Lieber Johannes Paul I.!

Durch Zufall ist mir Dein Buch „Ihr ergebener Albino Luciani. Briefe an Persönlichkeiten“ in die Hände gefallen und ich war begeistert von Deinen Briefen – und schreibe Dir nun selbst einen :-) !

Ich habe bis vor Kurzem nichts von Dir gewusst. Und ich weiß, dass Du mir das nicht übel nimmst – denn wie hätte ich denn auch von Dir wissen sollen? Schließlich warst Du nur ganz kurz Papst und das im Jahre 1978 – also lange bevor ich auf die Welt gekommen bin. Ich kannte nur Deinen polnischen Nachfolger, der Deinen Papstnamen fortführte und eben der zweite Johannes Paul war. Von Dir hat mir niemand erzählt – aber zum Glück gibt es in unseren Tagen das „Internet“, in dem man vieles schnell nachlesen kann. Das, was ich in der „Wikipedia“ über Dich las, „gefiel mir“.

Du wunderst Dich vielleicht über die ganzen Worte in Gänsefüßchen – unsere Zeit ist bei Weitem technologischer geworden, als es die 1970er Jahre noch waren. Den Brief an Dich gebe ich in eine weiterentwickelte Schreibmaschine ein, die es vermag diese Zeilen zu speichern, und später schicke ich diesen Brief an die Redaktion der Zeitschrift „Bagger“ – ganz ohne Umschlag und Briefmarke. Und lesen kann man das Geschriebene später dann nicht nur in der gedruckten Ausgabe, sondern auch in dieser fantastischen Bildschirmschreibmaschine. Schöne neue Welt – Science Fiction- Schriftsteller hätten sich das nicht besser ausdenken können. Und was man alles mit dieser Maschine tun kann – nicht nur Briefe verfassen und Informationen in einem jedermann zugänglichen Lexikon schreiben, sondern auch Waren bestellen, Bilder ansehen und bearbeiten, Nachrichten lesen und sie kommentieren, Freunde „online“ treffen, sie beim weltweiten Telefonieren am Schirm sehen: Unglaublich muss sich das für Dich anhören.

Aber ich schreibe Dir diesen Brief nicht, um Dich über die Veränderungen unserer Welt auf dem Laufenden zu halten, sondern weil mich Deine Briefsammlung, die Du unter Deinem bürgerlichen Namen Albino Luciani veröffentlicht hast, faszinierte. Darin schreibst Du ja an viele bekannte Persönlichkeiten und knüpfst mit ihnen ähnlich wie ich mit Dir ein lockeres Gespräch an. Es ist Dir egal, dass Deine Empfänger meist schon körperlich tot sind, denn durch ihre Gedanken oder Handlungen gehören sie ja noch dem Reich der Lebendigen an. Und in diesem schönen Geist lohnt es sich Briefe zu schreiben an prägende Figuren. Wie oft haben wir alle schon von einem Denker, einer historischen Gestalt – oder auch einer literarischen Figur profitiert. Profitiert, indem wir endlich einen Gedanken ins rechte Wort oder in eine glückende Argumentation gesetzt fanden oder durch den Betreffenden unsere Weltsicht änderten beziehungsweise unsere Lage besser zu schätzen wussten.
Du hast Deine Briefe für die einfachen Leute geschrieben. Und das tatest Du fern jeder Überheblichkeit – zähltest Du Dich doch selbst zu den Einfachen. In gewisser Weise stimmt das ja auch: Als Bauernsohn 1912 geboren, hättest Du sicher nicht gedacht im Jahre 1978 als „Papa del sorriso“ (also Papst des Lächelns) in die Ewigkeit einzugehen. Es tat wohl zu lesen, dass Du Dir als „Aufsteiger“ Deine Volksnähe und Schlichtheit immer bewahrt hast. Dir „Briefeschreiber“ verdanken wir es auch, dass Post aus dem Vatikan nicht mehr mit dem Plural majestatis beginnt, sondern dass die Päpste „ich“ schreiben und sich nicht hinter dem „wir“ noch größer machen, als sie (selbst in unseren Zeiten: sowieso noch immer) sind.

In Deinen persönlichen Briefen an Goethe, Mark Twain oder Maria Theresia trittst Du gar noch bescheidener auf. Und Du verstehst es uns zu erklären, warum Dir an so manchen vermeintlichen Kleinigkeiten so viel liegt. Da sprichst Du oft gegen den Zeitgeist – die 1968er Jahre haben gerade noch getobt und Du verweigerst Dich einer allzu großen (sexuellen) Freizügigkeit bar der Verbind(!)lichkeiten. Es ist nicht alles gut zu heißen, was nun durch Gesetze nicht mehr verboten oder durch neue Regeln geboten scheint. Für Dich gelten die Worte und Werte des Evangeliums mehr, die Du weise anhand einiger Beispiele im Brief vermittelst. Das mag ich an Dir. Da stellst Du Dich hin und bist immer nachsichtig, wie es ein guter kirchlicher (Ober-)Hirte sein sollte, unterwirfst Dich aber keinen Moden und Zeitgeistern – sondern bist der Fels. In unserer Zeit haben viele Menschen, glaube ich, ein großes Bedürfnis und eine Sehnsucht nach Bestimmtheit. In Deinen Briefen gibst Du uns die gewünschte Klarheit, zeigst, wohin die verschiedenen Wege aller Voraussicht führen können. Daher ist Dein Buch so lebenspraktisch. Freilich werden viele junge Leser auch die Köpfe schütteln und sagen, wie „verstaubt“ Du doch bist. Wenn man aber Dein Wohlwollen, das aus Deinen Zeilen spricht, anerkennt, so müssten sich die Verwunderten vielmehr über die Auflösung vieler – nicht nur christlich katholischer – Werte wundern als über Dich.
Einen Versuch ist die neuerliche Lektüre Deiner mitunter schon 40 Jahre alten Briefe sicher wert. Vielleicht auch um nachher in eigenen Briefen den eigenen Anstoßgebern der letzten Jahre eine Rückmeldung zu geben, sich wie Du zu reiben und sich dadurch selbst wieder fester zu verwurzeln. Und das muss ja nicht zwangsläufig im Religiösen, im Glauben sein. Allein schon für diese Verortungsidee durchs imaginäre Briefeschreiben gebührt Dir Dank, lieber Albino Luciani!

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