Kantonale Kartonabfuhr

Die Schweiz mag für vieles bekannt sein: Schokolade, Ta­schen­messer, Käse, Groß­ban­ken, Uhren, Steuer­hinter­ziehung, Patrio­tis­mus. Eines aber wird man in der Schweiz kaum finden: Kritische Aus­einander­setzung mit der ei­ge­nen Ge­schichte und Gegen­wart, oder ein be­stän­diges Hinter­fragen der eigenen Iden­ti­tät und ein ge­sundes Maß an Selbst­ver­achtung.

Wer den Hurra-Patriotismus, mit dem Schweizer aller Stände und Regionen den 1. August feiern, einmal miterlebt hat, der wird sicher zustimmen, wenn an dieser Stelle konstatiert wird, dass die Eidgenossen durchaus eine Lektion in Selbsthass und Nestbeschmutzung vertragen könnten, vielleicht die einzige Tugend, in der Österreich als weltweit führend gelten darf.

Daher wollen wir mit unserer Kunst, in der uns Lehrmeister wie Thomas Bernhard unterwiesen haben, nicht geizen und unsere westlichen Nachbarn gerne in die Tugend der Verbitterung und des Schmutzkübel-Werfens einführen:

Fortschritt und Demokratie

Die Schweiz gilt seit jeher als fortschrittlich und inszeniert sich stolz als Wiege der neuzeitlichen Demokratie. Man verweist gerne auf den Vorbildcharakter und die Tradition der demokratischen Institutionen. Wie weit es damit jedoch her ist und wie der Fortschritt in der Schweizer Weltsicht aussieht, klärt sich schnell, wenn man daran erinnert, dass die Schweiz erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts das Frauenwahlrecht auf Bundesebene eingeführt hat. Zu dem Zeitpunkt war dieses bereits seit 40 Jahren etwa in der türkischen Verfassung verankert. Die Wahlbeteiligung in der Schweiz ist verschwindend gering, nicht nur bei Volksabstimmungen und das mancherorts immer noch gepflegte Abstimmen durch Handheben entspricht wohl kaum den Standards einer geheimen modernen Wahl. Soviel zur Fortschrittlichkeit und dem Schweizerischen Wert der direkten Demokratie. Die Politikverdrossenheit ist sogar noch stärker ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern und wirklich mobilisieren lassen sich die Massen nur mit stumpfsinnigen und hetzerischen Parolen. Wie überall gilt, wer das meiste Geld in die Hand nimmt und die größte Aufmerksamkeit erregt, geht am Ende als Sieger aus solchen Abstimmungen hervor, mit den aus der jüngsten Vergangenheit bekannten hanebüchenen Ergebnissen.

© Origi NalkopieMinderwertigkeitskomplex

Doch was will man von einem Volk erwarten, das sich immer noch mit Stolz auf seine le­gen­dären Eid­ge­nossen beruft, eine Horde ungeschlachter Bauern, die für ihre un­barm­herzige Bru­tali­tät bekannt waren und durch solche Tu­gen­den Angst und Schrecken verbreiteten. Jahr­hunderte später wurden die Ereignisse dann seitens eines deutschen Dichters so lange verdreht und verklärt, bis ein Heldenepos entstand, auf das die Abkömmlinge des Bauernpöbels immer noch mit Stolz verweisen. Natürlich musste es aber ein Deutscher sein, denn die Schweizer selbst wären ja gar nicht in der Lage gewesen, solche Kunst hervorzubringen, da sie kaum ihre eigene Muttersprache beherrschen. Auf Lebensläufen von gebürtigen Deutschschweizern findet man tatsächlich hin und wieder „Deutsch“ als erste Fremdsprache angeführt. Dass aus einer solchen Unfähigkeit, sich in der eigenen Muttersprache zu artikulieren, ein gewisser Minderwertigkeitskomplex entstehen muss, ist nachvollziehbar und es verwundert wenig, dass sich dieser Komplex nun gerade in der Ablehnung der Deutschen widerspiegelt, die so locker und flockig mit der Sprache umzugehen vermögen, während der Schweizer sich an seinen „ch“ und „k“-Lauten beinahe verschluckt (oder noch schlimmer).

© Origi NalkopieStets wehrbereit

Völlig unfähig, sich durch kulturelle Leistungen abzuheben und gleichsam aus Scham über die bäuerliche Herkunft verlegte man sich nun darauf, das zu tun, wofür es zwar keinen Geist, dafür aber umso mehr Skru­pel­losig­keit und Raffgier braucht: Das Verwalten und Vermehren von Geld also. Eine sogenannte „Neutralität“ dient dabei als angenehmer Vorwand, Geld von jedem anzunehmen, unabhängig davon, um was für einen Verbrecher, oder Massenmörder es sich handelt. Das sogenannte „Bankgeheimnis“ wiederum schützt Verwalter und Kunden und begünstigt ganz nebenbei und selbstverständlich ungewollt Geldwäsche und Steuerbetrug. Was also an Geist fehlt, wird durch Bauernschläue und Hinterhältigkeit ausgeglichen.

Wer so viel zu verbergen hat und gleichzeitig seine Identität auf gewalttätige Bauernhorden, Mord und Totschlag gründet, der muss natürlich „wehrhaft“ sein. Eine gewisse Paranoia lässt sich leicht aus dem vorigen ableiten und man wird auch sofort fündig. Wann immer in der Schweiz Worte wie Bürgerrechte, Freiheit und Eigenverantwortung fallen, meint man in Wirklichkeit immer nur Waffen, Waffen, Waffen. Man sagt zwar Mündigkeit, meint aber Waffenbesitz. Einen anderen Bezug zu solchen Begriffen gibt es hier nicht. Keine abstrakten Debatten, keine intellektuelle Auseinandersetzung. Der Karabiner im Keller ist wie die Fahne mit dem Kreuz und die regelmäßigen Schießübungen eine notwendige und auch absolut hinreichende Bedingung für das Dasein als freier Bürger. Ende der Debatte. Oder wollen wir etwa „Schweizer Werte“ zerstören? Soll man hier von Werteverfall sprechen? Doch das ist müßig, denn es würde voraussetzten, dass jemals höherstehende Werte vorhanden waren.

© Origi NalkopieUm also den Mangel an Geist und Kultur auszugleichen, wird krankhaft auf Präzision gesetzt. Nicht umsonst gelten Schweizer Uhren als besonders präzise, denn die Kleinlichkeit und der Kleingeistigkeit wird diesen Leuten bereits in die Wiege gelegt. Präzision, Pünktlichkeit und Sauberkeit wären die 3 Schlagworte einer Revolution, die es in der Schweiz natürlich nie geben wird, denn dort unterdrückt sich das Volk selbst und zwar bereitwillig und bis ins kleinste Detail. Der Kleingeist macht jedoch auch vor einer weiteren Unterteilung des ohnehin schon bis zur Bedeutungslosigkeit kleinen Landes nicht halt. Der „Kantönligeist“, ein anderes Wort für regional bedingte Engstirnigkeit, ist in allen Kantonen und in jeder Lebenslage anzutreffen. Die Pingeligkeit wird selbst noch bei der Abfallentsorgung auf die Spitze getrieben: Altpapier ist säuberlich gebündelt und verschnürt abzugeben, und aufgepasst, dass ja kein Karton dabei ist, denn dieser ist in der Schweiz eine andere Art von Abfall und wird an einem anderen Tag ebenfalls fein säuberlich gebündelt und verschnürt seiner Bestimmung übergeben. Nirgends sonst auf der Welt wird dem Abfall soviel Aufmerksamkeit und Aufwand gewidmet wie in der Schweiz. Wie soll da noch Zeit und Kraft für Kreativität und Kultur bleiben, wenn selbst der Müll noch mit Präzision zu behandeln ist. Doch offensichtlich gilt ein gut geschnürtes Kartonbündel hier mehr als eine Klaviersonate und das ist gar nicht verwunderlich: Mit der Kunst des Bündelns kann der kleine Geist etwas anfangen, denn Ordnung muss sein. Beethoven hingegen ist furchteinflößend.

© Origi Nalkopie„Kulturnation“

Erwartungsgemäß liegt es mit den eigenen kulturellen Leistungen im Argen. Doch die Erwartungen an eine Nation, deren Nationalepos von einem Ausländer gedichtet werden musste, können nicht allzu hoch gesteckt sein. Das weltweit bekannteste Buch aus der Schweiz ist Heidi … Kein weiterer Kommentar. Ein paar Maler aus früheren Jahrhunderten, ein paar biedere Volksdichter, überschätzte Bildhauer und natürlich ein mittlerweile nicht mehr ganz frischer Autor, der aus Mangel an Alternativen immer wieder aufgewärmt wird, sind neben einem Krimi-Spezialisten wohl die magere Ausbeute auf diesem Gebiet. Ach ja: Jean-Jaques Rousseau wurde in Genf geboren! Auch wenn man den Stadtstaat des 18. Jahrhunderts kaum mit der heutigen Schweiz vergleichen kann, so scheint es doch naheliegend, dass die Analyse über den verderblichen Charakter der Gesellschaft in diesem Land entstanden ist. Woher aber die Ansicht, dass der Mensch im Naturzustand gut sei, stammt, bleibt schleierhaft, doch Rousseau war viel auf Reisen…

Wer also in die Schweiz hineingeht, der geht in ein Land hinein, in dem Kultur mit Pünktlichkeit, Freiheit mit Waffenbesitz, Geist mit Kleingeist, Tüchtigkeit mit Skrupellosigkeit, Kreativität mit Präzision, Fortschritt mit Sauberkeit, Kunst mit Landschaft, Neutralität mit Währungsstabilität und Gesetzestreue mit Spießigkeit verwechselt wird.

Am Ende bleibt also zu wünschen, dass die obigen Bemerkungen, die im Sinne des Kulturaustausches und der Völkerverständigung zu verstehen sind, sich als lehrreich für alle Beteiligten erweisen und folgende Schlussfolgerung: Gehen sie ruhig in die Schweiz hinein und Sie werden feststellen, es handelt sich tatsächlich um das schlimmste Land der Welt (mit Ausnahme fast aller anderen).

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