Ite, missa est.

Aus Kapitel IV, Tröstung des Elia.

> 03. Oktober. Heute war der schon vierte Gottesdienst mit dem neuen Pfarrer und er hat mich wieder nicht darauf angesprochen. Ich soll ihn Dietmar nennen, er ist mit allen Messnerinnen per du, sagt er. Die Leute zerreißen sich die Mäuler, manche fragen mich auch, ob es stimmt. Die meisten glauben der offiziellen Version. Er war ja auch ein guter Pfarrer. Beim Steinhauser Begräbnis am Donnerstag ist die junge Witwe in Ohnmacht gefallen. Die Blumen waren wieder sehr schön, ich hab Lob bekommen. <

Margit beschließt das Wochenende wie immer am Schreibtisch, unter dem sie einen Bottich warmen Laugenwassers zum Einweichen ihrer Hühneraugen bereitgestellt hat. Sie beantwortet einige Briefe, raucht nebenher und nascht Dörrpflaumen. Carlo kennt die sonntägliche Prozedur und wäscht sich geduldig auf der Fensterbank. Es klingelt an der Tür.

Margit setzt den Kuli ab, blickt zur erschrockenen Katze und beschwichtigt sie, „das wird der Johannes sein“. Sie trocknet ihre Füße, schlüpft in die Frottee-Slipper und nimmt sich noch eine Pflaume. „Du bist spät. Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.“ Johannes küsst sie beim Eintreten auf die Wange, wirft seinen Mantel über die Kommode im Vorhaus und verschwindet im Badezimmer. „Ich bin gleich fertig“, ruft sie durch die geschlossene Türe. „Lass dir Zeit.“ Wenn Johannes da ist, darf Carlo nicht im Bett schlafen, für ihn ist der beißende Mundgeruch des Tiers so etwas wie ein Gegenbeweis für Margits Behauptung, dass die Katze so reinlich sei. Johannes duscht immer, wenn er auf Besuch kommt, und er kommt immer abends. Margit schließt inzwischen die Papierarbeit ab, legt das Tagebuch zurück in die versperrbare Schublade und leert den Aschenbecher. „Soll ich dir beim Beziehen helfen? Wo ist die Bettwäsche?“ „Mach ich schon. Wie viel hat die Autoreparatur jetzt eigentlich ausgemacht?“ „Fünfzehnhundert.“ Johannes wirft Carlo einigermaßen grob aus dem Schlafzimmer und versperrt die Tür.

Johannes setzt sich zum Frühstück wie immer an den Tisch, isst aber nichts. Er beobachtet Margit ein bisschen ungeduldig, wie sie ihre beiden Orangenmarmeladebrote mit zwei Tassen Kaffee in morgendlich kleinen Portionen hinunterspült und scheinbar planlos in der viel zu großen Zeitung herumblättert. Carlo labt sich an seinem Napf. „Suchst du etwas Bestimmtes?“ „Wann kommst du das nächste Mal?“, fragt sie ihn ohne aufzublicken. „Übermorgen.“ „Geht nicht, jeden ersten Dienstag im Monat hab ich Gymnas­tik, erinnerst du dich?“ Er lugt auf die Uhr und sagt im Aufstehen: „Wir telefonieren.“ Nachdem sie sich wie ein Ehepaar mit sanftem Kuss und etwas übertriebenem Lächeln verabschiedet haben, räumt Margit das Geschirr in die Spüle und reißt eine halbe Seite aus der Zeitung, die sie zusammengefaltet in ihr Portemonnaie steckt. Margit verlässt das Haus ohne Dusche und macht sich auf den Weg zur Kirche. Am Mittwoch sind zwei Taufen und der Talar muss noch in die Reinigung. Im Oktober werden die Gräber immer einigermaßen vernachlässigt, Allerheiligen ist dafür wieder eine regelrechte Materialschlacht, denkt Margit, während sie durch den Friedhof in Richtung Kirchenhintereingang spaziert. Das hellhölzige Steinhauser Kreuz und die noch immer bunten Kränze stechen aus der sonst jahreszeitlich bedingt eher welken Gräberlandschaft hervor. Der Pfarrer sitzt an seinem Schreibtisch in der Sakristei und schmökert in abgegriffenen Liederbüchern. „Servus Margit.“ „Grüß Gott, Herr Pfarrer. Ich meine Dietmar. Hallo Dietmar.“ Der Pfarrer schwärmt von der tollen Akustik in seiner neuen Kirche und von den süßen Stimmen seiner noch namenlosen Schäfchen. Er schlägt vor, Es ist ein Ros entsprungen auf die Liederliste für die Abendmesse am Samstag zu setzen. „Das ist doch ein Weihnachtslied“, wirft Margit energisch ein. „Aber schön“, erwidert der Pries­ter. „Ich bringe den Talar in die Reinigung. Das ist nicht der erste Rotweinfleck, den wir aus dem Stoff gekriegt haben.“ Margit verschwindet ohne weitere Verabschiedung und eilt zu ihrem Wagen, wo sie den Zeitungsartikel aus der Brieftasche hervorholt und minutenlang bereits angeschnallt darauf starrt. Als würde ihr das zerfranste und faltige Blatt Papier Mut zusprechen, beschließt sie mit einem Mal, den Theologen zu konfrontieren, und stürmt zurück in die Sakristei. „Ich nehme an, man hat dir gesagt, warum Pfarrer Unterlechner in Wahrheit versetzt wurde.“ Dietmar legt das Buch zur Seite und nimmt seine Lesebrille ab. „Ja. Ich habe auch mit ihm gesprochen.“ „Und?“, fragt sie nach einiger Pause erwartungsvoll. „Und ich sehe nicht, warum das unsere Arbeit beeinflussen sollte.“

> 04. Oktober. Dietmar weiß Bescheid. <

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