Lukian von Samosata: Wahre Geschichten

Lukian„Wer aber nicht glaubt, daß es sich wirklich so verhält – wenn er eines Tages selbst hinkommt, wird er merken, daß ich die Wahrheit sage.“

Jules Verne? Douglas Adams? Michael Ende? Lewis Carroll, L. Frank Baum und die ganze SciFi- und Fantasy-Clique der letzten paar Jahre? Alles Nachmacher. Das Original, dem sie alle Tantiemen zahlen sollten, ist Lukian (geboren ca. 120 n. Chr. im heute türkischen Samsat, das er selbst Samosata nennt) mit seinen Wahren Geschichten. Er war lang vor Dante im Paradies und in der Hölle, und im gar nicht so unwohnlichen Bauch eines Riesenwalfischs hat er länger überlebt als Pinocchio. Andere waren nur auf dem Mond: Lukian hat die Zivilisationen auf Sonne und Mond erkundet, Pläne für die Besiedlung des Morgensterns mitbesprochen und ein vom Schützen (dem Sternbild!) befehligtes Heer aufmarschieren gesehen. Sagt er jedenfalls.

Wenn Lukians Zehn-Kilometer-Eisvogel sich von seinem Nest mit fünfhundert Eiern erhebt, zittert noch die Fauna von Gullivers Riesenreich; wenn Odysseus sich im Jenseits von seiner Penelope genervt fühlt, und er steckt dem Ich-Erzähler ein Liebesbrieflein an die Nymphe Kalypso zu, kriechen alle, die sich je über homerische Helden lustig gemacht haben, von Shakespeare bis Giraudoux, unter den Tisch und halten sich die Bäuche. Lukian hat mehr Völker geschaffen als Tolkien: die streitbaren Roßgeier, Knoblauchfechter und Stengelpilzlinge, die sanften Ochsenkopfler, die seefesten Korkfüßler und den schummrigen Lampenplaneten, dessen Bürger nichts so sehr fürchten wie das Auslöschen. Wir danken ihm den praktischen Rat, Liebesspiele mit Damen zu meiden, die von der Hüfte abwärts Rebstöcke sind, und schließlich ist er als erster – wenn auch unbeabsichtigt – mit einem Luftschiff gereist. Aber im Gegensatz zu den meisten Kollegen beschränkt er seine „Science“ nicht aufs Naturwissenschaftliche und Mytho-Historische.
Lukians Reiseroute reicht bis zu den letzten Dingen, wo sich die Güte philosophischer Konzepte erweist: wenn etwa Pythagoras nach vielen Metamorphosen ins Elysium eingeht, aber der verschmorte Empedokles nicht, und Sokrates, dessen Liebe zu Knaben noch im Himmel keine rein geistige ist, Gefahr läuft hinausgeschmissen zu werden – weil er seine Ironien nicht bleiben lassen kann. Und wer schmort in der Hölle? Herodot, der allzu phantasiereiche Althistoriker, und Ktesias, Autor eines fiktiven Indien-Reiseberichts. Aber nicht nur für die Ethik im Literatur- und Wissenschaftsbetrieb tut Lukian etwas. Er löst auch die seit alters heiß umkämpfte homerische Frage – wo Homer herstammt, ob er wirklich blind war (nein, war er nicht), welche Werke echt sind, in welcher Reihenfolge er sie verfaßt hat – auf simpelste Weise, indem er Homer kurzerhand interviewt. Wo, außer bei Umberto Eco, gibt es das noch: philologische Science Fiction?
Im Schlußsatz verspricht Lukian einen zweiten Teil, der von Abenteuern auf einem anderen Kontinent jenseits vieler geheimnisvoller Inseln handeln soll. Leider, leider ist diese Fortsetzung immer noch nicht erschienen. Konnte sie auch nicht, denn Lukian hat ja im Vorwort angekün­digt, der gesamte Text sei erstunken und erlogen; darum darf das Versprechen am Schluß gar nicht wahr sein. Ähm, aber das Vorwort selbst gehört doch auch mit zum Text? Dann ist vielleicht doch alles wahr. Teufel auch.
Eine Schande, daß noch immer nicht alle die Wahren Geschichten gelesen haben! Daß das Ganze in Altgriechisch verfaßt ist, ist keine Ausrede. Lukian schreibt gutes Altgriechisch, nicht solchen Slang wie z. B. die Kirchenväter. Ein vollendeter Rhetoriker und Sophist vom Feinsten; kaum ein Autor in den letzten zweitausend Jahren, der sich von ihm nicht eine Scheibe abschneiden hätte können – oder hat. Und dann gibt es ja Übersetzungen. Die beste (von Lukians Gesamtwerk) ist erstmals 1788 erschienen, der Übersetzer heißt Christoph Martin Wieland. Aber vielleicht wollen wir das Buch nicht im altbackenen Deutsch von vor 220 Jahren lesen, sondern knusprig wie anno 150, mit dem Duft frischer Tinte auf Papyrus. Also besser doch auf Griechisch, und den Wieland nur zur Orientierung danebenlegen. Beste Unterhaltung garantiert – für mehrere Monate!

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