Ist Glück berechenbar?

Ob man Glück und sein Eintreten wirklich berechnen kann ist eine schwierige Frage. Die Philosophen des Utilitarismus wagten eine bejahende Antwort. Wie eine solche Glücksrechnung aussieht, will nachfolgender Artikel zeigen – Mitrechner sind herzlich eingeladen gedanklich mitzutun!

Jeremy Bentham und John Stuart Mill gelten als die Hauptvertreter der philosophischen Strömung des Utilitarismus. Sie forderten das „größte Glück“ für die „größte Zahl“ an Menschen. Dies war in Zeiten der sozialen und industriellen Frage des 18. und 19. Jahrhunderts eine revolutionäre und gut gemeinte Forderung. Doch was ist Glück und wie erlangt die Menge dieses Glück?

Jeremy Bentham schlägt hierfür die Einführung eines hedonistischen Kalküls vor. Dieser Kalkül funktioniert mehrstufig und durchaus komplex. Hatte der antike Urvater des Utilitarismus, der Hedonist Epikur, noch eine (relativ) einfache Hypothese aufgestellt, wonach das statische, also bleibende Lustempfinden dem schnell vergehenden vorzuziehen ist, so gestaltet sich Benthams Gedankengang komplexer.

Die 4 Bestandteile einer Glücksrechnung

Er beurteilt zunächst die Intensität des aus der Handlung zu erwartenden Lustgewinns. Das heißt, manche Handlungen ziehen größere Freuden nach sich als andere. Bleiben wir zur besseren Vergleichbarkeit bei einem uns allen vertrauten potentiellen Glücksbereich: dem Essen. Habe ich Hunger und esse ausreichend, so stellt sich bei mir Behagen ein. Eine weitere Option wäre einfach den Hunger zu ignorieren – die Wahrscheinlichkeit, dass diese Handlung Lust bereitet, ist gering. Quantifiziert heißt das: essen 1 Punkt – nichts essen 0 Punkte.

Als nächstes beurteilt Bentham die Dauer und den Grad der Wahrscheinlichkeit, mit der der Lustgewinn zu erwarten ist. Meine aufs Essen abzielende Fragenkette könnte dann so aussehen: Wie lange muss ich warten, bis ich in einem Restaurant etwas zum Essen bekomme? Wie lange benötige ich zum Einkaufen und Kochen? Wird der Döner auf dem Markt wirklich verfügbar sein – oder ist er gar schon ausverkauft?
Im geöffneten Restaurant esse ich wohl am besten mit der längsten Wartezeit – zuhause bestimme ich mein Kochtempo durch die Wahl des Gerichts und kann bei vorrätigen Zutaten Zeit sparen – beim Stand bekomme ich in der Regel ein schnelles Essen, muss aber auch mit Warteschlangen oder Produkteinschränkungen rechnen. Also ergibt sich für Dauer (im Sinne von Nicht-Warten) 2 Punkte für den Stand, 1 Punkt für meine Küche, 0 Punkte fürs klassische Restaurant – die Wahrscheinlichkeiten des Lustgewinns laufen entgegengesetzt: 2 im Lokal, 1 zuhause, 0 am Stand. Fasst man zudem die Dauer qualitativ als Abwesenheit von Hunger nach der Speisung, so kommen weitere 2 Punkte für ein ausgiebiges Essen im Wirtshaus hinzu, gefolgt von 1,5 Punkten meiner eigenen Kochkünste (-0,5 Punkte, weil mir ggf. ein Dessert fehlt) und schließlich nur noch 1 Punkt für den Stand mit begrenzter Sättigungsquote.

Der dritte Punkt der Benthamschen Analyse zielt auf die zeitliche und räumliche Nähe des Eintreffens von (den gewünschten) Folgen (sprich das Sattwerden). Hier können obige Gedankengänge um den Faktor der Entfernung ergänzt werden – angenommen, ich steige gerade aus der U-Bahn aus, so ist der Stand mit Fast Food zumeist in unmittelbarer Nähe und erhält daher 2 Punkte, irgendein Restaurant dürfte vor meinem Zuhause (0 P) den Weg säumen und erhält daher 1 Punkt.

Schließlich fragt Bentham noch nach sekundären Handlungsfolgen positiver oder negativer Natur. Er meint damit die Konsequenzen, die mein Wollen (möglichst schnell gut zu essen) mit sich bringt.
Positiv ist z.B. die Förderung des Gastgewerbes beim „außer Haus“-Essen einzuschätzen (1 P), negativ sind die damit für mich verbundenen Kosten, die Minuspunkte in folgender Abstufung mit sich bringen: -2P fürs Wirtshaus, -1P für den Stand. Und schon ist das Kalkül fertig – und ich kann nach sorgfältiger Berechnung zum Dönerstand (6.5 P) gehen oder aber ins Wirtshaus (5 P), sofern ich die gesetzten Variablen akzeptiere.
Beziehe ich z.B. den Anspruch nach gesunder biologischer Ernährung, die Negativfolge der Gewichtszunahme mit in meine Musterrechnung ein, so ergibt sich ein anderer Gewinner.

Hört die Rechnung denn niemals auf?

Diese möglichen Zusatzfaktoren verweisen auf die Anfälligkeit der Idee Benthams, wonach ein solch individualistischer Kalkül leicht in einen universalistischen verwandelbar sei – was mir Lust und Unlust bereitet, gilt grundsätzlich auch für andere. Denn alle mögen natürlich gerne jetzt und sofort ihren (Heiß-)Hunger stillen.
In Zeiten eines knappen und zunehmend überlasteten Gesundheitssystems muss ich mich aber fragen, ob ich durch einen schnell verzehrten Burger mit meiner Handlung das größtmögliche Glück der größten Zahl (der Handlungsbetroffenen) erreiche. Was sind die Folgen meines Tuns für mich, die (regionale) Umgebung und letztlich für die ganze Welt? In Windeseile breitet sich der Kalkül der sekundären Handlungsfolgen im (von Bentham nicht näher spezifizierten) Geltungsbereich ins Uferlose aus und ich berechne verzweifelt die Konsequenzen des erworbenen Hamburgers: Stärkung einer Kette, die lokale Wirtshäuser gefährdet; deren Lohnniveau zudem nicht vorbildlich genannt werden kann; deren Produkte zu veränderten ungesunden Essgewohnheiten führen etc. Das geht dann soweit, dass man in Anlehnung an den Werbeslogan eines Möbelhauses fragen muss: „Lebst (handelst) Du schon oder rechnest Du noch?“

Regelutilitarismus: ein Ausweg?

Um einer solchen Endlosrechnung einen Riegel vor­zuschieben, etablierte sich im Utilitarismus eine Sondergruppierung. Urmson und Brandt fordern von Überlegungen, die sich nur mit Einzelhandlungen und deren Folgen befassen, abzusehen und führten den so genannten Regelutilitarismus ein. Ihnen erscheint es sinnvoll lediglich Regeln zu prüfen und gemäß der universalen Nützlichkeit zu sortieren. Jede Handlung ist sittlich erlaubt, die mit einer am sozialen Wohlergehen ausgerichteten Handlungsregel übereinstimmt – so lautet ihr Komplexität reduzierender Kompromiss. Ob er den Einzelnen (moralisch) wirklich weiter bringt ist schwer zu sagen – handlicher ist er in jedem Fall.
Was lehrt uns Utilitarismus?
Letztlich liefert der Utilitarismus eine Menge guter Kriterien und Motivationsanalysen für Handlungen, bewegt sich erstaunlich nahe an gängigen Menschenbildern der Psychologie und versucht uns für die (Un-)Vereinbarkeit von Einzel- und Gesamtwohl zu sensibilisieren. Ihn als reines hedonistisches Projekt, das sich selbst ad absurdum rechnet, zu brandmarken, ist insofern nicht angebracht. Allerdings bleibt nicht nur für literarische Gestalten wie Dostojewskis Raskolnikoff (in „Schuld und Sühne“, resp. „Strafe und Verbrechen“ so der Titel der lohnenden Neuübersetzung von Svetlana Geier) die Maxime „das größte Glück der größten Zahl“ erklärungsbedürftig – denn niemals sollte ein Zweck illegitime Mittel heiligen.

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