Mehr als tausend Gründe

blutHaben Sie auch schon Gold gekauft? Wie es am Ende des Regenbogens wirklich aussieht.

Gold ist in aller Munde. Die Anleger flüchten in Gold, heißt es. Die Zeiten sind schwierig, Besserung ist nicht in Sicht: Die allgegenwärtige Krise, zuletzt im Gewande der Schulden- und Währungskrise, wütet unvermindert weiter. Gold aber hat Bestand; es kann nicht wie Papiergeld verzinst oder beliebig in rauen Mengen nachgedruckt werden. Alle wollen ihre Schäfchen ins Trockene bringen: Die Nachfrage ist enorm, die Münzprägereien kommen mit der Produktion kaum nach; mobile Goldhändler tingeln durch die Lande und kaufen alles auf, was glänzt: Zahnersatz, Familienerbstücke, ausgediente Eheringe. Wohlfrisierte Krawattenträger legen uns nahe, unser Vermögen zu soundsoviel Prozent in Gold zu investieren.

Wo das Gold aber herkommt, von wem und unter welchen Bedingungen es abgebaut wird, welche Folgen der Bergbau für Mensch und Natur hat, darüber spricht niemand. Welche Rolle Korruption und Lobbyismus im Goldgeschäft spielen, erzählen einem die Krawattenträger nicht. Warum wird der Goldabbau in Chile kaum besteuert? Warum ist dort oder an Ghanas „Goldküste“ noch immer nicht der Wohlstand ausgebrochen? Warum haben 70 % der Goldminengesellschaften ihren Sitz in Kanada?

Wunderbares Chile

„Im Jahr 1998 geschah etwas Schreckliches. Es regnete heftig oben in den Bergen und das Regenwasser sammelte sich in den Auffangbecken, in denen die Firma Codelco ihre giftigen Abfälle lagerte. Dieses verseuchte Wasser gelangte in den Fluss, der uns mit Trinkwasser versorgt. …. Viele Tiere starben … die Pflanzen gingen ein, weil die Menschen mit diesem Wasser ihre Tiere und Felder getränkt haben. So wurde unser Land verseucht. … Die Menschen, die damals noch hier wohnten, sind fast alle weggegangen. … Dieses Dorf war ein Paradies. Wir hatten alles, was wir wollten: frisches Quellwasser, reiche Ernten … und nun haben wir nichts mehr. Die Menschen sind müde, enttäuscht. Sie haben alle Hoffnung verloren“, erzählt Victor Palape, ein Einwohner jenes Dorfes, am Beginn des Dokumentarfilms Das schmutzige Gold der Anden der Journalistin Carmen Castillo. Das Dorf Quillagua liegt in der Atacama-Wüste im Norden Chiles – 750 km nördlich von Copiapó, welches dieses Jahr durch das Minenunglück und das dazugehörige „Wunder von Chile“ zu weltweiter Bekanntheit gelangte. Dass die 33 Bergleute überlebten, dürfte angesichts der Zustände in der bereits wegen grober Sicherheitsmängel zweimal geschlossenen, aber immer wieder eröffneten Mine übrigens tatsächlich an ein Wunder grenzen.
In derselben Wüste, im Süden, plant der kanadische Bergbauriese Barrick Gold das Minenprojekt Pascua Lama. Hier, im Stammesgebiet der Diaguita-Indianer (deren Besitzanspruch zwar bereits im 18. Jahrhundert anerkannt, 1997 aber um 40 % gemindert wurde, da das Volk als ausgestorben galt), soll auf fast 5.000 Metern Gold abgebaut werden. 17,8 Mio Unzen Gold und 718 Mio Unzen Silber sollen hier lagern. In den nächsten fünf Jahren will man jährlich zwischen 750.000 und 800.000 Unzen Gold abbauen.
Hierzu sollten sogar drei Gletscher umgesiedelt werden, was zur Zerstörung eines komplexen Ökosystems und einer jahrtausendealten Kultur geführt hätte; als sich unter den rund 70.000 Talbewohnern, die von dem aus den Gletschern gespeisten Huasco-Fluss mit Wasser versorgt werden, Widerstand regte und der Protest allmählich internationale Ausmaße annahm, änderte Barrick Gold seine Pläne und verlegte die Mine um einige Kilometer. Vielleicht hatte man auch eingesehen, dass man einer Wolke nicht anschaffen kann, wo sie ihren Schnee fallen lassen darf.

Eine Tonne Stein gegen ein Gramm Gold

Um ein Gramm Gold zu erhalten, müssen im Schnitt ein bis zwei Tonnen Fels und Gestein gesprengt, gespalten und getrennt werden (für einen Ehering von ca. 10g also etwa bis zu 20t); danach wird eine Zyanidlösung aufgebracht, welche das Edelmetall aus dem Gestein löst; das Gold wird später durch elektrochemische Prozesse extrahiert. Neben giftigem Staub entstehen auf diese Weise Unmengen an toxischem Abraum und Abwasser, das meist in Auffangbecken gesammelt wird oder auch einfach in Flüssen, Seen und Meeren entsorgt wird, wodurch sämtliches Leben im Wasser vernichtet wird. Hierzu existieren neben dem eingangs erwähnten zahlreiche Beispiele, hier nur einige: In Nord-Chile entsorgte Codelco regelmäßig Abfall in einer Bucht und vernichtete damit die lokalen Fischbestände; die Bewohner des nahegelegenen Fischerstädtchens Chanaral verloren ihre Existenzgrundlage und verklagten die Gesellschaft. In einer Mine in West Papua, die an der Grenze zum Lorentz-Nationalpark liegt, werden täglich 110.000 Tonnen toxischen Abraums im Ajikwa-Fluss entsorgt; wenn die Mine in 30 Jahren geschlossen wird, ist ein 230 km² großes Loch in den Wald gegraben. In Baia Mare in Rumänien gelangten nach einem Dammbruch 100.000 Tonnen Zyanidabfall in die Theiß und in der Folge in die Donau. 1.240 Tonnen Fisch wurden getötet, das Trinkwasser von 2,5 Mio Menschen verseucht. Die verantwortliche Esmeralda Exploration Ltd konnte die Kosten für Wiedergutmachung nicht bezahlen.

blutIm Namen des Fortschritts

Barrick Gold unterzeichnete für Pascua Lama ein Protokoll, das den Schutz der Umwelt gewährleisten soll. Im Fall einer Verschmutzung wird der Abbau sofort gestoppt. Damit, und mit dem Versprechen, der Bevölkerung Arbeitsplätze, Schulen sowie Krankenhäuser zu bringen, und vor allem endlich den Fortschritt, der laut Konzernchef Peter Munk zwar nicht umsonst, aber ohnehin nicht aufzuhalten sei, und schließlich mit einem 60-Mio-USD-Vertrag, konnte das Unternehmen einen lokalen Bauernverband überzeugen und mit ihm ein Abkommen unterzeichnen, das nun über das Schicksal einer ganzen Region entscheidet. Natürlich strebe man eine Unfallquote von 0 % an, so ein Konzernsprecher. Ob das Wasser für alle reicht, werde die Zeit zeigen. Jedenfalls trage der Bergbau zur Verbesserung der Lebensbedingungen und Schaffung von Wohlstand in der Region bei. Ein gutes Argument in einem Gebiet mit 17 % Arbeitslosigkeit und unzureichenden Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Dass die Indianer nicht mehr so leben können wie früher, sei vielleicht für einige schmerzhaft. Im Gegenzug können Tausende ihre Kinder zur Schule schicken und sich eine Zukunftsperspektive aufbauen – für eine Zukunft, die sich wohl an Begriffen wie Produktivität, Rentabilität und Wettbewerb zu orientieren hat.
Bergbauprojekte werden häufig damit gerechtfertigt, dass sie dem Land Wohlstand bringen; dabei profitieren rohstoffreiche Schwellen- oder Entwicklungsländer kaum, wie 1995 aus einer Studie der Harvard-Experten Sachs und Warner hervorging: Demnach ist die Wachstumsrate pro Kopf umso niedriger, je höher die Abhängigkeit von den Exporten ist; das Phänomen ist als „resource curse“ bekannt. Die Investitionen in den Bergbau gehen oft zu Lasten differenzierterer Sektoren wie Landwirtschaft und Handwerk. Zudem wird meist nur das Rohmaterial exportiert; durch Verarbeitungsprozesse könnten aber der Wert gesteigert und mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Bergbau ist keineswegs der Jobmotor, als welcher er angepriesen wird: Zum einen handelt es sich meist um unsichere Anstellungen, andererseits werden Arbeitsplätze zunehmend durch den Einsatz moderner Technik verdrängt.
In Chile stieg das BIP pro Kopf zur Freude von IWF und Weltbank zwar in den letzten 15 Jahren um durchschnittlich rund 4,1 %, und Chile fand sogar Aufnahme in die OECD. Verschuldung und Arbeitslosigkeit sind jedoch noch immer allgemeine Phänomene – 80 % der Haushalte in Santiago können ihre laufenden Kosten nicht aus den Einkünften decken. Dazu muss festgehalten werden, dass ausländische Bergbauunternehmen trotz großer Profite kaum Steuern an den Staat zahlen. Bis vor 1,5 Jahren zahlten sie de facto gar keine Steuern, da solche nur für deklarierte Gewinne eingehoben wurden – interessanterweise machte kaum ein Unternehmen Profit!
2006 stimmte die Nationale Umweltkommission Chiles (CONAMA) dem Pascua Lama-Projekt zu. 2010 erfolgten erste Bohrungen. Die Proteste halten an. Und Peter Munk wehrt sich empört gegen die ungerechte Debatte: Da schaffe man Millionen Jobs und neue Perspektiven und ernte nur Kritik und Undank!
Dabei sind die Konzerne durchaus an Widerstand gewöhnt; nicht nur wegen der Umweltschäden: Enteignungen und gewaltvolle Vertreibungen ländlicher bzw. indigener Bevölkerungen sind keine Seltenheit. Diese Leute genießen weder politischen noch rechtlichen Schutz, ihr Land wird von der Regierung einfach an die Unternehmen verkauft. In den Bergbausiedlungen kommt es häufig vermehrt zu Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Prostitution, häuslicher Gewalt und hoher Kriminalität. Besonders betroffen sind Frauen, da diese oft weder in Entscheidungen eingebunden werden noch Entschädigungen für die Aufgabe ihres Wohnsitzes erhalten und in den Minen zudem keine Arbeit finden, sodass die Abhängigkeit von Ehemännern und männlichen Verwandten steigt. Dazu kommen schwere gesundheitliche Belastungen: Die Arbeit in den Minen begünstigt Atemwegserkrankungen wie Tuberkulose, Asthma oder Lungenkrebs; Zyanid- und Schwermetalleintragungen im Trinkwasser führen zu Vergiftungen. Jährlich sterben außerdem 15.000 Minenarbeiter durch Steinschlag, Stolleneinbrüche oder Brände. Gewerkschaften sind in einigen Ländern sowieso verboten und wo sie erlaubt sind, ist ihre Organisation oft schwierig, da diese von manchen Arbeitgebern aktiv unterbunden wird; in Kolumbien etwa gipfeln die Einschüchterungen zuweilen sogar in Mord.

blutEldorado Kanada

70 % aller Bergbauunternehmen haben ihren Sitz in Kanada. Nicht ohne Grund: Erlaubt es ihnen die dortige Gesetzgebung doch, ohne Rücksichtnahme auf Menschenrechte oder ökologische Konsequenzen im In- und Ausland nach Bodenschätzen zu schürfen. Erst Ende Oktober diesen Jahres wurde im kanadischen Parlament über ein Gesetz abgestimmt, das die Unternehmen zu mehr Corporate social responsibility (CSR) verpflichten sollte; bei Verstößen würde die Streichung öffentlicher Gelder drohen. Das unter dem Namen Bill C-300 bekannte Gesetz wurde mit 140 zu 134 Stimmen abgelehnt, zur Erleichterung der Lobby: Ein solches Gesetz hätte ohne Zweifel wichtige Projekte verzögert. Barrick Gold-Chef Munk hatte gar befürchtet, dass viele Unternehmen aus Kanada abwandern und solchen Platz machen, deren CSR-Standards noch niedriger sind; was schwer zu glauben ist, wenn man wie die PDAC (Prospectors and Developers Association of Canada) davon ausgeht, dass die Standards nirgends niedriger sind als in Kanada.
Mehr als tausend Gründe wiegt des Goldes Macht, wie schon der alte Euripides seine Medea feststellen ließ. So absurd der betriebene Aufwand auch erscheint, so hoch die Kosten für Mensch und Umwelt sind, für die Bergbauunternehmen zahlen sich angesichts des steigenden Goldpreises (Anfang November durchbrach er gar die Marke von 1.400 UDS je Unze) weitere Investitionen in den Ausbau ihrer Projekte aus. Nicht der Bedarf der Industrie steht dahinter; dieser Anteil liegt bei gerade 11 % – sondern des Menschen Furcht und Gier, und sein Streben nach Luxus.

Interessant:

Das schmutzige Gold der Anden. Dokumentarfilm von Carmen Castillo (F/Chile 2010)
Gold über alles (Tout l’or du monde). Dokumentarfilm von Robert Nugent (F/Australien 2007)
http://nodirtygold.org
http://protestbarrick.org
http://www.minesandcommunities.org

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