Jenseits von Teegeeack

„Who or what would oppose absoluteably seriousness?“ – „Nix absoluteably seriousness. […] Perfectably seriousness.“ (Der Prophet im Gespräch mit seiner Gattin)

Sie haben sicher auch so ein T-Shirt zum Thema Religionen. Catholicism: Shit happens because of your sins. Baptism: Shit happens – praise the Lord! Zeugen Jehovas: Shit happens door to door. Und so weiter. Aber wenn Sie es mitten im Weihnachtsgeschäft einfach nicht schaffen, an diesen rot gedeckten Info-Tischen vorüberzugehen, weil die Leutchen daran sich so freundlich dafür interessieren, ob Sie glücklich sind und Ihr gesamtes geistiges Potential nutzen – dann brauchen Sie nur noch einen kostenlosen Psychotest auszufüllen, ein Buch mit einem explodierenden Vulkan auf dem Titelblatt zu kaufen, sich ein paarmal an einen Lügendetektor zu klammern, wildfremden Leuten intime Details Ihres Lebens zu erzählen und etliche Zig- bis Hunderttausende € auszugeben, und schon haben Sie auf dem Hemd stehen: Shit happened 35 000 000 000 years ago. Und Sie glauben das dann sogar wirklich. Alles ganz seriös.

Commodore (er war im zweiten Weltkrieg Marineleutnant) Winchester Remington Colt, alias Joe Blitz (unter diesen Namen hat er Wildwest-Groschenromane veröffentlicht) ist bekanntlich am 9. Mai 1963 um 22h 30 Sekunden in den Himmel gefahren und etwas über 43 891 832 611 177 Jahre dort geblieben. Trotzdem ist er schon zurück und hat über seine dortigen Erlebnisse Bücher geschrieben; folglich war er (gestorben ist er 1985, nach diversen Himmelfahrten) der coolste Prophet des 20. Jahrhunderts, hat also ganz bestimmt kein Seemannsgarn gesponnen. – Übrigens, wenn Sie dem Bagger 347 596 € stiften, bieten wir Ihnen gern auch so eine Himmelsexpedition an. Zum Planeten Melmac.

Interessant ist das schon mit den hohen Zahlen. Als gute Christen (oder Juden, oder was) wissen wir doch, daß die Welt erst 3761 v. Chr. geschaffen wurde. Vorher konnte nichts passieren, weil nichts da war. Physiker schätzen das Alter des Universums auf 13,7 Milliarden Jahre. Physiker trinken zu viel. Die Hindus behaupten, seit der Entstehung des Weltalls seien etwas mehr als 50 Lebensjahre des Gottes Brahma vergangen, das sind nach unserer Zählung ca. 78 Billionen Jahre. Hindus rauchen Bhang! Und dann ein Abendausflug von 43 Billiarden Jahren – was denkt man sich dabei?

Eventuell erfährt man dabei die Biographie vom fiesen Xenu (oder Xemu, oder auch Emu-X), der seinerzeit Präsident einer Planetenföderation war. Kurz bevor seine zwei Billionen Untertanen ihn abwählen konnten, ließ er sie alle in einem Gemisch aus Glykol und noch irgendwas einfrie­ren (wer hat Berlusconi gesagt?), auf die Erde transportieren (in Raumschiffen, die wie eine DC-8 ohne Propeller aussahen), in die Vulkane von Hawaii werfen und dann mit Wasserstoffbomben in die Luft jagen. Das gab es alles schon damals: Hawaii, aber auch H-Bomben. Vom Universum zu schweigen. Zum Glück haben andere Aliens (die mit den weißen Hüten) Xenu später erwischt und in eine Blechkiste in den Rocky Mountains gesteckt; dort kommt er so schnell nicht raus, weil die Blechwand von einer „ewigen Batterie“ unter Strom gesetzt wird. Frei nach Kasperl: „Das beste iiiiist, wir sperren den Tintifax in eine Kiste.“
Nicht alle, die bei dem Verein sind, wissen, daß so etwas vor 35 Milliarden Jahren passiert ist, sogar gut 90% von ihnen nicht. Man muß lang genug dabei sein, seltsame Prozeduren durchmachen, allerhand Zeugs unterschreiben und viel Geld zahlen, bis man es erzählt bekommt. Wer die Geschichten ohne die richtige Vorbereitung liest, wird nämlich gleich krank und stirbt. Schon mal von einem besseren Gag gehört, um zweitklassige Alien-Romane zu vermarkten? Stellen Sie sich vor, ein Christ müßte regelmäßig stundenlang beichten, dicke Geldscheinbündel in den Opferstock werfen und wochenlang täglich ein paar Stunden im Schwitzbad sitzen – wäre es nach ein paar Jahren nicht unheimlich spannend, in aller Ruhe „Im Anfang war das Wort“ lesen zu dürfen?

T steht für Tom Cruise. Nein, stimmt nicht. (Schauen Sie sich trotzdem die South Park-Episode „Trapped in the Closet“ an: Saison 9, Episode 12. Keine Bange, vielleicht ist Tom Cruise gar nicht wirklich schwul. Aber wenn, dann kann man Gift drauf nehmen, daß seine Glaubensbrüder das am besten wissen.) T steht für Teegeeack. Kennen Sie nicht? Genau das ist das Problem. Teegeeack (es macht Spaß, das zu tippen) hieß die Erde zu Xenus Zeiten, und eigentlich sollten wir uns daran erinnern. In uns stecken nämlich die Seelen der Aliens, die in den Vulkanen zerbombt wurden. Nur wurden denen vor ihrem Tod (und nachher nochmal) allerhand Phantastereien ins Gehirn geprägt, um sie im Fall späterer Wiedergeburten am klaren Denken zu hindern. Deswegen glauben Menschen an solchen Unsinn wie Jesus, Buddha, Liebe, Solidarität und Menschlichkeit. Alles Schlechte, darunter Krankheiten, Kino, Psychiatrie und Mehrwertsteuer, hat uns Xenu eingebrockt, indem er den Aliens damals Schundfilme vorgespielt hat.

Ob der Prophet sich selbst porträtiert hat, als er Emu-X beschrieb? Immerhin war der Typ in der Kiste der Anführer eines faschistischen Staatsgebildes, dachte sich trashige Märchen aus, brachte Menschen mittels Gehirnwäsche dazu, an deren Inhalt zu glauben, und benahm sich eher brutal gegenüber Andersdenkenden. Kann ja Zufall sein. Man erfährt angeblich auf den höchsten bekannten Einweihungsstufen, daß er der Antichrist war – der Prophet, nicht Xemu. Daß er Aleister Crowley persönlich kannte, macht das nicht unwahrscheinlicher. Aber man lernt ja auch, daß in jedem Menschenkörper viele psychopathische Alien-Seelen aus ferner Urzeit (in der Vereinssprache: Thetane) herumwimmeln, und höhere Geweihte (mit hohen OT-Levels, also Operierende Thetane, trotzdem nicht unbedingt Chirurgen) widersprechen dem vehement. Alles nur symbolisch, ein Normalmensch würde es ohnehin nie verstehen, sie dürfen natürlich nicht erklären, wie es sonst ist, aber jedenfalls nicht so.
Lesen darf man die Fortsetzung bekanntlich erst, wenn man das nächste Level bezahlt und einen obskuren Kurs absolviert hat, und das bei Androhung von Lebensgefahr. Trotzdem gab es alle OT-Levels (von OT III, wo man die Xenu-Geschichte erfährt, bis OT VIII) schon mal im Internet zu lesen. Sie werden zwar wegen Klagen von Vereinsseite immer wieder gelöscht, aber gestorben ist daran noch keiner – außer, es wären ein paar vor Lachen geplatzt. Dazu gibt das Material nämlich durchaus Anlaß. Das berichtet z. B. Wilfried Handl, der einmal Leiter des Vereins in Österreich war und nach über 20 Jahren in einem akuten Anfall von Vernunft ausgestiegen ist – ungefähr so, als würde der Erzbischof von Wien plötzlich Atheismusprediger. Ein sehr netter Mensch – der Herr Handl.

Übermenschen in einem post- und para-nietz­scheanischen Sinn werden da ausgebildet. So­gar schon unterhalb der OT-Stufen, wenn man nur lang genug mit dem Lügendetektor alias E(lektro)-Meter rumgespielt hat, um „clear“ zu sein (das soll heißen, daß der Geist von Xemus ärgsten Spinnereien befreit ist), hat man angeb­lich ein perfektes Gedächtnis, wird nie wieder krank, kapiert alles, kann hellsehen und mit Katzen sprechen. (Mit Katzen sprechen kann ich auch; sie antworten meistens „maunz“. Bin ich ein Supermann?) Je höher die Einweihung, desto toller die Superkräfte. Deswegen ist Tom Cruise auch so schlau und seine Filme intellektuell so anspruchsvoll – immerhin ist er OT VII und im Celebrity Center in Hollywood (googeln!) beinah zuhause. Berühmtheiten in hohen Positionen verkörpern immer das Ideal: Goebbels sah ja auch aus wie ein Arier, und wer dachte sozialer als Stalin? Geben Sie bei Gelegenheit „Tom Cruise“ ins Suchfenster von YouTube ein, lachen Sie und entsetzen Sie sich. Süß, aber grenzwertig, der Tommüüüü.

Ganz Teegeeack blickt zu Xenus Mannschaft auf – auch wenn man da nicht viel sieht, ihre Nester haben meist undurchsichtige Fensterscheiben, so auch das in Wien-Mariahilf. Aber angeblich soll ja ein OT VIII die Berliner Mauer zu Fall gebracht haben. Wer weiß, was noch kommt. Wir sind gerüstet. Wir haben nicht nur einen professionelleren Psychotest zu bieten als die Aliens (auf Seite 13), sondern auch das ultimative OT-Level. Vergessen Sie OT III bis XV (das ist das höchste, zu dem bisher Informationen ans Licht gesickert sind, obwohl es angeblich 23 gibt). Werden Sie OT XXIV! D. h. Origineller Teetrinker um 24 Uhr. Ultimativ hauptsächlich deswegen, weil es nicht später als 24h werden kann. Mit anderen Worten, trinken Sie einfach mit einem Bagger-Mitarbeiter um Mitternacht Tee, auf Ihre Kosten natürlich. Völlige Freiheit des Geistes ist dabei garantiert. Statt einer Befragung mit dem Enzephalometer lese ich Ihnen, wenn’s sein muß, eigenhändig die Zukunft aus den Teeblättern. Und zum Xenu mit dem anderen Humbug.
Yippie! Ganz schön böse, einen Artikel über eine Sekte zu schreiben und weder die Sekte noch den Gründer je beim Namen zu nennen. Vielleicht sollten Sie nochmal auf Anfang bzw. Ende jedes Absatzes schielen. Lassen Sie sich aber kein Ü für ein O vormachen. Auch das gehört zur geistigen Befreiung. Hip hip hurray!(1) Ya hey! Ya herri hey! Ya hoy!(2)

Nützliche Literatur und informative Netzseiten:

Renate Hartwig, Die Schattenspieler, und ihr Roman Gefährliche Neugier.
Ursula Caberta – eigentlich egal, welches Buch. Dasselbe gilt für Frank Nordhausen, Liane v. Billerbeck, Norbert Potthoff und Gunther Träger.
http://www.xenu.net/
http://www.bringyou.to/apologetics/xenu.htm
http://www.wilfriedhandl.com/
http://www.southparkzone.com/

(1) Jubelruf der US-Navy, wird manchmal von anderen Vereinen zweckentfremdet.
(2) Kampfruf sklaventreibender Orgs, pardon, Orks aus The Hobbit.

roter infotischAh, übrigens: Diese roten Infotische gibt es nicht nur vor Weihnachten, sondern auch im Sommer. Da sind die netten Leutchen daran noch besser gelaunt – im Gegensatz zur Laufkundschaft, die ist laut Testergebnis durchwegs schwer gestreßt und total unglücklich.

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