Kritik des Hotzenplotzischen Weltbildes

Zwackelmann

„Ein Mensch, der stiehlt, würde für jede poetische Darstellung von ernsthaftem Inhalt ein höchst verwerfliches Objekt sein.“ (Friedrich Schiller, Jena)

Am St.-Johannis-Tag 1787 spielte auf dem Jahrmarkt zu Königsberg, Preußen, eine fahrende Marionettenbühne zum soundsovielten Mal die „Sämtlichen Abenteuer des Räubers Hotzenplotz“. Textgetreu war der große und böse Zauberer Petrosilius Zwackelmann schon im ersten Teil schmählich im eigenen Schloßkeller ersoffen und hing nun zum Trocknen hinter der Puppenspielerbude – was ihm Gelegenheit bot, mit einem illustren Königsberger Spaziergänger ins Gespräch zu kommen. Indessen landete auf einer nahen Birke ein uralter Rabe mit moosgrünem Gefieder; in seinen Bürzelfedern verborgen saß, das erstaunt längst keinen mehr, die Wanze.

Immanuel: – so verkörpern doch Sie, Herr Kollege, gewissermaßen das Irrationale.

Petrosil: Wie! Ich? Ein großer und böser Zauberer sein ist weiter nichts als ausgeübte praktische Vernunft. Was tut meinereins schließlich anderes, als die Technologie der nächsten paar Jahrhunderte vorwegnehmen? Ich ziehe einen Bannkreis um mein Schloß – andere werden einmal Zäune erfinden, die jedem einen Schlag versetzen, der unerlaubt hinaus will. Leute und Schnupftabaksäcke von einem Ort zum andern zu zaubern könnte sich eines Tages erübrigen, wenn nur die Postkutschen schneller werden. Selbst da, wo meiner Zauberei heute noch Grenzen gesetzt sind –
Immanuel: – könnte ein findiger Kopf eines Tages eine Maschine konstruieren, die fähig wäre, Kartoffeln zu schälen?
Petrosil: Während es mir niemals gelang, die Schale herunterzuzaubern; ich sehe, alle Welt weiß Bescheid. Dagegen halte ich für unwahrscheinlich, daß irgendein Apparat je die Kristallkugel meiner Kollegin Eulalia Schlotterbeck ersetzen wird, mit der man sehen und hören kann, was in weiter Ferne geschieht.
Immanuel: Solche Kugeln, die man weiterhin brauchen wird, sind dennoch ein ganz vernunftgemäßes Werkzeug, wenn man auch die Gesetzmäßigkeit dahinter nicht begreift. Ich verstehe.
Petrosil: Wobei der Gipfel der praktischen Vernunft wäre, solches Werkzeug für sich zu behalten und nicht Unwürdigen zur Verfügung zu stellen – statt wie Base Schlotterbeck die Polizei durch solch eine Kugel stieren zu lassen.
Immanuel: Hat man denn als Bürger nicht die Pflicht –
Petrosil: Pflicht? Pfuh, wenn ich das schon höre. Potz Krötendreck und Knoblauch! (Hustet und spuckt.) Verzeihen Sie, ich habe mich beim Ertrinken erkältet.
Immanuel: Aber wir sprachen vom Irrationalen.
Petrosil: Davon finden Sie, so viel Sie wollen, bei meiner verhaßten Konkurrentin, der Fee Amaryllis.
Immanuel: Die sich als Unke so gut ausnahm?
Petrosil: Derselben. Selbst als Unke hat sie es geschafft, dem dummen Kasperl oder Seppel, oder wer er sonst war, den Weg aus meinem Bannkreis hinaus zu weisen. Ich hatte unrecht zu glauben, ein Diener müßte möglichst dumm sein! Wäre er nur ein bißchen gescheiter gewesen, hätte er genug nachgedacht, um sich vor meinen Verboten zu fürchten und den Unkenpfuhl im Keller erst gar nicht zu finden.
Immanuel: Ein verständiger Herrscher würde also den Beherrschten Verstand beibringen, aber nur einen Hauch?
Petrosil: Gerade so viel, daß sie nichts damit anfangen können, aber ahnen, wie viel sie nicht wissen. Das letztere macht demütig; und das bißchen Verstand, das man nicht zu nutzen weiß, dämpft den Mut, auf sein Dummenglück zu vertrauen. Da züchte ich mit alchimistischer Akribie Zauberkräuter in meinem Garten, studiere Zauberformeln, um die Fee zur Unke zu transformieren, sperre sie in einen atombombensicheren Keller – was tut dieser Kasperl, Seppel, oder wer? Latscht in purem Unverstand auf die nächste Heide, pflückt ein Kraut, das in keinem Zauberbuch vorkommt, und es macht ihn nicht nur zufällig unsichtbar, sondern ent-unkt auch die Unke, durch keine weitere Prozedur als bloßes Anstupsen. Aller Zauberer Verderben – das hirnlose Vertrauen aufs Wird-schon-schiefgehen!
Immanuel: Desipere aude – „Erkühne dich, unverständig zu sein“! Mein Kollege Jacobi aus Düsseldorf, ein ganz wunderlicher Kerl, nennt solchen Unverstand „Glauben“.
Petrosil: Gefährlich.
Immanuel: In der Tat, weil so verführerisch. Kasperl, der doch in diesem Stück ein Knabe im ABC-Schulalter sein soll, verfiel vorhin beim Anblick der entzauberten Fee in geradezu erotische Verzückung; zwar war das in der ganzen Geschichte – ich spaziere jeden Tag hier vorbei und sehe sie nun schon dreimal mit an – die einzige Anspielung auf die vernunfttrübende Macht des Sexus. Was hat es damit eigentlich auf sich? Warum ist dieser Hotzenplotzische Kasperl so zahm?
Petrosil: Zahm? Gefährlich.
Immanuel: Erlauben Sie – auf allen Jahrmärkten bisher war Kasperl, gleich dem britischen Punch, ein erwachsener Rüpel, der nicht bei seiner milden, furchtsamen Großmutter lebt, sondern bei seinem Weib Gretel, mit der er sich regelmäßig prügelt; sein Text, wenn er nicht vom Fressen und Saufen handelte, strotzte von obrigkeitswidrigen, abgeschmackten Witzen – fäkal, genital, unbotmäßig. Den Polizisten verdrosch er, den Henker hängte er an den Galgen.
Petrosil: Gefressen wird hier auch genug; zugegeben, es frißt mehr der Räuber – mein Freund Hotzenplotz aus Hotzenplotz, Mährisch-Schlesien – als der Kasperl. Pfannen voller Würste, töpfeweise gestohlenes Sauerkraut! Kasperl und Seppel lechzen nach Apfelkuchen mit Schlagsahne. Und warten Sie nur, im zweiten Teil hauen sie den Wachtmeister mit einer Feuerpatsche über den Schädel.
Immanuel: Auch nur, weil sie ihn mit Hotzenplotz verwechseln. Was ist das überhaupt für ein Polizist, den man so verwechseln kann?
Petrosil: Einer, der – das sollte Ihnen gefallen – seine Pflicht tut. Alle tun ihre Pflicht: Der Räuber raubt, weil es sein Handwerk ist und er kein anderes gelernt hat, er trägt Messer und Pistolen, wie der Wachtmeister Dimpfelmoser seine Uniform trägt; natürlich kennt man sie ohne ihre Kluft nicht mehr auseinander. Hellseherin ist ja auch nichts weiter als ein Beruf – wir sprachen von ihr.
Immanuel: Auch so eine zahme Sache – statt einer gehörigen Dorfhexe eine Wahrsagerin Schlotterbeck, deren finsterster Zug eine Zigarre im Mund ist – und das Krokodil, statt daß es den Kasperl fressen sollte, ist ein vegetarischer Dackel.
Petrosil: Bei alledem wird zum Schluß der Räuber ein biederer Gastwirt, und der Polizist bleibt eine Witzfigur. Bedenken Sie! Herrn Dimpfelmoser führt das Pflichttun zum Erfolg, aber zufällig. Hält sich rammdösig an die Dienstvorschrift, kritzelt Protokolle und Steckbriefe, den Räuber fängt der Kasperl für ihn – und was wird er? Hauptwachtmeister! Während ich, der Klügste in der ganzen Saga, schon im ersten Teil absaufe. Pfui Teufel und Bärendreck!
Immanuel: Aber beruhigen Sie sich, Herr Fackelmann –
Petrosil: Zwackelmann!
Immanuel: – für jeden außer Ihnen ist die Geschichte harmlos. Alle sind am Ende glücklich, und die Kinder lachen über das Schauspiel. Das ist doch auch ein Zweck, für den man wohl einmal unvernünftige Figuren in einer unvernünftigen Weltordnung leben lassen kann. Viel besser als der alte aufmüpfige Kasperl, der den Polizisten, den Doktor, den Tod und den Teufel zu Kleinholz verarbeitet – würde dergleichen zu oft auf den Märkten gespielt, müßte es doch das Volk zu Aufruhr und Empörung anstacheln.
Petrosil: Eben nicht! Wenn ihm Aufruhr und Empörung fortwährend auf der Puppenbühne vorgespielt wird, so entlädt sich sein Zorn durch Kasperls Pritsche in den hölzernen Polizisten, als wär’s der Blitzableiter des Herrn Franklin aus Boston. Welcher Ehemann haut noch seine Frau, wenn Kasperl den Unmut aller an Gretel ausgelassen hat? Weit gefährlicher, wenn er es nicht tut.
Immanuel: Wenn das richtig ist –
Petrosil: Fragen Sie Herrn Freud aus Freiberg, Mähren.
Immanuel: – so begreife ich nun mit dem Verstande, warum mich die Harmlosigkeit dieser Kasperlgeschichten schon vorhin, aller Reflexion vorgreifend, so verstörte. Wenn der rohe Kasperl zum lieben, bestenfalls etwas bauernschlauen Jungen wird, der Räuber zum Schenkwirt und das Krokodil zum Schoßhund, so muß man ja um den Frieden im Lande fürchten.
Petrosil: Ihr Wort in der Weltgeschichte Ohr! Warten Sie fünf Jahre, dann werden in Europa Köpfe rollen, und keine hölzernen. Ich könnte Ihnen Sachen prophezeien – aber ich tu’s nicht, sonst hängt mich noch jemand auf, hihi!
Immanuel: Ich hoffe nur, es gibt keine Revolution in Königsberg. Das würde mich bei der Arbeit stören. – Nun aber wollen Sie mich entschuldigen; ich wollte noch ein Töpfchen Senf kaufen, und der Kramladen schließt gleich.
Petrosil: Hat er längst – aber keine Bange. (Er schnackelt mit den Fingern. Ein Töpfchen Senf fällt vom Himmel in Immanuels Hände.)
Immanuel: Oh, Bautzner Senf direkt aus Sachsen. Wie aufmerksam von Ihnen.
Petrosil: Keine Ursache.
Immanuel: A propos Ursache – nein, ich wollte sagen, was die praktische Vernunft betrifft – darüber muß ich noch etwas nachdenken, reden wir davon das nächste Mal. Auf Wiedersehen, Herr Schnackelmann!
Petrosil: (schweigt. Er ist eine Holzmarionette.)
 

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