Karl Stirner - Schichten (2014, non food factory)

Stirner - Schichten (2014)

Einmal im Monat spielen der Zitherspieler Karl Stirner und der Akkordeonist Walther Soyka gemeinsam beim Heurigen Hengl-Haselbrunner im neunzehnten Wiener Gemeindebezirk. Sie zählen zu einer der wenigen "Partien" ("Band" wär in diesem Zusammenhang ja wohl der falsche Ausdruck), deren Repertoire weit jenseits touristischer Gassenhauer wie "Es wird ein Wein sein" liegt. Wer den Beiden aus nächster Nähe beim Musizieren auf die Finger schauen kann, weiß sofort, dass er Zeuge von etwas Besonderem ist. 2009 wurde diese Ehe mit der großartigen Duo-Platte "Tanz" auch formal besiegelt.

Fünf Jahre später liegt nun "Schichten" auf meinem Schreibtisch. Die Soloplatte von Karl Stirner. Ich höre seit drei Tagen durchgehend dieses Album – und das obwohl ich ansonsten nur selten instrumentale Musik auflege. Bereits nach einer Minute und 13 Sekunden schmilzt das Herz: Wenn nämlich die dritte (?)"Schicht" (den überlagerten Spuren verdankt das Album wohl auch seinen Namen) von "Wachau" einsetzt , ist die Welt plötzlich erstaulich schön. Es folgen drei sphärische Stücke, die dann vom tiefen Wummern des Basses bei "Nachtlokal" jäh aus ihrer Versponnenheit geworfen werden. Karl Stirner macht nicht zufällig seit 25 Jahren Musik an diversen Theaterhäusern – er beherrscht dramaturgische Handgriffe perfekt und setzt jeden Ton in einen größeren Zusammenhang.

"Walzer in Moll" kenne ich bereits von einem Abend beim Hengl-Haslbrunner. Womöglich habe ich auch andere Stücke schon live gehört, aber dieses ist mir besonders gut in Erinnerung geblieben. Die beiden gegen einander verschobenen Figuren lassen einen an "Die Kunst der Fuge" von Bach denken. Besonders schön sind bei dem Stück auch die schnarrenden Effekte und die betonten Achtelnoten im Hintergrund. Walther Soyka, der das Album aufgenommen und bei seinem Label "non food factory" veröffentlicht hat, legt beim letzten Stück auch Hand an und greift also in "Cafe geröstetes Herz" zur Harmonika. Das Grande Finale eines Albums, das sich voll und ganz in den Dienst der Musik gestellt hat. "Schichten" ist keine Einweg-Pop-Konserve, sondern ein akustisches Stück Wahrhaftigkeit zwischen Wienerlied und Soundcollage. Große Worte für eine große Platte.

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