Migration macht Gesellschaft

Migration (von latein. migratio „Wanderung“) bezeichnet in soziologischer Hinsicht jeden längerfristigen Wohnsitzwechsel einzelner oder vieler im geographischen und sozialen Raum. Wesentliche Faktoren für diesen Entschluss sind beispielsweise bessere Wohn- und Arbeitsverhältnisse, höhere Löhne, Sicherheit und demo­kratie­politische Aspekte oder persönliche Motivationen.

Der aktuelle Wiener Wahlkampf ist eingeläutet und Straches FPÖ hetzt in altbekannt blauer Manier mit „Mehr Mut für unser Wiener Blut. Zu viel Fremdes tut niemandem gut.“ Diese rassistische Kampagne sollte ein dunkelrotes Warnsignal für die österreichische Politik sein, um dem konstruierten „Feindbild Migration“ einen Riegel vorzuschieben und diese besorgniserregenden Entwicklungen öffentlich zur Sprache zu bringen.

Vom „Wir sind Wir“

Österreich ist ein klassisches Einwanderungsland. Jeder fünfte Mensch hat einen direkten oder indirekten Migrationshintergrund. Experten zufolge wird es in einigen Jahren einen Wettbewerb um gut qualifizierte Migranten geben.
Migration ist ein natürliches Phänomen, das seit jeher existiert. Ökonomisch betrachtet fördert eine aktive Zuwanderungspolitik das wirtschaftliche Wachstum und sorgt für Aufschwung. Zudem würde es ohne Zuwanderung in vielen Bereichen zu schweren Engpässen kommen, wie beispielsweise im Gesundheitswesen, in der Bauwirtschaft oder in der Finanzierung des ohnehin angeschlagenen Pensionssystems. Sie sichert somit gesamtgesellschaftliche Strukturen und bildet eine soziale Notwendigkeit. Doch aufgrund der Diversität und unzureichender politischer Sanktionen gibt es nach wie vor Probleme. Man diskutiert über die „Ausländerfrage“ und spricht von Zuwanderungsströmen, während positive Faktoren wie kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt in den Hintergrund treten.

Befremdliche Moral

Das Hauptproblem liegt in der Polarisierung zwischen den angeblich homogenen Gruppen von In- und Ausländern. Bei „uns“ muss man sich integrieren. Die „Fremden“ müssen unsere Kultur als gegeben anerkennen. Wir bringen ihnen Toleranz entgegen, aber sie müssen sich an unsere Regeln halten. Toleranz scheint jedoch nicht auszureichen, denn es fehlt an Akzeptanz und Respekt gegenüber Migranten.
MigrationDas „Fremdeln“ entsteht aus Unsicherheit an der eigenen Identität. Die Angst, dass durch Überfremdung und Massen­zu­wanderung gefährliche Parallel­gesell­schaften entstehen, nut­zen radikale Gruppierungen immer wieder als Nährboden für Sticheleien und Hetze. Die Themen Migration und Inte­gration werden nach wie vor politisch instrumentalisiert. Man erinnere sich an Wahlplakate der FPÖ mit Slogans wie „Pummerin statt Muezzin“ und „Daham statt Islam“ oder jenem des BZÖ mit der Aufschrift „Wir säubern Graz“.
Um eine gelungene Integration zu fördern, ist der Schutz und die Anerkennung unter­schied­lichster kultureller Werte vonnöten und kein Platz für dominanten Patriotismus und falschen Nationalstolz. Immer wieder wird konstatiert, dass Migranten über soziale Defizite verfügen. Diese Argumentation verliert schnell an Boden, wenn man die Lage am Arbeitsmarkt näher betrachtet. Viele Migranten arbeiten in unterfordernden Positionen und leiden an Dequalifikation, da ihre Ausbildung in Österreich nicht als gleichwertig anerkannt wird. Durch segregative Methoden wie befristete Arbeitsverträge und fehlenden Versicherungsschutz kommt es zu prekären Arbeitsverhältnissen. Unter diesen Bedingungen kann man keine sichere Existenz aufbauen. Es fehlt an Gerechtigkeit. Wie soll eine gelingende Integration stattfinden, wenn keine Chancengleichheit gegeben ist?

Projekt Integration

Eine der wenigen österreichweiten Anlaufstellen, die sich für das Recht von Opfern und Zeugen diskriminierender Vorfälle einsetzt, ist ZARA: Zivilcourage, Antirassismusarbeit. Diese Organisation, die von Studenten gegründet wurde, gibt es seit nunmehr zehn Jahren. Zu ihren Aufgaben gehört die Dokumentation von Ungerechtigkeiten im öffentlichen Raum auf Basis nationaler Identitäten.
Migranten haben, wie der alljährliche Rassismusreport von ZARA belegt, nach wie vor mit Ungleichheiten zu kämpfen. Sei es am Arbeitsplatz, am Wohnungsmarkt oder im öffentlichen Bereich. Betroffene berichten von Wohnungsinseraten, die ausländische Mieter oder Menschen mit dunkler Hautfarbe ausschließen, oder Jobinseraten, in denen das Kürzel „nur Inländer“ prangt. Es wird berichtet, dass Klienten nicht in Geschäfte oder Lokale gelassen, oder einfach nicht bedient werden. Zudem kommt es zu verbalen Beschimpfungen und körperlichen Attacken gegenüber Migranten, die von ZARA angezeigt werden und in einzelnen Fällen ein Gerichtsvefahren nach sich ziehen. Rechtliche Schritte sind jedoch nicht immer möglich, da viele Betroffene ihren Fall lediglich dokumentiert wissen wollen. ZARA versucht in erster Linie als Ansprechpartner zu fungieren und Bewusstseinsarbeit zu betreiben, denn die Tendenz zur Verharmlosung hat sich bereits in der Gesellschaft manifestiert und schafft ein fruchtbares Klima für radikale Meinungen.
Diese und andere Organisationen, wie beispielsweise Ute Bocks Flüchtlingsprojekt, „SOS Mitmensch“ oder die Plattform „no-racism.net“, setzen sich – mit oftmals bescheidenen finanziellen Mitteln – für die strikte Um- und Durchsetzung der Menschenrechte ein. Egal ob Inländer, Ausländer, Migranten, Asylanten, Frauen oder Männer – der Mensch steht im Vordergrund.

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