Mittleres Dutzend, schwarz, ungerade

„Точно: мелкая корысть и крупная корысть – не всё равно. Это дело пропорциональное.“

„Warum hat Goethe den Werther geschrieben?“ „Er hat schon den Vorschuß vom Verleger darauf gehabt, da hat er ihn doch auch schreiben müssen; und das Geld hatte er schon längst ausgegeben.“ – Im Fall des Werther war das boshafte Häme von Egon Friedell. Dostojewskijs Spieler (Игрок, Erstdruck 1867) wurde aber wirklich so geschrieben; und das Geld war nicht vielleicht versoffen, sondern verspielt, beim Roulette – womit nicht nur der Entstehungsgrund, sondern auch der Inhalt des „Romans“ (eher Novellchens) und seiner wenigen halbwegs lebensnahen Szenen zusammengefaßt ist.

„Geschrieben“ ist übrigens der falsche Ausdruck. Der Text wurde vom Autor gar nicht geschrieben, sondern in einer 26tägigen Marathonsitzung diktiert – der Stenographin Anna Snitkina, die Dostojewskij nur Monate später heiratete; gewiß die beste Entscheidung in seiner Schriftstellerlaufbahn, denn bezahlen hätte er sie auf die Dauer nicht können. Snitkinas Anteil an Dostojewskijs literarischem Schaffen ist noch gar nicht genügend erforscht: außer für Orthographie, Interpunktion und grammatische Richtigkeit sorgte sie bestimmt auch für erträgliche Syntax und einigermaßen humane Einteilung seines Wortschwalls in Absätze. Trotzdem: er selbst las das Produkt sicher kein zweites, wahrscheinlich kaum ein erstes Mal vor dem Druck, und daher ist Dostojewskij-Stilfehler sammeln bis heute ein Volkssport literater Russen, man kann davon Listen anlegen wie von Blondinenwitzen. Unnütze, immer wieder gleiche Adverbien, Wortwiederholungen, unangekündigte Sprünge zwischen schnoddrigem Slang und Phrasen der „feinen“ Gesellschaft – praktisch kein Übersetzer kann mit seinem Selbstrespekt vereinbaren, so etwas unausgebügelt wiederzugeben, darum ist Dostojewskij einer der ganz wenigen Autoren, die man besser nicht im Original liest.
Schon die frühesten Kritiker merkten an, daß Dostojewskijs Figuren kein Gesicht haben, sie bestehen eigentlich nur aus Namen. Noch ärmer ist der „General“ (der nie einer war) im Spieler: er hat nicht einmal einen Namen, jedenfalls erfahren wir ihn nicht, selbst die Frau, die ihn im 16. Kapitel heiratet, merkt ihn sich nicht. Sie – „Mademoiselle Blanche“ – ist übrigens die einzige, deren Äußeres beschrieben wird, aber so, daß man nachher auch nicht weiß, wie sie aussieht. Schön und beängstigend soll sie sein – wer im 3. Kapitel die Beschreibung nachliest, verliert sich in nichtssagenden Adjektiven wie „formidabel“, „einmalig“ und dazu ein paar unattraktiven Details.
Vielleicht ist ja das Innenleben der Personen wichtiger. Aber haben sie denn eines, ein halbwegs menschliches? Wie sie alle offenbar nichts zu tun haben außer palavern, Roulettespielen und Unfug – leben kann man ja davon, daß man angeblich ein General oder Marquis ist, und wer etwas arbeitet, geniert sich dafür – so haben sie auch keinen nennenswerten Charakter. Die einzige ehrliche Person ist die Großmutter, die in ihrer Altersdemenz zugibt, keinen zu haben. Alle Frauen (außer Marja Filippowna) sind kindisch und dirnenhaft, die Männer Gauner und Hochstapler, und wer das Unglück hat, kein Russe zu sein, wird auf ein Nationalklischee reduziert: der Franzose ein schmieriger Schweinehund, der Brite ein Byronscher Halbvampir. Überhaupt nehmen die Klischees überhand, überwuchern sogar das letzte bißchen ernstzunehmende Gesellschaftskritik: wo der Erzähler im 4. Kapitel zu einem humorvollen Kapitalismus-Exposé ausholt, wird dann doch nur eine Schimpftirade über die Deutschen draus. Die einzigen Figuren, die ein bißchen Leben in sich haben, sind der Erzähler Alexej und die neurotische Polina Alexandrowna; sie sind fast so real wie Karikaturen. Das liegt daran, daß sie welche sind: leicht verzerrte Abbilder des Autors und der von ihm verehrten Apollinaria Suslowa. Sie haben zu ihren Handlungen ein ehrenwerteres Motiv als die übrigen Erbschleicher und Schmutziane: sie sind einfach geisteskrank.
Wäre wenigstens der Plot durchdacht, ginge alles noch an; schemenhaft sind die Figuren ja auch bei Agatha Christie. Aber es gibt kaum einen, und selbst der verlangt vom Autor Gewaltakte. Damit Alexej zum Schluß rettungslos dem Spiel verfallen kann, mußte die eine Person aus der Geschichte verschwinden, die ihm wahrscheinlich geholfen hätte: des Generals sympathische Schwester Marja Filippowna. Wie verschwindet sie? Am Ende des 6. Kapitels ist sie plötzlich nach Karlsbad gefahren (statt, wie es vorher hieß, nach Rußland), und der Autor hat sie da vergessen – aber der Leser braucht schon jede Menge Wodka, um sie bis zum 17. Kapitel so gänzlich aus seinem Gedächtnis zu streichen. (Überhaupt die Geographie. Das „Roulettenburg“, in dem ein Großteil der Geschichte spielt, ist so vage umrissen, daß sich bis heute Wiesbaden und Bad Homburg darum streiten, es zu sein – obwohl Bad Homburg im Text als ein anderer Ort bezeichnet wird.) Man könnte sagen, ein Handlungsstrang mit so vielen offenen Enden wäre eine meisterliche Wiedergabe der Lebenswirklichkeit. Wäre er auch, wenn er mit Absicht und Reflexion so gezeichnet wäre, statt im Dahinbrabbeln einfach zu passieren: natürlich ist das Chaos ein gutes Bild des Chaos.
Was als Kern übrig bleibt, sind treffende Skizzen der Gemütsverfassung eines Spielsüchtigen am Casinotisch, zwischendurch auch der seltsamen seelischen und körperlichen Zustände eines Epileptikers – realistisch, weil sie von einem Betroffenen stammen und in keiner Weise literarisch zurechtgeschliffen sind. Man sollte wohl vor Dostojewskijs Biographie respektvoll schaudern und zugestehen, daß ein Kranker in einer kranken Zeit schwerlich gesunde Literatur produzieren kann. Und anschließend kann man Der Spieler angehenden Psychiatern und Nervenärzten zur Lektüre empfehlen, als Fallstudie. Daß es andere Leute auch lesen sollten, daß es gar ein Klassiker wäre, den man gern immer wieder liest – nööööööööööööö.

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