Montaigne heute wieder lesen – mit der Anleitung von Greffrath?

„Montaigne heute. Leben in Zwischenzeiten“, so heißt ein Buch, das Michael Greffrath schon vor 25 Jahren unter anderen weniger verkaufsförderlichen Titeln publiziert hat und das mir in einer Abverkaufsbuchhandlung (so weit kommt es also in „Zwischenzeiten“) in die Hände fiel. Und nicht nur wegen des in unseren Zeiten sehr ansprechenden Titels schlug ich zu. Denn ich war gleichsam neugierig, wie ein Essayist und Publizist die Essais des berühmten französischen Humanisten und Skeptiker darstellen wird – wirklicher Bedarf an guten alternativen Übersetzungen besteht seit der neuen vollständigen Stilett-Ausgabe zwar keiner mehr, aber Hugo Friedrichs und Jean Starobinskis Handreichungen zu Montaigne kann man durchaus straffen. Greffrath entscheidet sich für eine andere Herangehensweise als die verehrenden Philologen: Er streut Eigenes hinter die (in der Übersetzung) gut aktualisierten und sinnvoll gewählten Essais und – ja was und? Macht er dadurch irgendwelche Gedankengänge klarer? Gewinnen wir durch seine gefälligen, aber mitunter zu leichten redundanten Hintansetzungen Zusatzeinsichten? Wissen wir nun etwas Existentielles über das Wesen der Zwischenzeiten? Nein. Und das enttäuscht schon: Der Subtitel „Leben in Zwischenzeiten“ suggeriert einen Hinweis zu eben jenem Zwischenzeit-Lebensmodus, den Greffrath aber im 1998 neu geschriebenen Vorwort nicht bringt. Stattdessen kommt historisch und soziologisch gelehrig, stilistisch ein wenig betont linkisch, inhaltlich ein bisschen links: „das Altgewohnte“. Der Untertitel „Ein Leben in Zwischenzeiten“ ginge in Ordnung. Aber da hätte der Lektor des Diogenes Verlags wohl nicht mitgespielt: Nach „Vom Schaukeln der Dinge. Montaignes Versuche“ und „Montaigne, ein Panorama“ ist der derzeitige Titel marketingtechnisch sicher der beste Titel, der leider nicht hält, was der Autor damit zu versprechen scheint. Dass Montaigne jedoch zeitlose Lektüre ist, darf – Zwischenzeit hin oder her – aber als gesichert gelten. Daher muss man für sein dreibändiges Gesamtwerk noch immer den Originalpreis zahlen. Diese Anschaffung ist dennoch wärmer zu empfehlen: Michel de Montaigne „Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett“ (1998, gebundene Ausgabe Eichborn/2002, Taschenbuch Goldmann).

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