Kafka, Gott und das unzerstörbare Paradies

Angenommen, „Gott“ ist ein Name. Wie der eines Schriftstellers beispielsweise oder eines Schauspielers. Angenommen, man erwähnt „Gott“, egal weshalb und völlig egal wo. Geistliche Kreise und Institutionen ausgenommen, wird man ein genervtes Seufzen hören, sobald man über einen gewissen „Gott“ zu sprechen beginnt. So als ob man „Pythagoras“ oder „Kafka“ gesagt hätte.

Über diesen gewissen „Gott“ scheint schon so viel gesagt worden zu sein, dass er einem wie ein nerviger, etwas gestörter Nachbar vorkommt, von dem man nicht immer weiß, ob er jetzt da ist oder nicht. Ob daran die religiösen Überlieferungen und ihre konsequent labilen Interpretationen und Interpreten schuld sind, weiß ich nicht. Selbst jetzt während des Schreibens dieser Zeilen bin ich sehr vorsichtig, denn seine Anhänger sind oftmals leicht gekränkt. Leichter ist es, Kafka, der in manchen Kreisen so unbeliebt wie Gott ist, vorzuschicken und sich hinter ihm zu verstecken.

Erwähnt man den Namen „Franz Kafka“, verdrehen einige die Augen, einige sind seinen Werken erfolgreich aus dem Weg gegangen und andere wiederum können nicht anders, als über ihn zu schwärmen als ob er eine unterhaltsame Strandlektüre wäre. An diesen Reaktionen sind Schulpädagogen nicht ganz unschuldig, die mit ihren vorgefertigten Interpretationen ein Bild von Kafka entwerfen, das zwingend notwendige Bewunderung, Ehrfurcht oder simpel ausgedrückt Angst auslöst. Kaum einer liest Kafka, wenn er nicht unbedingt muss, und selbst dann gibt es noch die Möglichkeit die „Königserläuterungen“ zuhilfe zu nehmen, um das schwierige Original zu umgehen. Und das ist schade. Wie die Sache mit Gott auch.
Kafka ist nicht schwierig, er ist gründlich und das ist es, was ihn lesenswert macht. Es handelt sich um einen gründlichen Denker und sensiblen Schriftsteller. Falls es wirklich Menschen geben sollte, die Kafka noch nicht gelesen haben oder bereit sind Kafka eine zweite Chance zu geben, sei hier der Ratschlag gegeben zuerst seine Briefe an Felice und an seinen Vater zu lesen. Am besten kauft man sich eine dieser unglaublich günstigen Werksammlungen, die es überall zu ergattern gibt, mit seinen Briefen an seinen Vater, die ihn menschlich machen und dem Bild der kühlen Intelligenzbestie widersprechen. Und danach möge man bitte immer noch nicht „Der Prozess“ oder „Die Verwandlung“ lesen, sondern seine Aphorismen. Und es sind diese Aphorismen, die beeindrucken. Denn er spricht indirekt an, wie wir über Gott oder die Überlieferung zu ihm denken, wobei wir wieder auf dünnem Eis wären.

„Wenn das, was im Paradies zerstört worden sein soll, zerstörbar war, dann war es nicht entscheidend; war es aber unzerstörbar, dann leben wir in einem falschen Glauben.“

Was Kafka hier ausdrückt, ist eine Art Auflehnung gegen diese – alle tief gläubigen Leser mögen es mir womöglich verzeihen – etwas einfältige Story vom Sündenfall, die den drei großen Religionen dieser Welt eigen ist. Diese Kritik wird aber nicht gebracht, weil Kafka nicht an Gott glaubt, im Gegenteil, Kafka war gläubiger Jude, der sich mit Max Brod für einen Staat Israel stark machte. Diese Kritik an dem Sündenfall schwächt das Prinzip „Gott“. Angenommen, wir sind so bescheiden und denken nicht, dass unser Dasein mit uns beginnt und mit uns aufhört, angenommen, wir vermuten eine göttliche Instanz, zu der wir beten, weil wir ihr eine Art Allwissenheit unterstellen, die wir nun mal nicht haben, denn wir wissen nicht, WESHALB wir geboren worden sind, wohl aber wie.
Angenommen also, es gibt einen Schöpfer. Allein die beiden Wörter „es gibt“ im Sinne von „es existiert“ in Bezug auf Gott bilden ein Problem, nämlich was über Gott gesagt werden kann und was nicht, denn schließlich erhofft man sich, dass er nicht einfach so existiert wie ein Mensch, also lässt sich über Gott sagen „es gibt ihn“. Wir haben aber nun mal unser Vokabular, das wir auch auf Gott anwenden, dem wir Allwissenheit unterstellen.
Stellt sich noch die Frage, warum Gott so kindisch ist und Adam und Eva im Paradies einen Baum hinstellt, von dem sie nichts pflücken dürfen, und es noch dazu für nötig hält sie zu bestrafen, wenn sie das getan haben, wenn sie gegen den Willen Gottes etwas getan haben. Also ist Gott gekränkt. Lässt sich wirklich über Gott sagen „der Allmächtige ist gekränkt“?
Diese „Geschichte“ ist rein menschlicher Natur. Wenn Gott eine Berechtigung darauf hat Gott zu sein, so darf er Neugier nicht strafen. Wenn er es doch tut, muss man ihn umbenennen, er wäre Pädagoge, von der kleinkarierten Sorte, der einem mit Maßnahmen droht, wenn man nicht das tut, was er will.
Aber Kafka ist noch viel klüger, er kritisiert nicht diese ganzen Kleinigkeiten, wie den Adamsapfel oder die Wehen der Frauen bei der Schwangerschaft als Folge ihrer Sünde, was wieder nicht auf einen Gott hinweist, sondern auf einen kleinlichen Menschen (lässt sich über Gott sagen, er ist ein Macho?), sondern er kritisiert die Möglichkeit, dass das Paradies zerstörbar war.
Juden, Moslems und Christen glauben daran, dass das Paradies durch menschliches Versagen zerstört worden ist. Wenn wir es mit einem Garten zu tun hätten, dann wäre es möglich, dass man aus einem Garten hinausgeschmissen wird. Aber das Paradies ist deswegen „Paradies“, weil es der perfekte „Garten“ ist, weil alles perfekt ist, spricht man von einem Paradies (müsste es nicht verboten sein „ein“ Paradies zu sagen? Gibt es denn mehrere Paradiese? Gab es denn mehrere?).
Ein Garten ist zerstörbar und ein Mensch hegt Groll und bestraft, aber kann das Paradies denn zerstört werden, hat sich Gott denn bei der Erschaffung des Paradieses einen Fehler erlaubt und es zerstörbar gemacht, und hätte Gott nicht die Neugier der Menschen erahnen müssen, hat er sie denn nicht geschaffen, wie ist Groll möglich, für den Erschaffer? Wenn Groll möglich ist, ist auch Angst möglich. Ob Gott Angst hat? Das würden alle Klerikalen der Welt verneinen, denn Gott ist allmächtig und allwissend. Also warum wird er dann sauer und ist so stur?
Besonders für den Juden Kafka, der das Unerwünscht-Sein kannte und eine Sehnsucht nach einer Heimat hatte, muss dieser Gedanke des zerstörbaren Paradieses und eines Gottes, der einen hinausschmeißt, wenn man einen Fehler gemacht hat, sehr zermürbend gewesen sein. Wenn selbst Gott einen hinausschmeißt und selbst das Paradies zerstörbar war, wo ist man denn noch sicher?
Wenn Kafka sagt, dass, wenn das Paradies zerstörbar war, es dann nicht entscheidend war, dann deshalb, weil Gott eine Art Ewigkeit und Perfektion darstellen muss, damit ich an ihn glauben kann, damit ich die Sicherheit habe, dass ich keinen grollenden, nachtragenden Menschen anbete, sondern meinen Schöpfer, der mir verzeiht.
Angenommen also, wir leben in einem falschen Glauben, so wie Kafka es andeutet, welche fatale Folgen hätte das? Spontan fallen einem die Genderstudies ein und ihr Kritikpunkt am Sündenfall und die benachteiligte Rolle der Frau in religiösen Gesellschaften. Das wäre dann wohl erledigt. Und auch so manch geistliche Bedenken gegenüber dem „Weib“ … wären dann wohl auch: erledigt. Eben weil die Basis, der gesamte Plot des Sündenfalls ohnehin falsch sein muss, noch bevor jemand stigmatisiert werden kann.
Andererseits spricht Kafka von dem, was im Paradies zerstörbar war, also trennt er zwischen dem Paradies und dem, was im Paradies ist. Meint er also den Frieden, denn friedvoll stellt man sich für gewöhnlich das Paradies schon vor. Wenn also der Frieden zerstörbar war, war es nicht entscheidend. Auch das ändert nichts daran, dass Kafka infrage stellt, dass das Paradies oder dessen Frieden je von Menschen Hand zerstörbar sein könnte. Es muss schlicht unzerstörbar sein, wenn es mehr als eine Gartenidylle gewesen sein soll. Oder?
Wobei wir wieder bei Kafka wären. Vielleicht irgendwann, wenn man wieder Lust auf Kafka, aber noch keine Lust auf den „Prozess“ hat, blättert man wieder ungezwungen hin und her und landet womöglich wieder bei den Aphorismen, die ein guter Einstieg in Kafkas Denken sind, und findet Folgendes: „Wahrheit ist unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen; wer sie erkennen will, muss Lüge sein.“ , womit man beim Dilemma der Gründlichkeit Kafkas wäre, denn in seiner Gründlichkeit sägt er oftmals an dem Ast, auf dem er sitzt.
Aber vielleicht liegt der Fehler ja auch darin, dass man davon ausgeht, dass das Paradies zerstört worden ist, vielleicht hat sich das Paradies nur verwandelt, und wer es erkennen will, muss sich nochmals verwandeln und zur Lüge werden.
Wer sagt denn. dass Lüge teilbar ist, sie steht nur am anderen Ufer der Wahrheit, die unzerstörbar wie das Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben worden sind, weil wir nie da waren. Ist doch klar, oder?
Oder nicht?

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