschenkel mit den weißen Kniestrümpfen, wie sie zu Maria Theresias Zeiten üblich waren. Vollkommen fleckenlos. Niemals würde ich mit Netzstrümpfen rumlaufen. Netzgiraffe, also wirklich. Mein Familienname ist Rothschild. Rothschild-Giraffe, genau genommen.

Wie das berühmte Bankhaus?
Jawohl! Aber nicht, daß Sie glauben, das wären Verwandte von mir. Obwohl sie ihre Nasen auch ganz schön hoch getragen haben. Nein, meine Sippschaft ist nur nach einem davon benannt, weil er uns entdeckt hat oder so. Lionel Walter Rothschild, der in England Baron war – dort ist das ein Beruf. Als Baron war er fast verpflichtet, ein bißchen irre zu sein, und deswegen hatte er Känguruhs im Garten und ist mit einem Gespann von sechs Zebras in London herumgefahren. Es heißt, er hätte sich sogar mit einer Riesenschildkröte fotografieren lassen. Aber immerhin hat er Afrikaexpeditionen finanziert – das sollen ihm die heutigen Bankbonzen erst einmal nachmachen, grmpf. Und er wußte, wie eine schöne Giraffe auszusehen hat. Niemals hätte er seinen Namen einer Netz…

Giraffe Apropos Afrika: Aus welchem Teil Afrikas stammen Sie eigentlich?
Da muß ich nun zugeben (seufz!), ich bin nie in Afrika gewesen. Ich bin gewissermaßen ein echter Wiener; ich gehe nicht unter, höhö! Sie staunen? Das müssen Sie nicht. Unsere Familie ist längst in der ganzen Welt daheim. Nehmen Sie nur zum Beispiel meine Gattin mit ihrem Töchterchen – die kommen beinah aus dem böhmischen Riesengebirge. Sie sind in Dvůr Králové nad Labem geboren – Königinhof an der Elbe hieß das, als wir Wiener noch über fast ganz Europa geherrscht haben. Dort ist ein sehr nettes Giraffendomizil, mit ein paar Behausungen für andere Tiere drumherum – wie ihr Zweibeiner sagt, ein Zoo.

Wie lösen Sie das Verständigungsproblem? Die Damen sprechen doch sicher Tschechisch.
Nun ja, sie böhmakeln ein bißchen. Aber das stört nicht. Ein Giraffengehege kann ruhig multikulturell sein! Unsere Cousins in Uganda und Kenia finden sicher auch, daß ich komisch rede.

Wie geht es denen dort?
Ui. Sie können sich denken, wie es in Uganda zugeht. Immerhin wohnen sie inzwischen alle in Nationalparks, sonst wären sie wahrscheinlich schon lang alle emigriert. Wobei „alle“ leider nicht so furchtbar viele sind. Letzte Weihnachten habe ich ein Glückwunschbillett von der gesamten Verwandtschaft gekriegt, das war höchstens mit ein paar hundert Hufabdrücken unterzeichnet. Mehr sind es wohl nicht. Aber wenn die Zweibeiner überall so nett zu uns sind wie in Wien, werden unsere Kindeskinder vielleicht einmal wieder die Savanne bevölkern. Sie können davon ausgehen, daß ich mit meiner Gemahlin Karla das Meinige dazu beitragen werde!

Es gefällt Ihnen also hier in Wien?
Nun ja. Afrika ist es nicht. Aber wir haben eine warme Unterkunft, gutes Essen und nette Gesellschaft: den Herrn Marabu und die somalischen Schwarzkopfschafe. Ach ja, Leute auch. Angesichts unserer geschichtlichen Bedeutung haben wir aber auch gute Behandlung verdient.

Geschichtliche Bedeutung?
Ja, wir haben nicht nur Verbindungen zum Bankhaus Rothschild! So ungefähr vor zweihundert Jahren hat ein ägyptischer Vizekönig, ein gewisser Muhammad Ali Pascha, unsere diplomatische Eignung entdeckt und hübsche Giraffenkühe als Botschafterinnen in alle wichtigen europäischen Städte geschickt. Eine davon auch nach Wien – Kaiser Franz II. war ganz entzückt von ihr. Und wie immer, wenn ein Kaiser eine neue Bekanntschaft macht, ist ihr auch das Volk wie irrsinnig hinterhergelaufen.
Damals war der Tiergarten zu klein für die Menschenmassen, die meine Urururgroßtante besuchen wollten. Heute ist es ruhiger – jetzt drängen sich alle bei diesem schwarzweißen Bären, der immer im Bambusgesträuch rumhängt. Eigenartiger Geschmack, muß ich …

Ihre Ahnin hat also in Wien Furore gemacht?
Klar. Alle Damen wollten so schön sein wie sie und haben sich die Haare à la giraffe aufgesteckt. Selbstverständlich vergeblich – nichts geht über eine echte Giraffenmähne. Die Herren haben so seltsame Zylinderhüte getragen, die Girafiques hießen, damit es aussah, als hätten sie so schöne lange Hälse wie wir. Und gescheckte Westen hatten sie an. In den Kaffeehäusern hat man Giraffenwalzer getanzt, und der Konditor hat statt Waffeln Giraffeln verkauft – das heißt, er hat sie ein bißchen anbrennen lassen, damit sie braune Giraffenflecke kriegen.

Kolossal! Wie ist die Dame seinerzeit eigentlich von Ägypten nach Wien gereist? Großraumflugzeuge gab es ja noch nicht.
Mit dem Segelschiff von Alexandria über Venedig nach Rijeka; von da wollte man sie zu Fuß weitergehen lassen. Mit einer Militäreskorte, schließlich war sie ja nicht irgendwer. Da hat sie aber so lange protestiert, bis man eigens für sie einen gepolsterten Wagen mit Spezialfederung erfunden hat, und mit dem ist sie dann nach Wien gefahren. Oben war er offen, und sie konnte rausschauen. Heute auf der Autobahn ginge das schlecht, bei den vielen Tunnels – jaja, es bringt nicht nur Vorteile mit sich, wenn man groß ist.

Eine letzte Frage: Sind Sie eigentlich auch ein ganz klein wenig stolz auf Ihre Größe?
Selbstverständlich! Fünfeinhalb Meter sind keine Kleinigkeit. Ich müßte mich in jeder Wiener Altbauwohnung bücken. Und ich bin der einzige in Österreich, der noch den Überblick hat. Bis auf meine Frau, die hat ihn auch. Ein wenig betrübt mich nur, daß meinesgleichen es noch nicht geschafft hat, ins Showgeschäft einzusteigen. Fürs Zirkuszelt sind wir zu lang. Seiltanzen können wir auch nicht gut – Schwerpunkt zu hoch. Und wenn ein Zauberer ein großes Tier verschwinden lassen will, nimmt er eigentlich immer einen Elefanten. Was ist schon ein Elefant? Dick und wuchtig, und wenn man ihn zu lang unter dem doppelten Boden sitzen läßt, trompetet er, obwohl er eigentlich schon verschwunden ist. Haben denn die Taschenspieler keinen Sinn fürs Ruhige und Grazile? Oder wagen sie sich nicht ans wahrhaft Hohe? Man weiß es nicht.

Ein schöner Schlußsatz. Herzlichen Dank für dieses Interview, und lassen Sie sich die restlichen Akazienblätter schmecken!
Das werde ich tun, mampf. Auf Wiedersehen, und gehen Sie doch nachher um der guten Zeiten willen zum Konditor auf eine Giraffentorte! Die wurde nämlich auch damals um 1828 erfunden, als meine Urururdingsbums und ihre Freundinnen den Europäern die Köpfe verdreht haben. Aber Vorsicht: sehr süß!

(Und so verabschiedete uns dieser angenehme Interviewpartner mit einer Verbeugung, deren Eleganz wir nichts hinzuzusetzen haben.)

Empfehlung:
Wollen Sie die Giraffentorte ausprobieren? Dann finden Sie das Rezept – wo sonst als auf der Tiergarten-Homepage: http://www.zoovienna.at/giraffentorte.html

Kommentare

süß! mehr solche

süß! mehr solche interviews!

aber gern.

wünsch dir ein tier :-)

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