Leistung verpflichtet ...

… Studenten und Begabtenförderungswerke zu was?

Leistung muss sich wieder lohnen – so lautet ein oft gehörter Wunsch, der nun in einer neuen Offenheit auch von (hoch) begabten (deutschen) Studierenden fordernd an Stiftungen und Begabtenförderungswerke herangetragen wird. Doch was können diese Einrichtungen bieten, was fordern sie und wem nutzt eine Aufnahme ins wissenschaftliche Netzwerk?

Vorweg: Der Verfasser ist befangen und will dies auch gleich anfangs bekennen. Befangen, weil er in seinem Studium seit dem Vordiplom (vielseitig und großzügig) geförderter Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes war. Für diese Förderung gebührt der Stiftung aufrichtiger Dank. Dennoch ist kein Werbeartikel auf „die einzig wahre“ Stiftung zu erwarten, sondern ein differenzierter Blick eines Informierten auf eine im Oktober 2009 in der „Zeit“ aufgefundene Kontroverse.

Die Kontroverse

Es empörten sich einige Autoren und Verfasser von Leserbriefen, dass in den bundesdeutschen Stiftungen, die überwiegend parteipolitisch orientiert sind (mit Ausnahme der schon erwähnten Studienstiftung, die sich der weltanschaulichen – letztlich wissenschaftsförderlichen, weil weite Perspektiven ermöglichenden – Neutralität verpflichtet hat), gerade die gefördert werden, die sowieso schon „haben“.
Gemeint sind: Kinder aus gutbürgerlichem Haus, deren Eltern (häufig selbst Akademiker) einträgliche Posten bekleiden. Zwar haben dann diese Stipendiaten keine üppigen finanziellen Zustiftungen mehr zu erwarten, sondern beziehen lediglich ein vom Elterneinkommen unabhängiges (letztlich verwendungsfreies) „Büchergeld“ in Höhe von 80 Euro pro Monat. Doch sie sind „drin“ im Netzwerk und können sich (Geschick und Gespür sowie fortdauernde gute Leistung vorausgesetzt) „bedienen“. So bieten die Stiftungen ja nicht nur Geld, sondern auch ideelle Förderung, die sich z.B. in (entgeltfreien) Sprachkursen und alljährlich stattfindenden (mehrwöchigen) „Sommerakademien“ (mit oftmals überdurchschnittlich engagierten Dozenten) manifestiert.
Darüber hinaus hat fast jede Stiftung ihr „Alumni-Netzwerk“, in dem ehemalige Stipendiaten kontaktiert werden können – sei es zu wissenschaftlichen oder karrieristischen Zwecken, schon oft waren auf diesem Weg angebahnte Praktika „Steigbügel“ hin zu guten Positionen. Oder sie könn(t)en es zumindest sein.

Unmöglicher Einstieg?

Und all diese Annehmlichkeiten und Hilfestellungen entgehen – so die derzeitige öffentliche Kritik – den besonders förderungsbedürftigen Leistungserbringern aus sozial schwächeren Hintergründen. Denn auch wenn der Zugangsmodus objektiv (und) nicht benachteiligend ist, so schaffen es v.a. die 1,0-Zöglinge aus der Mittelschicht durch den Dschungel der Auswahlverfahren. Um zu einem solchen Aufnahmetest überhaupt zugelassen zu werden, braucht man in der Regel gute Kenntnis von den Stiftungen und ein Professoren- oder zumindest Lehrer-Gutachten, sehr gute Schul- und Studienleistungen und einen überzeugenden engagierten Lebenslauf. Hat man Pech und besucht eine (unter-)durchschnittliche Schule mit uninformierten Beratungslehrern, dann ist eine Komplettförderung über das ganze Studium hinweg von vornherein verunmöglicht – weil man frühestens zur Studienmitte bei ausgezeichnetem Vordiplom automatisiert von der Studienstiftung (und nur von der) angeschrieben und zur Bewerbung aufgefordert wird.
Alle anderen Stiftungen setzen auf den Weg: Selbstrecherche und Offensivbewerbung mit Hochschullehrergutachten. Auch das muss man wissen. Sagen tut es niemand, Plakate gibt es wenige und „student point“ ist leider nicht gleich „high potential’s help“. Wer die Zustände der Lehrenden an Universitäten kennt, braucht sich auch nicht wundern, dass die mindestens habilitiert sein müssenden Dozenten vom Eigenvorschlagsrecht selten Gebrauch machen: Wen kennen sie (letztlich) gut genug, um ihn schließlich welcher (politischen) Stiftung zuzutragen?

Unfaire Hearings?

Kommt der unverhältnismäßig glückliche kleinbürgerliche Hochbegabte doch bis zum Auswahlverfahren, dann kommt laut „Zeit“ schon die nächste Benachteiligung auf ihn zu: Referat und Gruppendiskussion kann er wahrscheinlich ebenso wie das Fachprüfungsgespräch gut absolvieren – nicht aber das persönliche Gespräch. Denn dort vergewissert sich ein Mitglied der Kommission der persönlichen Eignung, befragt zu Lebenslauf und Interessen – aber (unfairerweise?) auch nur allzu oft zu Lektüre und Kunstgeschmack. Und hier könnte die mangelnde Geläufigkeit in den klassischen bildungsbürgerlichen Themenkreisen zum Verhängnis werden, außer ein Geisteswissenschaftler wird gerade geprüft.
Der löbliche Anspruch, Universalbildung zu fordern und zu fördern, hat seinen Pferdefuß: Natur- und Rechtswissenschaftler sollen zeigen, dass sie auch in den schönen Künsten fit sind (warum lesen sie nicht alle Schwanitz’ „Bildung. Alles was man wissen muss“?) – die Kulturwissenschaftler fragt niemand zu Paradigmenwechsel in Physik, Medizin und VWL. Der Ruf „Benachteiligung“ kommt nicht ganz zu Unrecht: Im großbürgerlichen Haus herrscht ein anderes Lern- und Bildungsprogramm als bei den „Underdogs“.
Deren Leistungen erwachsen „trotz“ ihres Umfelds – im Gespräch müssen sie trotz dieses „overachievements“ noch weitere schichtuntypische Kulturkenntnisse und Fertigkeiten aufweisen, um auf Anhieb zugelassen zu werden – in die „Elitenförderung“. Hinein darf nur, wer eh schon (kultur-) formvollendet ist, so die Kritik. Und da geht’s dem Ansuchenden mit theateraffiner Mutter und die „Zeit“ lesendem Vater natürlich besser als dem Spross der Hartz IV- Empfänger. Bei allen Gesprächen wird die Gretchen-Frage „Sag, wie hältst du’s mit der Kultur?“ freilich nicht gestellt – und oft kann ein euphorischer Bericht eigener Projekte das Gespräch kandidatendienlich beeinflussen, doch etwas ungereimt bleiben die Selektionsmechanismen für die Außenstehenden doch. Also eine Quotenregelung als Ausweg? Damit können sich die Generalsekretäre der Stiftungen nicht anfreunden – zu Recht. Denn schlagartig den Spieß umzudrehen und nicht mehr auf die Verzahnung von „Leistung, Initiative und Verantwortung“ zu achten, sondern nur mehr die Herkunft als Gütesiegel zu wählen, erscheint (zu) wenig Perspektiven eröffnend. Denkbar wäre jedoch eine stärkere Betonung des vor (und auch nach) Aufnahme zu erbringenden gesellschaftlichen Engagements – wider eine stipendiatische Selbstbedienungsmentalität ohne Leistung (außer der selbst weiterbringenden fachlichen).

Unbedachte Nebenfolgen

Nun noch ein kleiner Nachsatz zum Zusatznutzen dieser Einrichtungen auf psychischer Ebene: Es ehrt und freut jeden (jungen) Menschen herausragend zu sein. Das Gefühl, aufgrund eigener Fertigkeiten in einem renommierten austauschintensiven Cluster dabei zu sein, ist ein durch und durch gutes und verleiht (gerade bei als „chancenlos“ verschrienen Studienfächern) Optimismus.
Jedoch sollte jeder Aspirant auch die Tücken dieser (mentalen) Verbindung bedenken: Leistung wird eine immer wichtigere Dimension des Lebens (v.a. solange die Aufnahme nicht „endgültig“ ist), der Selbstanspruch wächst stetig (v.a. hinsichtlich nun leicht erreichbar erscheinender, gut dotierter Jobs, aber ggf. auch bei der Frage „Wie gebe ich das Empfangene der Gesellschaft zurück?“) und die stipendiatische Vergleichsgruppe schläft nie, sondern leistet auch stetig Überdurchschnittliches, was der eigenen Selbstzufriedenheit und (inneren) Bodenhaftung schaden kann. Besonders, wenn nach dem geglückten Studium die Krise statt des Promotions-/Traineeprogramms wartet und man ob der für (sicher) möglich gehaltenen Höhenflüge umso tiefer fällt.

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