Michael Hampes naturphilosophische Betrachtungen

Tunguska

Der Zürcher Philosophieprofessor Michael Hampe hat ein neues Werk vorgelegt. Und es ist ein durch und durch eigenartiges Buch. Denn es spielt geschickt mit den Erwartungen der Leser. „Tunguska“ heißt es. „Oder das Ende der Natur“. Das Cover zeigt ein auf Grund stehendes Boot in einem versteppten Gebiet – soll das Anspielung auf den Aralsee sein? Dadurch Sinnbild unseres problematischen Naturbezuges?

Der Titel Tunguska verweist auf ein Naturereignis in Sibirien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, für das es noch immer keine eindeutige wissenschaftliche Erklärung gibt. Will Hampe uns neue Beweise für eine der bestehenden Theorien liefern, oder stellt er seinen eigenen Zugang zum Geschehen dar? Oder ist er gar ein verkappter Apokalyptiker, der mit der Trias Titel, Untertitel und Cover unkt: „Unser aller Ende ist nah“? So recht kann man das auch nicht beantworten, wenn man ins Buch hineinliest. Viele Motti stiften eher noch mehr Unsicherheit und Verwirrung.


Das Totengespräch

Dann beginnt der erste Teil, der ein „Totengespräch“ sein will. Von fünf Elementen (waren es nicht immer vier?) ist die Rede, jedem Kapitel ist ein Element zugeordnet (das fünfte Kapitel heißt opak „Quinta Essentia“ und macht neugierig). Den Anfang macht Hampe mit dem Element „Wasser“. Von Blauwalen, der unbekannten Tiefsee ist da die Rede. Dann geht es über Containerschiffe – aus der Flugperspektive eines Albatros. Und hierbei blitzt Hampes schelmische Art auf, die das ganze Buch durchzieht. Die immer wieder in Klammern auffindbaren hinterfragenden Einwürfe sind gewitzt und regen zum Weiterdenken an. Was hat es aber nun mit dieser MSC Norach auf sich, deren Container Hampe wie folgt beschreibt: „Aus der Perspektive eines hoch in der Luft segelnden Albatros sehen diese Container aus wie gestapelte Särge. Doch sie sind viel größer. Im Inneren eines jeden von ihnen könnten fünfundzwanzigtausend Kilogramm Fracht geladen werden. Nimmt man als Durchschnittsgewicht von Toten sechzig Kilogramm (die Babys, die leichten Kinder und Greise mit den schweren Athleten und den dicken Politikern verrechnend) so hätten 6 666 666  Tote Platz an Bord der Norach.“

Die Philosophen

Hampe genügen vier sich allmählich auflösende tote Wissenschaftler, die er an diesem Nichtort ansiedelt. Sie begegnen einander an Deck, sitzend – bezeichnenderweise im Nebel – und können nicht mehr viel anfangen mit ihren Leibern. Aber für ein Gespräch reichen die Kräfte der vier schlauen Gesellen mit den andeutungsreichen Namen (v.a. „Blackfoot“ macht grinsen) noch. Wer etwas philosophisch beschlagen ist, kann sich denken, wer mit Bordmann und (das ist am leichtesten) Feierabent gemeint sein muss. Wem das Wiedererkennen nicht auf Anhieb gelingt, dem reicht Hampe zum Beschluss noch eine Erklärung mit weiterführender Literatur nach. Und diese Herren reden – das erste Titelversprechen wird eingelöst – über Tunguska. Der Leser erfährt nun alles über die Ereignisse im Jahre 1908 und die populärsten und ernstzunehmensten Erklärungsansätze. Geschickt legt Hampe den Naturphilosophen fiktive aber glaubwürdige Positionen zum Tunguska-Ereignis in den Mund und erfreut sich am Spiel des in fremden Zungen Redens.

„Die“ Natur

Tunguska, so dämmert es dem Leser, ist in seiner einmaligen Ereignishaftigkeit „nur“ Anlass, naturphilosophische Positionen darzustellen – und deren Begrenztheiten aufzuzeigen. Unser nur auf Kausalitäten beruhendes „Natur-Wissen-Schaft(schafft es Wissen?)s-Verständnis(was haben wir dann verstanden?)“ wird problematisiert. In Einheit Untertitel und des Wissenschaftstheoretikers Paul Feierabends Rede wird klar, dass es M. Hampe um den Natur-„Begriff“ geht, dessen Ende gekommen sein sollte. Denn dessen Verwendung ist seines Erachtens einschränkend und irreführend. „Die Naturphilosophie als Denken über Natur überhaupt wird als eine Spielart des die Vielfalt der Wirklichkeit verdeckenden ‚Seinsdenken‘ in Frage gestellt.“

Die Zugänge

Doch wie kann man nun Natur jenseits unserer gewöhnlichen Herangehensweise verstehen? Dies zeigt Hampe im zweiten Teil seines Buches, den er „Geteilte Natürlichkeiten – ein naturphilosophischer Versuch“ überschreibt. Hier findet der Leser viele spannende Hinweise auf die Trennung zwischen Reich der Natur und Reich der Gründe sowie Konsequenzen dieser bis auf Sokrates zurückverfolgbaren Trennung von Untrennbaren. Die gelungenen und gewohnt präzisen Anmerkungen lenken unseren Blickwinkel auf Sprachgebrauch, Leiblichkeit, Technik, Ent-/Begrenztheit und verändern den gängigen seinsgewissen Zugang. Diese Betrachtungen Hampes lesen sich trotz Voraussetzungen und großer Inhaltsdichte (sowie der generellen Anstrengung bei bislang Ungedachtem, Philosophischem eben, mitzugehen) leichter als das Totengespräch. Denn hier ist ganz klar, was Hampe sagen will. Für all diejenigen, denen sich der Zusammenhang nicht auf Anhieb erschließt, ist das Nachwort ein dankbarer (notwendiger) Leitfaden. Hier löst Hampe übrigens auch auf, was er unter den drei „Enden der Natur“ versteht.

Das Fazit

In Summe ist „Tunguska“ ein „großes Denk- und Lesevergnügen“, wie es schon die Hansersche Werbetrommel verheißt. Das (halbwegs) beschlagene Fachpublikum bedenkt dankbar Hampes Plädoyer für die Postion des Nominalismus – der interessierte Laie kann viele Positionen zu etwas vermeintlich Klarem wie der Natur kennen lernen und einen Einblick gewinnen, wie das philosophische Geschäft des Definierens und Annäherns an Phänomene funktioniert. Das Naturverständnis der Leser wird in jedem Fall ein erweitertes, vielleicht sogar ein anderes sein – also lohnt die Lektüre außerordentlich!
                      
Buch:
Michael Hampe: Tunguska oder Das Ende der Natur, Hanser Verlag , 2011.
ISBN: 978-3446237674

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