Money Magic

Okkulte Ökonomien in Zeiten eines millenialen Kapitalismus

Schon vor der Jahrtausendwende machten die beiden Anthropolog_innen Jean und John Comaroff in ihrer Heimat Südafrika eine Entdeckung. In der Presse überschlugen sich zu dieser Zeit die Berichterstattungen von Zombies, die plündernd durch das Land zogen. Es hieß, die Untoten wurden durch die Kraft der Hexerei ins Leben zurückgeholt, um nun sklavische Dienste für ihre Meister zu verrichten und ihnen übermäßigen Reichtum zu bescheren. Den geschulten Augen der Comaroffs entging nicht, dass die Zombies in einem Land, in dem Totenkulte dem kulturellen Gedächtnis angehören, als Indikatoren für ein völlig anderes, viel weitreichenderes Phänomen dienten.

Als Projektion weltlicher Sorgen finden sich die Gegenstücke zu Heerscharen Untoter in jenen Arbeitsverhältnissen, in denen Menschen zur reinen Arbeitskraft degradiert werden: wehr- und willenlose Instrumente der Produktion, die nach getaner Arbeit in ihren Hütten verschwinden, um dort kurz zur Ruhe zu kommen, während eine Handvoll Wissender ihr Vermögen auf scheinbar magische Art und Weise vervielfachen kann.

Ein Messias, der Dividenden zahlt

Die auffällige Häufung scheinbar übernatürlicher Phänomene lässt sich auch in anderen Sphären okkulter Ökonomien beobachten. Da wären Tarotkartenleger, die immer häufiger mit Fragen nach Spielglück und Investitionen betraut werden, oder die brasilianische Befreiungskirche Igreja Universal do Reino do Deus, welche protestantische Ethik mit Firmenausrichtung und Urbanität verbindet. Über Massenmedien wird den Investoren vermittelt, dass sich bei Eintreffen des Messias mit sofortiger Wirkung der finanzielle Wohlstand einstellt. Auch in der sibirischen City of Sun tauschen die Anhänger ihr gesamtes Eigentum gegen die Möglichkeit ein, bei den Vorbereitungen für die Rückkehr des Erlösers mitzuarbeiten, und in manchen afrikanischen Dorfkirchen ähnelt die kirchliche Praxis jener neoliberaler Firmen. Auch dort wird der Gläubige zum Konsumenten und kann Kuren gegen Armut und Medizinen gegen Arbeitslosigkeit erwerben. In profaneren Bereichen des Lebens dominiert ebenfalls der Glaube an die Heilsversprechungen des Neoliberalismus, der allen Wohlstand sichern soll. Nicht von ungefähr erlangen Pyramidensysteme und Aktienspekulationen traurige Popularität. Die Gläubigen warten nicht auf einen Messias, der Frieden bringt, sondern auf einen, der Dividenden zahlt.
Die Hoffnung auf messianische Erlösung durch die Kraft des Neoliberalismus ist die Folge einer tiefen Verunsicherung. Seit Anfang des neuen Jahrtausends, als die Unterscheidung zwischen Finanzwelt und Realwirtschaft populär wurde und der Finanzsektor öffentlich als irreale, nur schwer fassbare Sphäre wahrgenommen wird, scheint es unmöglich, einer apokalyptischen Idee zu widerstehen. Auch heute, nach Bankenkrisen, Staatsbankrotten und Umschuldungen, scheint der Untergang des Systems näher denn je zuvor. Doch die Tage undurchsichtiger Finanztransaktionen als Quelle schnellen Reichtums sind wohl noch lange nicht gezählt. Zu hartnäckig hält sich ein System, das den Wenigen großen Wohlstand garantiert.

Die Welt – ein Kasino

Die Welt sei ein globales Kasino geworden, meinte der alternde Fidel Castro einmal in Anbetracht der Auswüchse des neoliberalen Kapitalismus. Er scheint Recht behalten zu haben. Wurde Glücksspiel bisher vor allem an liminalen Orten praktiziert und galt es bislang als unmoralisch, den Lebensunterhalt aus solchen Ge­winnen zu bestreiten, hat sich diese Auffassung innerhalb einer einzigen Generation gewaltig verändert. Noch bis vor Kurzem als soziale Krankheit verworfen, ist Glücksspiel zu einer vollkommen anerkannten und gängigen Praxis geworden, um Kapital zu vermehren. Der Traum der Alchemie ist wahr geworden. Papier lässt sich scheinbar problemlos in Geld verwandeln.
Doch obwohl dieser Gedanke viele in ihren Bann zieht, scheint die Magie der Alchemie nur einer Handvoll Mächtigen bekannt zu sein, die dieses Geheimnis mit größter Vorsicht hüten. Die davon Ausgeschlossenen, nämlich all jene kasten- und mittellosen Gambler, die weder über Kapital noch über ein Netzwerk an Informanten verfügen, versuchen ihr Glück eben auf andere Weise und vertrauen haltlosen Versprechen, getätigte Investitionen in kürzester Zeit verdoppeln zu können. Niemand möchte schließlich von den Heilsversprechungen des Neoliberalismus ausgenommen sein. Egal, ob es sich um die Ankunft eines Messias, um Pyramidensysteme oder Börsenspekulationen handelt, die Motivation geht immer von derselben Idee aus: Geld aus dem Nichts zu schöpfen. Interessant, dass gerade in einer Zeit vorherrschender Hyperrationalität ein Finanzsystem aufrechterhalten wird, welches seine Existenz dem reinen Vertrauen in die Wahrscheinlichkeit verdankt.
Die Comaroffs hatten die Bedingungen des neuen Jahrtausends schon vorab erkannt und sie wegen ihrer messianischen Züge in Form neoliberaler Wohlstands- und Heilsversprechungen „Millenial Capitalism“ getauft. Die Neoliberale Politik hatte einige Komplementaritäten aufgeworfen, die nur schwer miteinander vereint werden können. Während auf der einen Seite der Ruf nach immer rigiderer Verfolgung von Gesetzen und Pflichten laut wurde, rückt gleichzeitig die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt. Die Forderung nach einem vollständigen Liberalismus begleitet der Ruf nach staatlichem Eingreifen und rationale Selbstdarstellung tritt gepaart mit hochspekulativen Aktiengeschäften und okkulten Praktiken auf.

Sinnstiftende Existenz

Natürlich hängt die Popularität des Glücksspiels auch mit der Krise zusammen, in der sich die Arbeit befindet. Das Zusammenspiel von Produktion, Arbeit, Wertschöpfung und Identität hat sich verändert. Arbeit hat ihre Anerkennung als Ausgangspunkt eines Wertschöpfungsprozesses verloren. Der Erfolg des Kasinokapitalismus machte glaubhaft, dass der Markt gänzlich ohne menschlichen Input und völlig losgelöst vom menschlichen Tun Wert generieren kann. Die Beziehungen zwischen Produktion und Konsum sowie zwischen Arbeit und Kapital haben sich verändert. Die transnationale Elite hat vor allem Interesse an globalen Kapitalformen, die ohne Beziehungen zu jeglichen lokalen oder staatlichen Institutionen funktionieren. Als international agierende Klasse kann sie sich den lokalen Loyalitäten und Gesetzgebungen entziehen. Es kommt zu einer Distanzierung der Arbeit von einem spezifischen Ort und damit von sozialmoralischem Druck. Arbeitskraft wird günstiger, indem sie von der direkten Konfrontation mit den zivilen Verpflichtungen losgelöst wurde. Wird sie jedoch aus ihrem menschlichen Kontext gerissen, geht ihr formatives Erlebnis, also sich selbst sowie Kultur und Gemeinschaft zu reproduzieren, verloren. Die arbeitende Bevölkerung wird zu rein organischen Körpern, die weder Geschichte noch Identität tragen, sondern allein durch ihren Konsum die Produktion steigern sollen. Menschen werden nicht mehr als Produzenten, sondern vor allem als Konsumenten wahrgenommen. Die postmoderne Person ist aus Objekten gemacht. Die eigene Arbeit verliert ihre Bedeutung als Ort, an dem Identitäten erzeugt werden. Personen konzipieren sich radikal individuell. Gleichzeitig verliert der Nationalstaat innerhalb der wirkenden Kräfte eines globalen Marktes an Einflussnahme. Einerseits weil sich Kapital unkontrollierbar stets dorthin bewegt, wo es ein Optimum an Voraussetzungen und Vorteilen sieht, andererseits weil auch die globale Arbeitskraft immer mobiler wird und sich der Aufsicht des Nationalstaates entzieht. Das globale Kapital ist in einer Position, in welcher es Änderungen in staatlicher Politik verlangen kann. Gleichzeitig schwindet die Kapazität des Nationalstaates, den Wohlstand innerhalb seiner Grenzen zu halten. Die verzweifelte Suche nach sinnstiftender sozialer Existenz findet ihren deutlichsten Ausdruck schließlich in der Beschwörung der Zivilgesellschaft. Sie soll das Vakuum füllen, das durch das neoliberale Bestreben entstanden ist, Gesellschaft durch Markt zu ersetzen. Mehr als kleine Lücken und Risse zu kitten, darf man aber von privaten Initiativen und sozialen Bewegungen nicht verlangen. Staaten müssen sich ihrer Verantwortung gegenüber allen Teilen der Bevölkerung wieder bewusst werden. Sollte das nicht bald geschehen, droht womöglich wirklich eine Apokalypse, nämlich der Untergang des Nationalstaates.

Weiterführendes:

Jean Comaroff & John L. Comaroff (Eds.): Millennial Capitalism and the Culture of Neoliberalism, Duke University Press 2001.

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