Müder Hase

Einen hab’ ich noch, sagte der Nostradamit.

Au mois troisiesme, se levant le Soleil,
Sanglier, Liepard au champ, Mars pour combatre;
Liepard laissé au ciel extend son oeil,
Un aigle autour du soleil voit s’esbatre.

“Im dritten Monat, wenn die Sonne aufgeht,
Wildschwein, Liepard im Feld, um Mars/März zu bekämpfen;
Liepard, ermüdet, reckt den Blick zum Himmel,
einen Adler sieht er munter um die Sonne flattern.”

(Prophéties I 23)

In dieser Strophe wurde bisher immer Liepard fälschlich als “Leopard” verstanden, statt als das Tier, das zur angegebenen Jahreszeit Hochkonjunktur hat, nämlich lièvre, der Hase, mit dem Suffix -ard. Wie bavard einer ist, der viel spuckt, und clochard einer mit einer großen Glocke (der Sandler nämlich hat keine eigene Uhr, sondern muß sich auf die am Kirchturm verlassen), so ist Liepard schlicht ein großer Hase. Etwa der Carrollsche März-Hase, oder wahrscheinlicher der Osterhase.

Ebenfalls fälschlich wurde in der zweiten Zeile champ Mars als “Marsfeld” gelesen. Das geht nun gar nicht. Warum sollten Hase und Wildschwein (ebenfalls ein Frühlingsbote!) sich aufs Marsfeld mitten in Paris verirren und dort eine Rauferei anfangen? Nein, sie tummeln sich schlicht auf dem Lande, um den kühlen feuchten März auszutreiben, damit es endlich richtig Frühling wird.

Warum aber ist der Hase in der zweiten Strophenhälfte so müde und guckt schlaftrunken in den Himmel, wo sich ihm das bedrohliche Bild eines kreisenden Adlers zeigt? Klar: der Hase ist bei Sonnenaufgang (siehe erste Zeile) aufgestanden und hat festgestellt, daß jemand die Uhren verdreht hat. Jetzt packt ihn der Jetlag bei Ohren und Nackenfalte.
Ein Adler? Ein preußischer Reichsadler. Den Wahnsinn mit der Sommerzeit hat nämlich in Europa als erster Kaiser Wilhelm II. eingeführt, zu einer Zeit, als sein Volk grade im “Felde des Mars” unterwegs war, im Frühling 1916. Daher die kriegerischen Assoziationen.
Wilhelm, das olle Trüffelschwein, glaubte ernsthaft, man könnte mittels Uhrenverdrehen Kohlen und Petroleum sparen. Dabei hatte doch Benjamin Franklin nur einen Witz gemacht, als er 1784 den Brief schrieb, auf den sich die “Daylight Saving Time” bis heute beruft. Eigentlich sollten wir uns ja kollegialerweise über diesen globalen Erfolg eines Satirikers freuen. Aber trotzdem – gäääääääääääääääääähn.

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